vignette2012 Hello All, ich war in einer zünftigen lokalen Bäckerei Landbrot kaufen. Neben mir beobachtete ich eine ältere Asiatin mit weitausgestrecktem Arm; hinter ihr ein Regal mit bayerischen Bauernbrotsorten. In der ausgestreckten Hand hielt sie ein Handy, auf sich selbst gerichtet. Sie hob und senkte den Arm; blickte konzentriert auf den Bildschirm. Typisch, dachte ich; vermutlich Japanerin. Waren Japanerinnen doch  die Pioniere im Selbstfotoschießen gewesen. Smartphones als Spiegelersatz: Fotos vom Kopf seitlich oder von hinten geschossen beim Verlassen von U-Bahn oder Aufzug– um mal schnell zu sehen, ob Frisur und Kragen ordentlich sitzen.  Dann setzte sich in Asien die Gewohnheit durch, das aktuelle Essen zu fotografieren und dies per Handy den Lieben kund zu tun.
Offensichtlich wollte sich meine fernöstliche Nachbarin in der Bäckerei mit bayerischen Backstubenspezialitäten ablichten und solch kulinarische Exotik nach Tokyo oder Nagasaki übermitteln. Gut so! Als Wahlfranke und Kavalier alter Schule musste ich ihr die Verrenkungen nebst verwackelten Bildern ersparen.
“Ich kann Sie gerne vor diesem Regal fotografieren”, bot ich meine Hilfe auf Englisch an. Die Dame sah überrascht zu mir rüber, lächelte, deutete eine Verbeugung an und schüttelte leicht den Kopf. “Nein Danke”. Ah, sie meint wohl, ich wollte sie billig anflirten. Ja, so geht es, wenn hiesige Ritterlichkeit auf asiatische Zurückhaltung prallt. Weltgewandt war mir klar, da muss man das Angebot freundlich wiederholen und beharrlich zurück lächeln. Vergebens.
“Sie können mir vermutlich nicht helfen”, sagte sie. “Ich versuche eine Adresse auf dem Smartphone zu lesen; aber ich bin alterskurzsichtig und habe die Brille im Hotel vergessen. Deswegen muss ich den Bildschirm so weit wie möglich vor mir hochhalten. Es sei denn”, sie verbeugte sich erneut und lächelte anmutig, “Sie könnten mir den Text vorlesen – allerdings in japanischer Hiragana- Schrift”. Uhps. “Tut mir leid…”.”Mir auch…”
Stan Ridgway hatte den Refrain gesungen „…Things are never quite the way they seem*/ die Dinge sind nie das, was sie scheinen“. Recht hatte der Mann – traue nie den Klichees und  dem Augenscheinlichen.
Ihr Global Oldie
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*in seiner gespenstischen Vietnamkriegs-Ballade „Camouflage“ 1986