Meine Freundin Selma unterzeichnet ihre Post neuerdings nicht nur mit Selma, sondern mit Selma Susanne. »Das macht man jetzt so«, klärt sie mich auf. »Im Internet gibt es schrecklich viele Leute, die so heißen wie man selbst. Mit einem zweiten Vornamen hat man sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal und wird sofort richtig identifiziert.« – Na prima, das lässt hoffen! Die Welt dreht sich weiter, auch in Krisenzeiten, und macht Fortschritte. Männer sind, wie ich lerne, ebenso von diesem vom Drang zum zweiten Vornamen befallen.

Was bisher nur im Personalausweis oder Reisepass stand, wird plötzlich öffentlich und allgemein: Hans nennt sich nun Hans Heinrich, Horst benutzt neuerdings den lieblichen Zweitnamen Emmerich und Hubert Eberhard unterzieht sich mit Würde der Mühe einer nunmehr längeren Unterschrift, da er auch noch den Mädchennamen seiner Gattin zusätzlich zu seinem eigenen führt. Also Hubert Eberhard Niedermayer-Senftleben. Jetzt weiß jeder sofort, um wen es sich handelt. 

Glücklicherweise bleibt es gemeinhin beim zweiten Vornamen und nicht bei der Aufzählung aller anderen, die die liebenden Eltern dazumal ihrem neugeborenen Sprößling verpasst haben. Ich stelle mir vor, unser kurzzeitiger bayerischer Bundesminister aus adeligem Geschlecht würde mit einem Straßennamen geehrt und legte Wert auf Nennung seiner sämtlichen Vornamen: Karl-Theodor-Maria-Nikolaus-Johann-Jakob-Philipp-Franz-Joseph-Sylvester-Buhl-Freiherr-von-und-zu-Guttenberg-Straße. Man brauchte mehrstöckige Straßennamensschilder und müsste glatt das Format der Stadtpläne ändern. 

Apropos Straßennamen. Auch da tut sich was. Man denke bloß an die allgemeine Gender-Beflissenheit und den ausgebrochenen Gerechtigkeitswahn gegenüber dem einstmals schwachen Geschlecht. »Gebt mehr Straßen Frauennamen«, forderte kürzlich sogar (Alt-)Oberbürgermeister Ulrich Maly und stieß auf dezente Zustimmung. Irgendwie verständlich. Angesichts der Tatsache, dass angeblich nur 33 Nürnberger Straßennamen nach historischen Frauen benannt sind, ist dies nicht unbedingt ein überraschendes Ansinnen. Andererseits sind wir ja erst im Jahr 2020 und gut Ding will Weile haben. 

Infolge meines mäandernden Gehirns kommt mir ein Name in den Sinn, den damals fast alle begeisterten Karl-May-Fans noch im Traum herunterrasseln konnten: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah – der treue Gefährte von Kara ben Nemsi Effendi. Dagegen ist unsere Vor-und Nachnamen-Verdoppelungsmanie doch ein Klacks. Man muss das nur richtig einordnen. 

Selma Susanne, meine alte Freundin, läßt sich durch solche ketzerischen Anmerkungen nicht beirren. Wer weiß, vielleicht werde auch ich demnächst schwach und füge meine zwei(!) zusätzlichen Vornamen an. In diesem Sinne – ach nein, damit warte ich doch lieber noch ein wenig – bin ich vorerst weiterhin Ihre …

Brigitte Lemberger

Cartoon: Sebastian Haug