Auch die Bewegung hält Hongkongs Senioren fit. Ob Qi-Gong, der Spaziergang und zum täglichen Einkauf oder Wandern in den öffentlichen Wildparks, die 76 Prozent der Landfläche Hongkongs einnehmen. Foto: Fargel

Hallo All,

Hongkonger sind Weltmeister*. Die Jungen aktuell im Zertrümmern von U-Bahnstationen. Die Alten in Langlebigkeit. Trotz beengter Wohnverhältnisse in Hochhäusern, neun Monaten schwülen Tropenklimas und Smogbelastung leben Hongkongerinnen durchschnittlich 87,3 die Männer 81,3 Jahre: Weltrekord.

Hongkong passt dabei nicht in jene idyllische „Blaue Zonen“, die Altersforscher Dan Buttner u.a. in japanischen Fischerdörfern, mediterranen Berghängen und naturbelassener Küsten Costa Ricas verortet. An Langlebigkeitsgenen kann es in Hongkongs zusammengewürfelter Bevölkerung auch nicht liegen. Prof. Woo, Gerontologe an der Chinese University in Hongkong, beschreibt hingegen eine Reihe von lebensverlängernden Faktoren, die nicht alle zum westlichen Wunschbild eines geglückten Alters passen. Die Mehrheit der heute Ü-60-jährigen Hongkonger genossen in ihren „besten“ Jahren aus wirtschaftlichen Gründen seltener Fleisch, westliche Gerichte und Fertiggetränke, dafür mehr Reis, Gemüse und Tee anstatt  gesüßter Getränke. Die kleinen Mehrgenerationenwohnungen zwingen die Alten in die öffentlichen Parks, auf die Promenaden zum Qi-Gong, Spaziergang und zum täglichen Einkauf. Denn selten wohnen die Senioren allein; die meisten leben zusammen mit Ehepartner, Geschwistern, Kindern oder Enkel. Aus Familiensinn und Wohnungsmangel. Hongkongs Senioren haben meist eine Aufgabe in diesem Umfeld: Hüten der Enkel, Betreuung eines Hilfsbedürftigen in der Familie oder Essenszubereitung. Sie essen zusammen mit anderen, was mehr Abwechslung der Speisen und soziale Kontrolle mit sich bringt.

Pflegebedürftige Senioren erhalten eher eine indonesische „Ama“ als ständige Betreuerin zuhause, als dass die Angehörigen ihre Alten in eine Pflegeeinrichtung einweisen. Wegschicken der Senioren in ein Heim widerspricht dem chinesischem Familienethos. Außerdem kommen ausländische Haushaltshilfen billiger. Womit die hilfsbedürftigen Alten 24/7 Begleitung und Ansprache haben, selbst wenn die Kommunikation mehr schlecht als recht klappt. Bei medizinischen Notfällen liegen die Behandlungszentren nur wenige Minuten entfernt. Die Gesundheitspolitik Hongkongs hatte noch zu britischen Kolonialzeiten erfolgreich für hohe Hygienestandards, sauberes Trinkwasser und Antiraucherkampagnen implementiert. 76% Prozent der Landfläche ist öffentlicher Wildpark. Von fast überall in wenigen Minuten erreichbar mit Bussen und Bahnen.

Hongkonger haben Zugang zu moderner Medizin. Übergewicht, Hypertonie und Diabetes spielt bei den heutigen Ü- 60 Hongkonger noch nicht die gleichrangige Rolle wie in anderen Ländern. Auch wenn sich das in den künftigen Alterskohorten dem Risikoprofil der Industrienationen anpasst. Vielerorts brummt und dröhnt es in Hongkong. Mal wuselt der Verkehr hektisch über Schnellstraßen, mal staut er sich zäh vor den Tunnels. Die Meeresenge zwischen Hongkongs Hauptinsel Victoria und Kowloon riecht nicht immer vornehm, und in der Trockenzeit verhüllen Smogschwaden die Bergketten und Wolkenkratzer. Dennoch: Nirgendwo lebt es sich länger als hier. Vielleicht brauchen Alte zum langen Leben gar nicht so viel Ruhe und Abgeschiedenheit, sondern neben Infrastruktur Aufgaben, Anerkennung und Anregung? Es müssen ja nicht gleich vandalierende Enkel in schwarzer Vermummung sein, die für Anregung sorgen.

Ihr Global Oldie

*United Nations Vital Statistics Summary and Life Expectancy at Birth for 2016