Hello All,

nach ein paar Wochen Sendepause: ja, es gibt mich noch, sowohl als Privatmenschen als auch als Blogger. Was ist, war los?  Als Privatmensch meine ich zu wissen, mit wem ich es bei einer Unterhaltung zu tun habe, wem ich zuhöre, wer mir antwortet oder fragt. Bloggen hingegen ist eine einseitige Kommunikation; ich schreibe etwas, ohne zu ahnen, wer, wann, was und warum mit welcher Wirkung liest. Klickzahlen zu den einzelnen Beiträgen sind fast das einzige Echo, mit dem ich die Resonanz einzelner Beiträge einschätzen kann; zuzüglich sporadischer Leserkommentare.

Meist jedoch schippere ich beim Bloggen im Dunklen. Taschenlampen-Morsesignale auf hoher See in tiefer Nacht. Wie unergründlich diese Dunkelheit ist, habe ich in den letzten Wochen erfahren. Anfangs habe ich mich gefreut, als mehrere Kommentare zu früheren Blogs in meiner E-Mailbox auftauchten, die dort auf Freigabe im Dialogfeld warteten. Bis ich merkte, dass mich Bots angeschrieben haben. Also virtuelle Roboter, die das Internet und damit auch Blogs auf Schlagwörter hin durchsuchen, um dann Werbebotschaften huckepack auf meinem Blogdialogfeld zu verbreiten. Als Global Oldie scheine ich mich, gemäß der Algorithmen jener Bots als Wirtstier besonders zur Verbreitung von Pharma-Spam zu qualifizieren.

Zweifel nagten an mir. Welcher Anteil jener vermeintlichen Leser-Klicks stammen von kalten Maschinen, die mich und meine Leser ausnutzen? Wozu weiterhin Bloggen? Inzwischen haben hilfreiche Menschen beim Magazin sechs+sechzig einen findigen Spamfilter eingebaut, der mich und Sie, nunmehr noch höher geschätzte Leser aus Fleisch und Blut, vor diesem digitalen Ungeziefer schützt. Aber die Frage bleibt, wieso ich Blogs schreibe. Woher kommt das Bedürfnis, sich unaufgefordert Fremden mitzuteilen? So wie Forrest Gump, der auf einer Bank an der Bushaltestelle allen möglichen Passanten aus seinem Leben erzählt. Ich selbst bin noch am Gründeln, was mich diesbezüglich schiebt. Es gibt zu dem Thema ein paar interessante Quellen von besser Informierten*. Demnach frönen ca. 32 Mio. Amerikaner, also knapp 10 % der US-Einwohner der Gewohnheit, Blogs zu verfassen. Und investieren je Eintrag ca. 3,5 Stunden. Nicht nur Amerikaner sind diesbezüglich produktiv. Allein im englischsprachigen Raum kommen angeblich täglich ca. 2 Mio. neue Blogs hinzu; aktiv stehen ca. 600 Mio. Blogs online. Zuzüglich der Vlogs: Video-basierter Blogs, die ich hier vorerst ausklammere.

Werte Leser, Sie haben wirklich die Riesenauswahl; ich freue mich um so mehr über das Privileg, dass Sie ausgerechnet meinen Beitrag aus jener Angebotsfülle ausgesucht haben. Zum Dank an Sie noch ein paar Daten zur Leserseite: Blogleser bevorzugen die Zeit zwischen 7 und 11 Uhr vormittags. 77% aller US- Internetnutzer lesen auch Blogs. Blogleser und -Schreiber sind überwiegend -*innen. Sie verweilen durchschnittlich 37 Sekunden auf einem Blog. Was zunächst mit der Information kollidiert, dass Blogs mit den meisten Klicks jene sind, die aus mehr als 2000 Wörtern bestehen. Und das in durchschnittlich 37 Sekunden?  54 Worte je Sekunde zu lesen halte ich für  ambitioniert, selbst unter besonders schnell schießenden  Amerikanerinnen.

Ja, Crawler und Bots können das locker, aber diese Dinger wurden ja hoffentlich weder befragt oder deren Verweildauer ausgewertet. Vermutlich lesen faktische Menschen zunächst die Überschrift, den Teaser, dann diagonal oder das Ende. Also werde ich mir demnächst nochmals die Aufmacher, Länge und Lesedauer künftiger Blogs vorknöpfen. Und das Motiv meiner selbst und der Mio. anderer Mitblogger weiter ergründen: Wie mutierte ein Ableger des einst verschwiegenen Tagebuch zum geschwätzigen Web-Tagebuch?

Ihr Global Oldie

*U.a. basierend auf Angaben von WordPress sowie Ryan Robin, „40 Blogging Statistics You Need to Know in 2022”, unter www.ryrob.com vom 22. April 2022