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Chinesen essen mit Stäbchen. Ihr Gebrauch ist, zusammen mit den Schriftzeichen seit dreitausend Jahren das identitätsstiftende Symbol chinesischer Lebensart schlechthin. Zu dieser gehört, Essen mit anderen am Tisch zu teilen. Ein jeder fischt sich mit eigenen Stäbchen mundgerechte Portionen aus gemeinsam genutzten Schalen in der Tischmitte. Gerne reicht man sich gegenseitig die besten oder letzten Leckerbissen mit den Stäbchen an. Das verbindet und stärkt das Vertrauen. Was in anderen Kulturen Umarmungen, Händehalten oder Geschenke bewirken, drückt in chinesischer Manier dieses  Essen aus gemeinsamen Tellern („gongshi“) aus.

Ausgerechnet jene urchinesische Tradition, tagtäglich milliardenfach praktiziert, gerät nun  unter Verdacht, Corona eine weitere Infektionsbahn, sozusagen auf dem „Landweg, via Oberfläche der beleckten Essstäbchen“ zu bieten. Also am besten verbieten. Ein jeder solle sich nur noch von seinem eigenen, vorservierten Teller oder Schale bedienen. Wie in westlichen Restaurants? Nicht nur ungewohnt; sondern ein Affront für politisch Sensible – der sichtbare Rückfall in unselige koloniale Zeiten und deren Unsitten? Das kann doch nicht der offizielle Ernst, schon gar nicht der kommunistischen Partei Chinas CCP sein!

In abgemilderter Form empfiehlt sich die förmliche, für offizielle und vornehme Anlässe schon früher etablierte Tischordnung Ostasiens: Ein jeder erhält zwei Paar Stäbchen, idealerweise in unterschiedlicher Farbe und Material. Mit den öffentlichen Stäbchen holt man sich seine Portion auf den eigenen Teller zur Zwischenablage. Von dort führt man nun mit privaten Stäbchen die Portion zum Mund, ohne zuvor und danach mit diesen Stäbchen in den gemeinsam genutzten Speisen in der Tischmitte zu stochern.

Ich habe die zweite Variante oft bei förmlichen Anlässen in China geübt. Daher weiß ich aus Erfahrung: fast jeder vertut sich mal bei dem ständigen Wechsel des Bestecks.  Fast alle Tischgäste, In- wie Ausländer, tauschten schon mal verstohlen, mitwissende oder missbilligende Blicke untereinander aus, wenn mal wieder das falsche Paar Stäbchen zum Einsatz gekommen war.

Genauso groß wie die Verwechslungsgefahr ist die Hürde für alte oder traditionelle Chinesen in der Tischrunde: So man ihnen nicht bisweilen einen Happen direkt reicht, fühlen sie sich nicht ausreichend respektiert. Legt man den Senioren den Gebrauch von öffentlichen Stäbchen nahe, monieren manche, man degradiere sie damit zu Fremden am Tisch der eigenen Familie; man distanziere sie:  Eine größere Kränkung ist aus chinesischer Sicht kaum denkbar.

Fast alles scheinen Chinas Machthaber mit Verweis auf die Pandemiebekämpfung zu kontrollieren; von der Mobilität der Einzelnen über öffentliche Hygienemaßnahmen bis hin zur Gesichtsverortung und Zensur. Bei der Revision womöglich infektionsförderlicher Essgewohnheiten stoßen die Behörden jedoch an Grenzen. Repräsentative Umfragen in Chinas Restaurants und bei Privatpersonen, aber auch Videoaufzeichnungen und Beobachtungen belegen die Hartnäckigkeit von Traditionen und Gewohnheiten.

Laut älteren Hygienestudien erhöht sich die  allgemeine Keimbelastung in gemeinsam ausgelöffelten Schalen deutlich. Doch einen Nachweis, dass es auf diesem Wege zu Coronaübertragungen in den Familien gekommen sei, gibt es noch nicht. Es bleibt beim Verdacht, noch.  So hoffe man, dass sich Corona hinreichend zuverlässig nur über Aerosole verbreitet und nicht mit Chinas stolzer Tischkultur kollidiert. Vorsichtshalber nur noch ganz heiß essen? Soll auch ungesund sein, gerade für Alte…

Ihr Global Oldie