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Ist das Altenheim noch zeitgemäß?

Die Menschen, die in eine stationäre Einrichtung umziehen, werden immer älter und pflegebedürftiger. Das stellt Alten-und Pflegeheime vor große Herausforderungen. Die von der Politik gewollte Strategie "ambulant vor stationär" zeigt hier Wirkung. Doch wie stellen sich die Heime der veränderten Situation?

Elfriede Betz lebt ich gerne im Altenheim. Doch immer weniger Rüstige ziehen dorthin um, was die Einrichtungen vor große Herausforderungen stellt. Foto: Michael Matjeka
Elfriede Betz lebt gern im Altenheim. Ihr Zimmer ist so geräumig, dass sie nicht immer ihr Bett vor Augen haben muss, und von der Sitzecke aus kann sie den Gärtner bei der Arbeit beobachten. Die 83-Jährige ist noch rüstig – und gehört damit zu einer Minderheit der Bewohner im Altenheim St. Martin in der Grolandstraße im Nürnberger Norden. Das ist inzwischen in fast allen Heimen so. “Der demografische Wandel ist längst angekomme”, formuliert Dieter Pflaum vom Stift St. Lorenz in der Altstadt diese Entwicklung. Die Bewohner sind im Durchschnitt deutlich älter als noch vor zehn Jahren und häufig stark pflegebedürftig. Daran ist nicht nur die ständig wachsende Lebenserwartung der Deutschen abzulesen, sondern auch die Auswirkung einer politischen Weichenstellung. Seitdem der Grundsatz “ambulant vor stationär” konsequent umgesetzt wird, wandeln sich die Heime von einem letzten Zuhause zu einer Versorgungsstation, die mit ihrer Arbeit oft erst dort beginnt, wo die Krankenhäuser aufhören.
»Vor Weihnachten haben wir Hochbetrieb«, sagt Dieter Pflaum. Dann werden noch schnell die Patienten aus den Kliniken entlassen. Sie sind zwar häufig schwerst pflegebedürftig, sollen aber über die Feiertage nicht mehr im Hospital behandelt werden. Immerhin 80 Prozent der Bewohner von St. Lorenz zogen direkt von einer Krankenstation hierher, berichtet der Leiter der Einrichtung, die zu den Rummelsberger Anstalten gehört. Er spricht von einer »Zwangsentscheidung«, wenn es um die Frage geht, ob ein Hochbetagter ins Heim umziehen soll. Meistens ist es dann soweit, wenn die Medikamente zu Hause nicht mehr richtig eingenommen werden, sich der alte Mensch nicht ausreichend ernährt, vergisst zu trinken, sturzgefährdet ist oder zunehmend orientierungslos.
Diese Entwicklung interpretiert der ambulante Dienst Micura in Nürnberg anders, denn schließlich profitiert das Unternehmen von der politischen Weichenstellung. Die ambulanten Dienste boomen. Die Nachfrage ist so hoch wie nie. Das gilt auch für den im Stadtteil St. Leonhard stationierten Anbieter, der Kunden im ganzen Stadtgebiet versorgt. »Die einfache Kausalkette ›Wenn es im Haushalt nicht mehr klappt, geht die Oma ins Heim‹ existiert nicht mehr«, glaubt Micura-Leiterin Gesa Flüchter. Durch verschiedene gesetzliche Regelungen, finanzielle Unterstützung von pflegenden Angehörigen sowie Zuschüsse zur ambulanten Versorgung werde heute viel getan, damit die alten Menschen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können.
»Es gibt viele Gründe, warum die Versorgung zu Hause heute besser klappt als früher«, meint Marika Seischab, Pflegedienstleiterin bei Micura. Dazu zählt sie nicht nur die Möglichkeit einer Intensivpflege rund um die Uhr. Auch bauliche Verbesserungen wie eine Wohnung ohne Türschwellen und technische Neuerungen durch Computerüberwachung für chronisch Kranke ermöglichen es vielen alten Menschen, länger als früher im eigenen Zuhause zu bleiben. Notrufdienste zum Beispiel haben heutzutage mit dem alten Funkfinger höchstens noch die äußere Form gemein. Micura etwa kooperiert mit einem Notrufanbieter, der durch telemetrische Funktionen selbst eine Sturzüberwachung möglich macht. Dadurch, dass die Technologisierung Einzug in die Altenpflege gehalten habe, seien auch ganz andere Verbindungsmöglichkeiten für Angehörige entstanden.
Zeit für Besorgungen
Die flankierenden Maßnahmen reichen inzwischen so weit, dass der ambulante Dienst auch anbietet, mal drei Stunden am Stück beim pflegebedürftigen Familienmitglied zu verweilen, damit die Angehörigen Zeit für Besorgungen haben. Benötigen pflegende Angehörige eine längere Auszeit, stehen stationäre Einrichtungen bereit. Häufig ist ein kurzer Aufenthalt im Heim der Einstieg für einen späteren Umzug, denn noch immer gilt: Wer ein Haus bereits kennt, der fühlt sich später dort wohler, wenn er dauerhaft einzieht.
Das traf auch auf Elfriede Betz in St. Martin zu. Sie hat schon ihre Mutter in dem in den 1970-er Jahren errichteten Heim versorgt, und daher ist ihr die Umgebung vertraut. Seitdem sie eine Flurnachbarin bekommen hat, mit der sie Tanzstundenerinnerungen teilt, ist sie noch zufriedener mit ihrer Situation. Denn anfangs habe ihr schon zu schaffen gemacht, dass sie kaum etwas zu tun hatte. Das sei genau das Gegenteil dessen gewesen, was sie in ihrem Eigenheim erlebte, berichtet sie. Dort sei die Arbeit so viel geworden, dass sie das zweite Stockwerk ausgeräumt hatte, weil ihr das Treppensteigen zu beschwerlich geworden war. »Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal oben war«, überlegt die muntere Frau.
Für die wenigen verbleibenden Rüstigen versucht das Heim eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie sich wohlfühlen. Selbst wenn sie zu einer Minderheit gehören, weil von 92 Bewohnern nur noch 12 zu dieser Gruppe zählen. »Es ist eine große Herausforderung«, räumt René Malz ein. Er ist Bereichsleiter beim Caritasverband Nürnberg-Stadt und hat zuvor selber 13 Jahre lang in St. Martin gearbeitet. In diesem Zeitraum ist das Alter der Bewohner um zehn Jahre nach oben geklettert. Es liegt, egal in welcher Einrichtung, bei 82 bis 83 Jahren.
Wenn fast jeder Bewohner pflegerisch versorgt wird, ist es schwer, für eine Stimmung zu sorgen, die nicht an ein Krankenhaus erinnert. Die Feuerschutz-Vorschriften seien dabei »sehr hinderlich«, klagt der Heimleiter von St. Martin, Peter Meusch. Man könne deswegen kaum mit Sitzgelegenheiten auf den Fluren, Decken und anderen Stoffen eine Wohnlichkeit schaffen. Doch wenigstens auf den Zimmern ist es gemütlich. Zu 80 Prozent richten die Bewohner ihre Zimmer noch selber ein. Häufig werde vom Haus ein Pflegebett gestellt, sagt Meusch. Das sei sinnvoll, damit der alte Mensch nicht noch einmal umziehen muss, wenn sein Pflegebedarf steigt.
»Mit Pflegestufe eins leben die meisten noch in der Familie«, weiß Veronika Spreng, die bei der Stadt Nürnberg für die Wohnberatung zuständig ist. Sie beantwortet Anfragen von Angehörigen, die sich ganz allgemein mit dem Thema Wohnen im Alter beschäftigen. Dazu gehört auch die Gruppe derjenigen, die sich für das Betreute Wohnen entscheiden. Häufig handelt es sich dabei um finanziell besser gestellte Menschen, die dafür ihr Haus oder ihre Eigentumswohnung verkaufen.
Drei Jahre im Heim
Geht es direkt um die Versorgung Pflegebedürftiger, schickt sie die Ratsuchenden eine Tür weiter zum Pflegestützpunkt. Dort wird mit den Krankenkassen eng zusammengearbeitet. Ab Pflegestufe zwei geht es meist doch in eine stationäre Einrichtung, zitiert Veronika Spreng die Statistik. Etwa drei Jahre bleiben die Menschen durchschnittlich im Heim. Wer als Rüstiger bereits dorthin umzieht, ist oft alleinstehend, bewohnt ein oberes Stockwerk in einem Haus ohne Aufzug oder ist männlich und ohne hauswirtschaftliche Kenntnisse und Fähigkeiten, fasst sie zusammen.
Der bürokratische Weg ins Heim ist in allen Fällen gleich. Ohne Gutachten vom medizinischen Dienst der Krankenkassen ist eine Heimaufnahme kaum möglich. Wer einen ablehnenden Bescheid erhält, sollte sich an einen Hausarzt wenden, der die Notwendigkeit eines Umzugs bescheinigen kann. Die Differenz zwischen den Leistungen der Pflegekassen und den tatsächlichen Kosten im Heim beträgt in der Regel 1600 Euro. Diese sind je nach Vermögen selbst zu zahlen. Andernfalls übernimmt ein Kostenträger wie der Bezirk Mittelfranken – je nach Bedürftigkeit – einen Teil oder die ganze Summe. Nach dem erfolgreichen Durchlaufen der Antragsformalitäten ist es zurzeit nicht schwer, einen Heimplatz zu erhalten. »Früher hatten wir rund 100 freie Plätze in Nürnberg«, erzählt Spreng. Die Zahl sinkt zwar langsam. Dennoch sei es momentan nicht geplant, neue Heime zu errichten.
Warum das so ist, da hat Heimleiter Dieter Pflaum seine eigene Theorie. Er führt die Zurückhaltung der Investoren bei steigender Nachfrage auf die fehlenden Pflegekräfte zurück. Auch Malz vom Caritasverband bestätigt, dass der Arbeitsalltag im Heim deutlich anstrengender geworden ist, weil die Versorgung zeitintensiver ist als früher. Auch die Rückmeldung der Bewohner an die Schwestern sei nicht mehr so häufig wie früher, weil viele Bewohner altersverwirrt sind und sich nicht mehr gut äußern könnten.
Weißwurstessen und Singen
Dennoch wird nach wie vor ein Programm für alle Rüstigen angeboten. In St. Martin gehören Silvesterfeiern und Volksfestbesuche dazu, in St. Lorenz werden die Wohngruppen auf den Stockwerken mit Weißwurstessen und Singen bei Laune gehalten. Elisabeth Scharf bescheinigt, dass es »sehr viel Abwechslung gibt«. Die 88-Jährige wechselte aufgrund einer gewissen Verbundenheit ins St.-Lorenz-Stift. Sie war lange in der Innenstadtkirchengemeinde aktiv und hat auch im Stadtzentrum gelebt. Auch sie hat übrigens eine alte Bekannte im Heim wieder entdeckt: eine Schulfreundin, mit der sie einst in die Löhe-Schule eingeschult wurde.
Eine sichere Bank ist das Heim also für alle, die allein nicht zurechtkommen, aus welchen Gründen auch immer. Doch schon zeichnet sich eine weitere Entwicklung ab. Der technische Fortschritt wird auch in den Heimen eingesetzt, um Menschen mit Orientierungsschwierigkeiten nicht mehr gängeln zu müssen. Stattdessen löst wie in St. Martin ein Armband ein Funksignal aus, wenn ein Demenzkranker das Haus verlassen möchte. Solche Entwicklungen machen sich auch ambulante Dienste zunutze. Schon gibt es die ersten ambulanten Wohngemeinschaften für Alzheimerkranke in der Region. Micura betreut eine davon. Die beiden Leiterinnen Seischab und Flüchter schwärmen davon, wie gut die Versorgung dort klappt.
Der Wandel, der die Heime seit geraumer Zeit erfasst hat und der sich wohl am deutlichsten im langsamen Verschwinden des Wortes »Altenheim« aus dem Sprachgebrauch zeigt, wird die Einrichtungen in den nächsten Jahren noch weiter umkrempeln.
Petra Nossek-Bock; Fotos: Michael Matejka

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