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Das war schick: das Fleiß­kärtchen

Wenn Kinder nach vier Jahren aus der Grundschule entlassen werden, sollten sie das Lesen, Schreiben und Rechnen im Zahlenraum bis eine Million beherrschen. Aber macht sie das schon zum guten Menschen? Idealerweise bekommen die Kleinen auch noch ein paar Tugenden vermittelt, wie Höflichkeit oder Pünktlichkeit.

Eine Tugend stand bei Lehrerinnen und Lehrern immer schon hoch im Kurs: der Fleiß. Wer nicht gerade mit einem genialen Geist gesegnet ist, und das sind ehrlicherweise gesagt nur die wenigsten, muss mit konsequenter Arbeit zum Ziel kommen. Lateinlehrer glaubten später im Gymnasium, sie würden ihre Schüler mit dem Spruch »Per aspera ad astra« anspornen können, zu Deutsch in etwa: über steinige Wege zu den Sternen.

So wird der Fleiß in der Schule immer besonders belohnt – in früheren Zeiten durch Fleißkärtchen, bunte Bilder, oft noch mit einem tugendhaften Sinnspruch versehen. Die Lehrerin verteilte die Karten an vorbildliche Mädchen und (vermutlich seltener) an Buben. 

Häufig wurden Zeichnungen von Maria Innocentia Hummel für die Fleißbildchen verwendet. Die Ordensschwester und Zeichenlehrerin aus Niederbayern hatte mit ihren Porträts kleiner, putziger, rundlicher, niedlicher Kinder einen riesigen Erfolg, auch wenn manche Kritiker ihre Arbeiten als Kitsch abtaten. Auch Ida Bohatta-Morpurgo, die in den 60er-Jahren viele Märchenschallplatten gestaltete, und Maria Spötl schufen zahllose Fleißbildchen.

Ihren Ursprung hatte die Tradition Ende des 18. Jahrhunderts. Das älteste nachweisbare Fleißbildchen ist 1793 an einer Hamburger Schule ausgegeben worden, heißt es bei Wikipedia. Für die Kinder dieser Zeit spielte nicht nur die Anerkennung eine Rolle. In einer an Bildern wesentlich ärmeren Zeit als heute war das Geschenk der Lehrerin ein besonderer Schatz.

Auch heute noch werden Schülerinnen und Schüler motiviert und gelobt, wenn sie sich besonders angestrengt haben, selbst wenn die Fleißbildchen ein bisschen aus der Mode gekommen sind. Bei den modernen Varianten hat sich allerdings der Ton verändert: »Das machst Du prima«, »Gib nicht auf« oder »Du bist ganz toll!« zielt nicht mehr so auf die Strebsamkeit ab.

Georg Klietz

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