vignette2012 Hello all, Die Tageszeitung „China Daily“ veröffentlichte am 19.3.2013 den Aufruf einer Gruppe von Senioren aus Beijing, die von ihren Altersgenossen ein radikales Umdenken im Verhalten in den öffentlichen Verkehrsmitteln forderten. Verkürzt, aber sinngemäß hieß es da:
„Bietet abends die für Euch reservierten Sitzplätze in der U-Bahn oder im Bus berufstätigen Jüngeren an. Sie sind früh aufgestanden, haben den ganzen Tag gearbeitet, sind müde und haben noch einen langen Heimweg vor sich. Sie bauen unsere Nation zu einem modernen Land auf und nehmen große Verantwortung auf sich. Wir Alte wollen auch unseren Beitrag hierzu leisten und diesen Tüchtigen etwas Erholung bieten“
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Ich kann Ihnen versichern, dass der regierungsnahen „China Daily“ jedwede Art an Humor oder Ironie völlig wesensfremd ist. Vielmehr finden sich in zeitnahen Ausgaben desselben Blattes ernste Artikel zu der „4-2-1“ – Formel. Das ist die populäre Bezeichnung der heutigen Folgen der seit 1980 verfolgten chinesischen Einkind- Familienpolitik, die vor allem in den Großstädten mit großer Konsequenz durchgesetzt wird *.
Eine ganze Generation an Einzelkindern hat heutzutage die moralische und demographische Last zu tragen, sich als einziger Erwachsener um 2 Eltern und 4 Großeltern zu kümmern. Was das über den Einzelnen hinaus für die staatliche Altersversorgung finanziell wie auch organisatorisch bedeutet, entwickelt sich zu einem der heißesten innenpolitischen Themen Chinas, neben Umweltverschmutzung, Lebensmittelsicherheit und Korruption.
Vor diesem Hintergrund ist der vermutlich authentische Aufruf jener Seniorengruppe eine kleine, rührende Geste, zur Versöhnung der gefühlten viel zu vielen Alten mit den vergleichsweise viel zu wenigen Jüngeren.
Wenn Ihnen also demnächst auch hierzulande um 18.00 in der rappelvollen Straßenbahn ein „Hey, Alter, steh` bitte auf und lass’ die Jungen mal hinsetzen“ seitens eines anderen Senioren entgegenschallt, nicht wundern: vielleicht ein beflissener Leser der halbamtlichen China Daily. Deren hiesige Leserschaft hält sich vermutlich in Grenzen – noch. Aber ich hatte Sie rechtzeitig gewarnt, gel?
Ihr Global Oldie
* heute ist diese rigide Regelung um einige Ausnahmen etwas entschärft: Wenn beide Ehepartner selbst Einzelkinder waren, oder geschieden waren, oder auf dem Land leben oder einer ethnischen Minderheit angehören, dürfen sie mit amtlichen Segen ein weiteres Kind haben.