vignette2012 Otto und ich lagen in unserem Zweimannzelt am Strand von Fenals bei Lloret de Mar. Todmüde von einem Tag lang Ausrüstung Schleppen, Schwimmen, Schnorcheln und Tauchen. Mondlicht schimmerte durch die dünne Zeltplane. Mit ruhigem Wellenschlag atmete das Meer neben uns. Ab und zu ein Mövenschrei oder Hundegebell aus der Ferne; dann wieder nur das regelmäßige Auf- und Ablaufen der Wellen über den groben Kiessand. Schlaf durchsickerte unsere Erschöpfung.
Ein weißer Lichtkegel glitt von Außen über das Zelt; er kehrte wieder, erfasste das Zeltdach erst tastend, dann fest fixiert. Es näherten sich Schritte; langsame, schwere Tritte. Das Licht wurde greller. „Guardia Civil. Ist dort jemand in dem Zelt? Kommen Sie raus“. Wir standen fröstelnd in der Nacht. Mehr vor Angst zitternd als vor Kälte. Franco’s Guardia Civil galt bei uns Jugendlichen als Synonym für Willkür und erbarmungslose Härte. Geblendet vom Scheinwerferlicht hielten wir die Hände vor die Augen, ohne unsere Gegenüber zu sehen. Einer der Männer behielt das gleißende Licht auf uns gerichtet; sein Kollege musterte mit einer anderen Lampe unsere Ausweise. „Deutsche ? Aus Barcelona?“ Die Stimme wurde freundlicher. „Wir sind aus der Stadt übers Wochenende hier zum Tauchen; morgen Nachmittag fahren wir zurück.“ Das Schlaglicht schwenkte wieder auf das kleine Zelt am Strand. Wir erkannten nun die Umrisse zweier Uniformierter mit den eckigen Lackmützen. Tatsächlich: Guardia Civil. „Jovenes, Ihr könnt nicht hier bleiben. Wild campieren ist verboten.“ Wohin mitten in der Nacht? Auf die Wache? Der Ältere raunte seinem jüngeren Kollegen etwas zu. Der steckte seine Leuchte in den Sand, sagte „ auf geht’s“ und half uns, unsere Sachen einzupacken und zum Streifenwagen zu tragen. Der Ältere auf dem Beifahrersitz gab sich jovial und fragte uns aus; zu unseren Eltern und was uns nach Spanien gebracht hätte. Uns war flau und wir antworteten nur das Nötigste. Die Fahrt ging ins Ungewisse, raus aus dem Ort, über eine unbeleuchtete Landstraße. Nicht gut, meinte Otto. Dann hielt der Wagen; wir standen in einem Wald aus Korkeichen. Ein Generator brummte im Dunkeln. Der Suchscheinwerfer fand ein Schild „Camping“. Der Ältere donnerte mit Fäusten gegen die Bude am Eingang, bis ein schlaftrunkener Wächter aufmachte. Der Guardia raunzte ihn an, dass er doch wohl nicht für das Schlafen bezahlt würde. Im Namen der Staatsmacht wies er ihn an, uns ohne Formalitäten und ohne Widerrede sofort aufzunehmen „als Sicherheitsmaßnahme“. „Macht’s gut Jungs, und buenas noches.“
So geschehen im Frühsommer 1967; wir waren damals 18 jährige Teenager.
Nach 47 Jahren war ich gestern Abend wieder am Strand von Fenals. Ich versuchte zu erraten, wo unser Zelt gestanden hatte; wohin wir nachts durch den groben, weichen und feuchten Sand ängstlich bis zum Streifenwagen gestapft waren. Ein weiß-blauer Streifenwagen drehte langsam seine Runde an der neuen Uferpromenade. „Mossos d` Escuadra“ stand auf dem Auto – Kataloniens regionale Ordnungshüter; heute modern, demokratisch, regional. Ich winkte das Auto heran. „Was gibts?“, fragte einer der Beamten auf Katalán. Ob ich Spanisch mit ihm reden könne; ja, aber offensichtlich ungern. „Was machen Sie, wenn Sie nachts ein Zelt und darin zwei deutsche Teenager hier am Strand entdecken?“ wollte ich wissen. Der dunkelblau Uniformierte sah mich kurz zweifelnd an. „Also wissen Sie“, sagte er, „ wir wollen, dass sich hier alle sicher fühlen. Zelten am Strand sähe nach Illegalem aus. Junge Ausländer, auch die deutschen, stehen nachts unter besonderer Beobachtung. Die machen oft Ärger, mit Saufen, Gegröle, Vandalismus. Ein Zelt stünde im Verdacht von Unsitte oder Drogen. Wir praktizieren Zero Tolerance – wenn Sie mich verstehen“. – er zeigte auf den schwarzen Schlagstock an seiner Seite. „Von Anfang an konsequent auftreten, um klare Zeichen zu setzen, das hilft“. Er grinste, ich würde sagen – süffisant. „Suchen Sie hier jemanden, Ihren Enkel?“ fragte er dann, etwas milder lächelnd.
„Nein“, sagte ich, „ich bin von Gestern. Von Vorgestern, um genauer zu sein.“ Dann grüßte ich den Uniformierten mit einem „Adéu“ auf Katalán und stapfte in den groben, weichen und feuchten Sand zurück. Wenigstens der Sand war noch wie früher. Tröstlich.
Ihr Global Oldie