vignette2012 Hello All,
dass Alte gerne tanzen, um sich jünger zu fühlen, ist zwar nett und löblich, aber nicht wirklich sensationell. Anders herum scheint es mir jedoch eine Story wert. Den „baile de los viejitos“, den Tanz der Greise, vollführen junge Männer, ja sogar Kinder, in vielen Regionen Lateinamerikas. Bekannt dafür ist z. B. das Städtchen Patzcuaro in Michoacán, einem der südwestlichen Bundesstaaten Mexikos, fünf Autostunden von der Hauptstadt Mexiko City entfernt. Gruppen von je vier jungen Männern kleiden sich in die traditionelle weiße Baumwollkluft der lokalen Bauern und stülpen sich Poncho und je eine bunte Maske aus Maismehl oder Holz über. Die Masken karikieren groteske Greisengesichter; hinzu nehmen die Tänzer je eine Krücke als weitere brutale Requisite der kommenden Jahrzehnte und beginnen dann das Thema „Alter“ zu tanzen. Der Musik folgend, erst getragen langsam, doch dann immer flotteren Schrittes. Anfangs kommen die Tänzer humpelnd und zitterig daher, buckelig und sichtlich desorientiert. Ihre Masken lächeln; durchaus mit Hintersinn. Allmählich nimmt der Musiktakt Fahrt auf, und die Greise bekommen flotte Füße, die immer schneller trippeln bis sie einen schnellen rhythmischen Stepptanz vollführen, ohne dass die Oberkörper die altersgebeugte Haltung je aufgeben. Die Tänzer werden immer ausgelassener und stellen heitere, witzige und ironische Figuren dar. Dies ist kein Jungbrunnentanz. Es scheint, als bäumte sich für ein paar Augenblicke nochmals jugendliche Kraft in den Figuren auf, am Ende des Tanzes aber schlurfen sie wieder auf ermatteten Füßen von der Tanzfläche. Nur die Musik lacht noch ein paar Takte weiter.
Stoff satt zum Nachdenken! Wie fühlen sich jene Teenager und Twens, wenn sie in die Rolle der Uralten schlüpfen und deren Gebrechen tänzerisch darstellen? Wie kam solch beißender Spott in die an sich schicksalsschwere Thematik? Verspottet die kesse Jugend das Unentrinnbare? Signalisieren die Jungen, dass sie ihre Bestimmung kennen, jedoch nicht fürchten? Oder verspotten die dargestellten Alten ihre Gebrechen als albern und lassen die in ihnen schlummernde Jugendlichkeit nochmals aufblitzen? Ist es ein Tanz, der Verbindung der Generationen gehuldigt, im Sinne von „Du bist, was ich mal war; ich bin, was Du mal seien wirst?“ Was hat das mit den listigen Trippelschritten, die im virtuosen Stepptanz kulminieren, auf sich? Werden da die ganzen lästigen Leiden der Alten in den Boden gestampft?
Und überhaupt, was bewog so grundverschiedene Kulturen wie die Aymara und Quechua- Indianer im Süden der Anden bis zu den Maya-Nachfahren im nördlichen Mittelamerika seit Jahrhunderten, über 12.000 Kilometer, Mord- und Totschlag untereinander und sprachliche Barrieren hinweg, gemeinsam das Alter im Tanz zu thematisieren, unter dem stets wiederkehrenden Zitat der vier Jahres- und Lebenszeiten, aufgeführt von der männlichen (sorry, liebe Gleichstellungsbeauftragte, da ist noch Handlungsbedarf) Jugendlichen? Oder umgekehrt: Wieso hat sich auf dem eurasischen Kontinent – meines Wisens nach – nichts Ähnliches entwickelt und etabliert?
Etwas ironische Distanz zum Unentrinnbaren im ALter mittels eines jugendlichen Spotttanzes könnte uns ja auch hier ganz gut tun. Wieso haben Kolumbus, Pizarro und Cortéz nicht auch noch so was Nützliches mitgebracht, neben all den anderen wunderbaren Kulturgütern Latein- Amerikas wie Mais, Tomate, Truthahn und Kartoffeln – vom Tabak mal abgesehen- ? Und falls dies damals versäumt wurde: warum übernehmen wir das nicht jetzt? Hallo Fernsehprogrammdirektoren! So einen Tanz der Greise aufgeführt von den Teens, das wäre doch mal eine Neuerung, so neben all den Break Dances, Hip Hopp und Sprechgesang. Tanz auf dem Vulkan scheint doch sowieso angesagt, wenn ich die täglichen Medienmeldungen so verfolge.
Na ja, war ja nur mal so ein Gedanke.
Ihr Global Oldie
P.S: geben Sie mal “baile de los viejitos” für YouTube ein: Sie werden zig- Aufnahmen und Tanzvarianten finden.