vignette2012 Hello all, anthropologisch gesehen sind unsere Vorfahren zwei Millionen Jahre lang Umherziehende gewesen. Der moderne homo sapiens ist erst seit ein paar Jahrtausenden überwiegend sesshaft; ein junges Verhaltensmuster, das den Wandertrieb nur bedingt zügelt. Unsere Neigung zum Tapetenwechsel, als Ausflüge, Dienstreisen oder Tourismus scheint genetisch verwurzelt. Der Impuls zum Erkunden neuer Regionen drängt selbst dann noch, wenn der Körper wegen Verletzung, Behinderung oder Alter solche Aktivitäten nicht mehr unterstützt. Zum Glück der Fernwehgeplagten mit physischen Einschränkungen gibt es heute die Schiffskreuzfahrten für (fast) Jedermann. Einmal an Bord etabliert, kommt dem Reisenden die Welt entgegen geschwommen. Eine Kreuzfahrt ist dieser Tage nicht mehr zwangsläufig exklusiv oder teuer. Die US- Amerikaner gehören zu den Pionieren, körperlich Behinderten Zugang zu bezahlbaren Schiffskreuzfahrten verschafft zu haben. Diese Möglichkeit haben dann Senioren auch im fortgeschrittenem „Slow Go“ – Modus für sich entdeckt und somit ein paar zusätzliche Jahre an Reisefähigkeit dank entsprechend ausgestatteter Schiffe gewonnen. Man muss keinen Behindertennachweis bringen; die Annehmlichkeiten der entsprechend konzipierten Schiffe und spezialisierten Kabinen kommen einem schon gut zupass, wenn man mit temporären Knieproblemen, Rückenschmerzen oder schwacher Puste ringt. Die Gründe für die ausgeprägte Handicap-Orientierung der US Reedereien sind vielfältig: Geschäftssinn für zusätzliche Zielgruppen und Kundenbindung, das messerscharfe Antidiskriminierungsgesetz ADA, wehrhafte Behindertenverbände, ein starker Familienzusammenhalt mit Mehrgenerationen- Reisegruppen und ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis mögen einige der Faktoren sein. Das entsprechende Angebot der US- Reedereien, vor allem auf den neueren Schiffen ist eindrucksvoll: behindertengerechte Gänge und Restaurants, Schiffskajüten mit extrabreiten, automatisch öffnenden Zimmertüren in der Nähe von Aufzügen und Rampen, Speisekarten und Wegweiser in Brailleschrift; „Window Eye“ Software in der Bibliothek, die Sehbehinderten Internetseiten vorliest, TDD und TTY- Technik, Taubstummendolmetscher, Bordswimmingpools mit Hebebühnen, Rollstuhl- und Gehhilfenservice seitens der Besatzung. Spezialanbieter wie „Dialysis at Sea“ sorgen bei Schiffsreisen für Dialysegeräte und Nephrologie an Bord; „ein „Deaf Travel Club“ bedient Hörgeschädigte, „Mind’s Eye Travel“ organisiert Seereisen für die Sehbehinderten und „Accessible Journeys“ für jeden, der Gehrprobleme hat. Disney Cruises engagiert sich besonders für behinderte Kinder, die mit ihren Familien und Altersgleichen in die Borderlebnisangebote speziell eingebunden werden.
Daher waren wir nur anfangs überrascht, so viele Hochbetagte und Gehbehinderte aus den USA und Kanada als Mitreisende an Bord unserer Kreuzfahrt zu haben. Eine siebenköpfige Viergenerationenfamilie aus Montana mit Kleinkindern und Urgroßmutter erzählte uns, die Kreuzfahrt sei die einzige und zugleich schönste Art, alle zusammen nochmals eine Reise zu unternehmen; eine Reise, die die Großeltern vor 45 Jahren als Hochzeitsreise geplant – aber bis dahin nie realisiert hatten. Besonders schätzten sie den Umstand, dass es an Bord keine Verständigungsprobleme und keine Kriminalität gäbe, es sei alles so sauber, eine große Auswahl an Essen mit Unterhaltungs- und Rückzugsmöglichkeiten für jede Generation – und jeden Morgen läge eine neue Stadt und Landschaft unterhalb der der Landungsbrücke. Auch die Urgroßmutter fuhr auf einige der Landausflüge mit; von Bord geleitet mit einem speziellen Rollstuhlservice.
Die europäischen Reedereien bieten inzwischen ebenfalls entsprechende Einrichtungen und Dienste an Bord. Man sollte sich nicht am Begriff stören: ein behindertengerechtes Kreuzfahrtschiff ist kein Stigma sondern für uns Ältere ein viel versprechendes Angebot für bequemes und sicheres Bummeln zu neuen Schauplätzen und bietet zugleich die Aussicht, eventuell noch länger dem Wanderdrang nachzugeben.
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