Ein Teenie ist 66. Die Illustrierte BRAVO kam erstmals im Jahre 1956 heraus. Der spätere BILD-Chefredakteur Peter Boenisch und der Verleger Helmut Kindler hatten damals die Idee, eine Jugendzeitschrift auf den Markt zu bringen. Und sie hatten den richtigen Riecher. Denn die damalige Jugend, die Generationen der heute 60 bis 75-jährigen, war zahlenmäßig zwar riesig, aber was die dachte, was sie bewegte, das interessierte kaum jemanden. Die  »Erziehungsberechtigten«, die Eltern, die Lehrer, ja eigentlich alle Erwachsenen wussten, was sich gehört und was nicht. 

Der Musikgeschmack zwischen Alt und Jung klaffte weit ausein­ander und die  »Negermusik«, wie Rock und Jazz seinerzeit von den Alten genannte wurde, galt als Beweis des kulturellen Verfalls der Nachkriegsgesellschaft. Prügelstrafe war bis weit in die Siebziger erlaubt. Die  »rebellische Kraft des Rock« hatte seine Enklave im Sender der amerikanischen Besatzungsmacht »AFN«. 

Zunächst erschien BRAVO als Fernsehzeitschrift, auf der Titelseite prangte eine breit lächelnde Marilyn Monroe. Man startete damals mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren pro Woche, fünfzig Pfennig das Stück, steigerte sich aber durch das geschickte Marketing schon nach einem Jahr auf über 400.000 Auflage, pro Woche!

Brigitte Bardot war die erste

 In der Redaktion in der Münchner Maxvorstadt brummte es, wenn auch mit kleiner Besetzung, nämlich mit drei Redakteuren und einem Chefredakteur. Im Jahr 1959 kam dann das heraus, was über Jahrzehnte viele Teenie-Zimmer zierte: der BRAVO-Starschnitt, eine bahnbrechende Marketingidee. Als erste Schauspielerin wurde Brigitte Bardot, Idol ganzer Teenager-Generationen, »stückchenweise« veröffentlicht. Nach elf Nummern hatte man die französische Sexbombe in Originalgröße auf einem Pappkarton im Zimmer stehen. Für die Mädchen gab es dann  in gleicher Weise James Dean zum Anschmachten in der eigenen Bude. 

Das, wofür BRAVO aber richtig berühmt wurde, kam erst 1962 ins Blatt. In einer Zeit, in der Eltern die Aufklärung gerne dem Readers Digest überließen oder noch lieber, der Straße, gab es bei BRAVO einen »Knigge für Verliebte«. Verfasserin war die spätere Bestseller-Autorin Marie-Louise Fischer. Gegen diese erste Aufklärungsserie von BRAVO gab es erbitterteren Widerstand. Richtig Fahrt nahm die Serie aber auf, als »Dr. Jochen Sommer« 1969 die Sache in die Hand nahm. Der Mann, der die Aufklärung übernahm, hieß eigentlich Dr. Martin Goldstein; war ein Religionslehrer und Psychotherapeut. Und in kluger Voraussicht, dass ihm mit dieser Serie alsbald der Wind ins Gesicht wehen würde, veröffentlichte er die nicht unter seinem eigenen Namen. 

Moralwächter gingen auf die Palme

Der Schreiber dieser Zeilen hat kurze Zeit einmal als studentische Hilfskraft in der BRAVO-Redaktion gearbeitet und die eingehende Post körbeweise herumgeschleppt. Was da zu lesen war: »Mein Freund hat mir einen Zungenkuss gegeben, bin ich jetzt schwanger?« Oder »stimmt es, dass man von Selbstbefriedigung Gehirnerweichung bekommt?«, eine Weisheit, die damals häufiger von Pfarrern in Beichtstühlen verbreitete wurde. 

Die aufklärerische Freizügigkeit von Dr. Sommer brachte die Moralwächter der damaligen Zeit auf die Palme. Die »Deutsche Vereinigung für christliche Kultur« kämpfte mit der Aktion »Kinder in Gefahr – Stoppt BRAVO« für ein Verbot. Zweimal landete die Jugendzeitschrift auf der Liste verbotener Schriften, die nur noch an über 18-Jährige verkauft werden durften. Stein des Anstoßes war einmal das Thema »Selbstbefriedigung führt nicht zu Knochenmarkschwund« gewesen. Doch der Erfolg der Serie war nicht mehr zu stoppen. Im Laufe der Jahre wurde aus »Dr. Sommer« ein ganzes Experten-Team. 

Zwölf Ottos für Winnetou

Von 1964 an war BRAVO vor allem eine Musikzeitschrift. Sehr gerne nahmen Musiker ab 1957 an der Verleihung des »BRAVO-Otto« teil, allein 13 dieser Trophäen erhielt Bon Jovi. Und der Winnetou-Darsteller Pierre Brice, damals der Schwarm vieler Mädchenherzen, wurde mit zwölf Ottos ausgezeichnet. 

In der Zwischenzeit war das Blatt auf der Höhe seines Erfolges. In den Siebzigern erreichte die Postille 1,7 Millionen Auflage pro Woche und war aus der Unterhaltungs-Szene nicht mehr wegzudenken. Wer in Deutschland zum Star avancieren wollte, tat gut daran, sich mit BRAVO gut zu stellen. Bands wie die »No Angels« und »Take that« sind damit gut gefahren. 

1989 bekam sie durch die Wiedervereinigung noch einmal Auftrieb, denn bis dahin war die »kapitalistische« Postille in der DDR verboten, was aber nicht hieß, dass sie nicht eifrig auch in der DDR gelesen wurde und auf dem Schwarzmarkt Rekordpreise erzielte. Doch nach diesem Zwischenhoch ging es langsam aber stetig bergab. Spätestens, als die Sozialen Medien immer mehr Einfluss gewannen, begann der Glanz der BRAVO als Jugendzeitschrift und meinungsbildendes Medium zu verblassen.

Nur noch einmal im Monat

Inzwischen kommt das Heft nur noch einmal pro Monat heraus und hat eine Auflage von 90.000 Exemplaren. Es wird mittlerweile in Köln von einem Redaktionsbüro gemacht und es gibt immer wieder Gerüchte, BRAVO würde eingestellt. 

Und was ist inhaltlich aus der guten alten ­BRAVO geworden? 2,99 Euro kostet das Hochglanzheft inzwischen. Ich blättere die Zeitschrift durch: Die Rezepte sind noch immer die von anno dazumal: Stars, Schnittbögen der neuesten Idole, sogar die Rubrik »Dr. Sommer« gibt’s noch. »Warum bekomme ich keinen Orgasmus«, fragt Saskia (15) oder: »Wann bist Du bereit für Sex?«

Eine Story ist sogar für mich interessant: Interviews mit den Filmstars der Harry-Potter-Verfilmung. Und da erfahre ich, dass Hermine (Emma Watson) im richtigen Leben doch tatsächlich in Draco Malfoy (Tom Felton) verknallt war, diesen Widerling. Hätte ich lieber nicht gewusst. Was mir auffällt: Im ganzen Heft finde ich keine, als solche ersichtliche Werbung. Ist das Prinzip oder mangelndes Interesse bei Anzeigenkunden? 

Grüße von der Rentner-BRAVO

Aber, versichert mir der Verkäufer am Bahnhofskiosk: »Die BRAVO wird schon noch gekauft, keine Frage.«

Einen kleinen Triumph konnte das Blatt Anfang 2022 für sich verbuchen: Die »Apotheken-Rundschau« scherzhaft auch »Rentner-Bravo« genannt, widmete in ihrem Innenteil BRAVO eine Gedenknummer, die ganz wie das Teenie-Blatt aufgemacht ist, und hat sogar eine Bildstrecke nicht vergessen. 

Text: Werner vom Busch
Abbildungen: Bauer Media Group