Hello All,

am Dienstag, 1. Februar feiern wir das chinesische Neujahr. In unserem transkulturellen Clan ist es neben Weihnachten das wichtigste Familienfest. Beide Anlässe fallen in die hiesige kalte, dunkle Jahreszeit. Mit wenigen Wochen Abstand ersetzen wir die weihnachtlich roten Kerzen und goldenen Schmuckkugeln durch chinesische Schriftzeichen auf goldenen und roten Papierstreifen am Eingang. Mit dem auf den Kopf gestellten Schriftzug „Glück“; im Sinne von „Glück über uns ausschütten“.

Die Kleinen erhalten zu beiden Festen Geschenke. Zum chinesischen Part gehört, dass die älteren Verwandten und Besucher den Jüngeren „Glücksgeld“ in kleinen roten Kuverts in beide Hände geben; nur persönlich. Per Post verschicken wir diese nicht mehr: zu viele solcher gut gemeinter Briefe waren in den letzten Jahren dem „saisonaler Briefschwund“ zum Opfer gefallen.  Zum E-Versand digitaler Gutscheine sind wir noch zu konventionell – oder zu sparsam. Ginge es bei uns noch  traditioneller zu, dürften wir Senioren Aufmerksamkeiten seitens unserer erwachsenen Kinder erwarten. Als altmodischen Klassiker eine verzierte Packung mit Chrysanthementee. Eine jener, die seit Jahren unbenutzt im Umlauf ist. Oder andere Warmmacher und ebenfalls Glücksgeld.

Am Neujahrestag tragen wir etwas Rotes und ein neues Kleidungsstück. Entgegen unserer Gewohnheit werden wir dieses Jahr nochmals auf Essensrunden mit Verwandtschaft aus nah und fern verzichten. Die symbolträchtigen langen Nudeln, Teigtaschen und Fisch zum Neumond müssen uns im kleinsten Kreis schmecken. Doch das Essenteilen wollen wir in den nächsten Tagen örtlich begrenzt nachholen. Für Neujahrestreffen haben wir sechzehn weitere Jungjahrtage Zeit, bis zum Lampion- oder Frühlingsfest, beim ersten Vollmond. Sechzehn Tage Feierlaune, die in China ungefähr unseren Weihnachtsferien bis zum Drei-Königsfest entsprechen; mit ähnlichem Reiseimpetus, Verkehrsstaus und zeitgemäßen Coronaängsten. Als wir vor vierzig Jahren nicht zu den älteren Angehörigen reisen konnten, hatten wir auf drei Minuten begrenzt und sehr teuer um die Welt telefoniert. Heute klappt das zum Nulltarif samt Videobild und zeitlich unbeschränkt. Danke, digitaler Fortschritt!

Zum Neujahresfest gehören auch Aufführungen wie die akrobatischen Löwentänze. Maskierte Akrobaten-Duos im Löwenkostüm tollen über Stelzen und Podeste, springen und bewegen sich dabei katzenartig. Normalerweise ein Ausflugsziel zu den Festumzügen, in Shopping Malls oder Foyers. Dieses Jahr müssen uns YouTube-Aufzeichnungen, z.B.  aus Singapur oder Taipei reichen. Und dann stünde noch die Übertragung eines der öffentlichen Neujahresfeuerwerke an. Unser Favorit war das im  alten Hongkonger Hafen. Um Menschenandrang an den “public viewing places” zu vermeiden, hat die Verwaltung das Spektakel für dieses Silvester  kurzfristig abgesagt. Auch auf dem Festland und in Singapur stülpt sich Corona über den bunten Feuerzauber. Es wird ein mauer Auftakt. Es fehlt der Startschuss; der fröhliche Radau der Schellen, das Krachen der Böller und das  aufgeregte Stimmengewirr.  Tschüss, geduldiger Büffel; treib’s nicht zu bunt mit uns, Tiger! Wenn wir die nächsten Tage zur kleinen Besuchstour starten, packen wir zum Auftakt seines Jahres den Tiger nicht in den Tank sondern viele, viele Tests in die Taschen. Um böse Überraschungen zu vermeiden, die zum angeblich unsteten Wesen des Tigers passen.

新年快乐 xīnnián kuàilè,  “zum neuen Jahr Wohlbefinden”

wünscht Ihnen Ihr Global Oldie