vignette2012Hello all, seit Mitte Mai schwärmen sie wieder aus, millionenfach: chinesische Senioren auf Auslandsreise. Zunehmend gerne auch nach Deutschland. Eine Europareise einschließlich Deutschlands, das macht was her. In die Heimat der in China hochgeschätzten klassischen Komponisten, von Marx und Engels, dem Helden von Nanking John Rabe; Audi, Bosch, Glashütte, Krupp, Paulaner, Porsche, Siemens – alles Namen mit besonderer Anziehungskraft. Im Gegensatz zu den Jüngeren, reisen chinesische Senioren bevorzugt in kleinen Gruppen mit Reiseleitung. Nicht nur wegen der Sprachhürden. Eine Gruppe wird für Chinesen die Ersatzfamilie auf Reisen; somit ist es lustiger und subjektiv sicherer. Zudem bewegen sich Grüppchen angenehm langsam. Denn ein chinesischer Senior schreitet in alterskonformer Würde, betont bedächtig, gerade auf Reisen: es gilt ja, das große Ereignis zu genießen. Sie freuen sich, dass jahrzehntelang schon als Illusion abgeschriebene Jugendträume von Reisen nach Europa doch noch wahr werden: Das Foto unter dem Eifelturm in Paris, auf der Karlsbrücke in Prag, auf einer Pferdedroschke in Rom oder vor der Kulisse von Schloss Neuschwanstein. Das europäische Knips- Pflichtprogramm. Doch während ihre jüngeren Landsleute danach Outlet- Stores nach reduzierten Luxusmarkenartikeln durchstöbern, steht den Alten der Sinn nach Bummeln, Betrachten und sich Wundern. Schneeweiße Wolken an königsblauem Himmel oberhalb deutscher Großstädte! Sie finden im Autoweltmeisterland Deutschland die schmalen Autobahnen kurios, wo doch selbst Chinas Provinzstädte Ausfallstrassen mit acht und mehr Spuren aufweisen. Warum sieht man aus deutschen Wohnhäusern keine Klimaanlagen herausragen? Die deftige Küche Deutschlands erntet artiges, die riesigen Bierkrüge staunendes und die im Vergleich zu China sauberen öffentlichen Toiletten uneingeschränktes Lob. Doch beim Brot bestückten Hotelfrühstück kommt Heimweh auf nach dem morgendlichen Reis- Congee. Überhaupt, das mit den deutschen Hotels: die sind – bei aller Höflichkeit – noch nicht so ganz auf die reifen Gäste aus China eingestellt: Wo soll man denn da rauchen? Es gibt keine Thermoskannen mit Heißwasser oder Wasserkocher auf den Zimmern: wie soll man denn da den mitgebrachten Tee, die Stärkungsmittel oder Suppennudeln auf dem Zimmer zubereiten? Viel zu weiche Kopfkissen und Matratzen, dafür nur zwei Handtücher; unfair auch: kein chinesisches Fernsehprogramm, obwohl CNN und Fox offenbar für die Amerikaner ausgestrahlt wird. Trotzdem, sie wollen überhaupt nicht klagen, das sind alles kostbare Erfahrungen.
Doch etwas seltsam sind diese Deutschen schon, vor allem die Älteren: Seniorenpaare, die Hand in Hand gehen; Echte Alte, die dennoch in Sportkleidung auf Rennrädern unterwegs oder als Radwanderer auf Gepäcktour sind – haben solche Alten in Deutschland denn keine Autos? Staunend beobachten die Chinasenioren ihre deutschen Altersgenossen, die sich ohne Not in kurzen Hemden oder sogar mit bloßem Oberkörper in Straßencafés oder auf Parkbänken sonnen, obwohl es doch schattige Plätze gibt! Selbst gepflegt wirkende deutsche Frauen benützen keinen Sonnenschirm. Auch die vielen hiesigen Senioren, die im offensichtlichen Seniorenalter in der Gastronomie oder im Einzelhandel arbeiten erstaunen. Na, da gibt’s zu Hause was zu Erzählen!
Sagt doch ein chinesisches Sprichwort:
„Eine Reise lehrt mehr als zehntausend Seiten Buch zu lesen“.
Gilt nicht nur für Senioren aus dem Reich der Mitte. Nie das Staunen verlernen!
Ihr Global Oldie