Hi all,
Das Straßenbild asiatischer Großstädte von Bangkok bis Beijing ist üblicherweise von zwanzig bis vierzig Jährigen geprägt. „Wo sind deren Alten?“, fragt sich der westliche Besucher. In den Großstädten Chinas haben wochentags die Alten die öffentlichen Parks für sich erobert. Frühmorgens im Morgendunst treffen sich Dutzende, bisweilen Hunderte Alter zu gemeinsamen Qigong Übungen. Eine Choreographie in scheinbarer Zeitlupe, jeder „tanzt“ in sich versunken seine eigene Figuren, und doch alle zusammen.
Nach den Tagespflichten (sie erinnern sich an einen früheren Blogeintrag: Enkel zum Kindergarten bringen), kehren sie wieder, neue Nachbarn kommen hinzu. Da gibt es jene ältere Herren mit einem abgedeckten Vogelkäfig, den sie zu anderen Käfigen in einen Baum hängen. Daneben die Gruppe der Grillenzüchter, die ihre Schützlinge in Kartons in den Park bringen, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Besondere Könner schleppen Wassereimer und einen besengroßen Pinsel in den Park, um dann schwungvoll Schriftzeichen auf das Pflaster zu malen, begleitet von Zuschauern und Kommentatoren. Nach ein paar Minuten hat sich die Kaligraphie im Dunst verflüchtigt – und gibt Raum für neue – welch Allegorie auf das Leben!
„Ich lebe eigentlich an zwei Orten; hier im Park und in der Wohnung meiner Tochter“. Die Wohnung sei eng und das Fernsehprogramm zu langweilig, sagt Herr Hsü. „Hier treffe ich meine Landsleute aus An-Hui. Manchmal singen wir die alten Lieder zusammen und lachen viel dabei, weil wir so schlecht singen“. Mag stimmen. Die übliche Diskretion der Chinesen nimmt sich in den Stadtparks weit zurück:
Herr Wu kommt mehrmals die Woche mit seiner Sanxian, einer Art dreisaitiger Geige in den Park. Damit gibt er lauthals seine Version alter Volksweisen aus Nordchina zum Besten, inmitten Umstehender, die mitsingen, mitwippen oder auch nur etwas witzeln. Bei den Alten beliebt sind die robusten öffentlichen Gymnastikgeräte, die wahrlich massenhaft aufgestellt zu Streck- und Drehübungen anregen: Etwas Wippen und dabei viel mit dem Gerätenachbarn Plaudern scheint ein wahrer Jugendborn zu sein. Ist der Park groß genug, findet sich für fast alles eine Gruppe zum Dazustellen oder zum Mitmachen. Für die meditativen Rückwärtsgeher genauso wie für die Baumumarmer, Schachspieler, Luftschlangenwirbler und Yo-Yo Balanceure. Populär sind nach wie vor spektuläre T’ai Chi Übungen, die mit Stöcken oder Säbeln garniert, die spirituelle Nähe zum Kung-Fu vermitteln. Oft sind es die ältesten Akteure , deren Bewegungen am harmonischsten ineinander verfliesen. Ist der Park groß genug, lassen alte Experten kunstvoll konstruierte Papierdrachen in den Himmel steigen und ihre Werke von den Umstehenden bewerten. Wo sich so viele Alte tummeln, fehlen auch nicht die Naturheiler mit allen erdenklichen Requisiten, Fuß- und Nackenmasseure – und natürlich fliegende Händler und ihre Stände mit Essbarem.
So verbringen viele chinesische Alte einen Großteil ihres Tages im Park des Quartiers. Billiger als im Teehaus, nicht so eng wie in den eigenen vier Wänden, die oft einen Mehrgenerationenhaushalt beherbergen und vor allem: wesentlich geselliger. Ein chinesischer Stadtpark ist alles andere als beschaulich und schon erst recht keine Oase der Ruhe. Aber er ist ein Stadtteil, in dem zunehmend die Alten den Ton an – und den Rhythmus vorgeben und zueinander finden. Ich gebe es zu, ich bin parteiisch: Es gibt manches in China, das auch wir kopieren sollten….
Ihr Global Oldie