Hello All,

Greta Thunberg scheint mir als neues Wunderkind. Anstatt grandios Violine spielt sie virtuos auf allen denkbaren Medien. Sie dreht den Spies um. Die Sechzehnjährige erbost sich über das Verhalten der 50 Jahre Älteren; sie belehrt die Top-Verantwortungsträger aus allen Herren Länder. Eine bisher mittelmäßige Schülerin erteilt den herrschenden Klassen ein „Ungenügend“ im Fach Umweltschutz und schart weltweit millionenfaches Gefolge hinter sich.

Ihre Botschaft liest sich harmlos „Skolstrejk för Klimatet“. Bewirkt jedoch, dass ohne Rücksicht auf die Zukunftssorgen der Jugend die alte Politik schneller verdorren könnte als Amazoniens Wälder. In Jahresfrist hat Greta Thunberg erreicht, dass Heranwachsende als gesellschaftlicher Machtfaktor wesentlich an Bedeutung gewinnen. Nicht, weil der Meeresspiegel steigt oder das Grundwasser absinkt, sondern weil Teenager von heute drohen, schicksalsentscheidend für das Morgen von Wirtschaftszweigen, politischen Karrieren, Parteien und deren Klienten zu werden. Gretas erste Lektion lautet: Schüler können gleichzeitig pubertieren und politisieren. Sie nehmen teilweise die Elterngeneration zusätzlich mit.

Klimawandel ist eine unerbittlich träge Angelegenheit. Egal, was man beobachtet, interpretiert, unternimmt oder unterlässt: Es dauert in der Erdevolution Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis irgendetwas Menschgewolltes wirkt; von Nuklearsprengkraft mal abgesehen. Doch der kulturelle Wandel, den Gretas Empörung und ihr Pappschild losgetreten haben, gärt jetzt schon. Diese Jugendgeneration geduldet sich nicht auf ihren Marsch durch die Institutionen, um erst Jahrzehnte später mitzugestalten.

Jean d‘ Arc, alias Jungfrau von Orleans, war ebenfalls sechzehn, als ihr Ruhmeszug durch Frankreich gegen die englischen Besatzer begann. Mit Neunzehn wurde sie auf dem Scheiterhaufen geopfert; ihre Feinde waren mächtiger. Das war 1431. Scheiterhaufen sind seitdem gottlob passé. Öffentliche Hinrichtungen erfolgen heute überwiegend über Rufmord via Social Media. Weniger grausam, jedoch ähnlich effektiv, um Lästige verstummen zu lassen. Möge dem neuen Wunderkind beides erspart bleiben. Neben den notorischen alten   Schreihälsen im Politbetrieb tun uns ein paar junge Charismatiker vermutlich ganz gut; vor allem solche, die gar keine sein wollen.

Ihr Global Oldie