vignette Hello All, die zwischenmenschliche Beziehung beruht auf Verständigung; zwischen Vertrauten und Fremden, Jungen und Alten. Wenn’s mal knirscht, liegt es nicht gleich an konfliktiven Leitkulturen, sondern wahrscheinlicher an banalen Missverständnissen. Selbst die geschliffenste Wortwahl muss sich damit arrangieren, dass ca. 70% aller Kommunikation nonverbal erfolgt. Gerüche, Körpersprache, Gesten und Symbole eilen dem Gesprochenen weit voraus; unterstützend oder konterkarierend. Aus einem Widerspruch des Gehörten und Beobachteten reimt sich der Zuhörer dann, je nach Interpretation, Verständnis, Komik, Ratlosigkeit oder nagenden Verdacht auf Unredlichkeit zusammen. Unser entwicklungsgeschichtlich archaisches Kommunikationsmittel, der Körpergeruch, entzieht sich von der Ausschüttung erotisierender Pheromone bis hin zum Angstschweiß gänzlich unserer Kontrolle. Sprachen, Manieren und Gestik kann man bis zu einem gewissen Umfang lernen und nach Bedarf modifizieren; Kinder und Schauspieler sind darin besonders geübt. Die evolutionspsychologische Forschung zeigt, dass wir Gefühle überwiegend unwillkürlich mittels der Mimik kommunizieren. Unabhängig von Weltregion, Kultur und Alter drücken Menschen ihre Freude, Überraschung, Angst, Enttäuschung, Ekel, Wut und Trauer universell erkennbar aus. Selbst Blindgeborene, die noch nie einen anderen Menschen ins Gesicht sehen konnten, zeigen für jene Basisemotionen die typischen Gesichtszüge, die Sehende meist richtig interpretieren. Aufmerksame Zuhörer sind sog. „Whole body listeners“, wenn sie vom Gegenüber dessen ganzen Körper, Gerüche und Bewegungen zum Dekodieren der Botschaft beobachten.
Bei aller entlarvender Ähnlichkeit erlauben sich zwei Menschenkategorien den Luxus weniger klar lesbarer Mimik: Aus unserer Sicht die Ostasiaten* und, ganz allgemein: Alte Menschen. Internationale Studien mit Blickaufzeichnungsgeräten belegen, dass Betrachter jüngerer Gesichter deren Gefühle häufig zutreffend erkennen. Gleichaltrige fixieren sich dabei etwas länger als Vertreter unterschiedlicher Generationen. Alte Gesichter hingegen machen es dem Gegenüber schwerer, aus der Mimik richtig abzulesen. Das betrifft besonders die gegenteiligen Emotionen Freude und Trauer. Die Trefferquote sinkt zwar nur geringfügig, aber dennoch signifikant – in allen untersuchten Kulturen.
Das führt zur kommunikativen Asymmetrie: Wir Ältere tun uns leichter, bei Jüngeren deren Gemütszustand zutreffend abzulesen, unabhängig von deren Worten. Umgekehrt können wir uns im Alter nicht darauf verlassen, immer richtig verstanden zu werden. Unsere zunehmend interessanten Gesichtszüge lassen öfters eine Interpretation entgleisen. Gradueller Verlust über die Kontrolle der Gesichtsmuskulatur oder die kaschierende Wirkung von Falten? Auch Altersgenossen tun sich da nicht leichter. Ältere Ehepaare aufgepasst! Redet öfters mal Klartext, wenn’s darauf ankommt, optimal verstanden zu werden. Ihr dürft Euch dennoch weiterhin tief in die Augen sehen, selbst wenn diese dann nicht immer alles verraten.

Ihr Global Oldie
* Auf die Besonderheiten der Mimik in Ostasien gehe ich später nochmals gesondert ein.