Mehr als Füttern und Vorlesen: Der Beruf der Altenpflegerin wird immer noch unterschätzt. Foto: Gina Sanders, fotolia

Der Pflegeberuf leidet unter Nachwuchsmangel. Doch das könnte sich bald ändern. Auch, weil es Menschen wie Anja Rosenbauer (40) gibt, die examinierte Altenpflegerin werden will. Sie ärgert sich darüber, dass viele Menschen immer noch falsche Vorstellungen von diesem Beruf haben. “Pflege ist mehr als Füttern, Windeln wechseln und Vorlesen”, betont sie. Das sehen auch die Ausbilder so. “Es ist eine vielfältige und abwechslungsreiche Aufgabe mit hohen Anforderungen”, sagt Andrea Schönhöfer, stellvertretende Pflegedienstleiterin der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Zirndorf im Landkreis Fürth.
Politiker, Sozialexperten, aber auch die Betroffenen selbst kämpfen seit Jahren darum, die Altenpflege aufzuwerten. Sie verweisen auf ein Gesetz aus dem Jahr 2003, das die Kompetenz und Ausbildung der Altenpfleger bundeseinheitlich regelt; vorher gab es länderspezifische Richtlinien. “Die Vorteile des neuen Gesetzes sind in der Öffentlichkeit leider noch zu wenig bekannt”, sagt Schönhöfer.
Wer früher Altenpfleger oder -pflegerin werden wollte, durchlief entweder eine dreijährige Ausbildung – blockweise verteilt auf Theorie und Praxis. Oder man wählte eine zweijährige Ausbildung, die eineinhalb Jahre in der Schule und ein halbes Jahr in der Praxis zu absolvieren war. Das neue Gesetz schreibt nun eine dreijährige Ausbildung vor. Aber: Sie ist nicht mehr in einen theoretischen und anschließend praktischen Teil getrennt, sondern beide Qualifikationsstränge laufen heute parallel nebeneinander her.
Mittlere Reife ist gewünscht
Pflegedienstleiterin Andrea Schönhöfer unterstreicht, dass die jeweilige Pflegeschule zwar für die Gesamtausbildung verantwortlich sei, dennoch räume das Gesetz nun den Heimen eine größere Bedeutung ein. Sie hätten mehr Möglichkeiten, die Qualifikationen künftiger Altenpfleger zu bestimmen. Zudem sind die Zulassungs-Kriterien für die Bewerber geändert worden. Früher genügte ein Hauptschulabschluss oder der Nachweis, vier Jahre lang einen Haushalt geführt zu haben. Heute gilt die Mittlere Reife als Voraussetzung oder ein Hauptschulabschluss mit zweijähriger Berufsausbildung. Altenpflegehelfer können sich nach einjähriger Praxis für die dreijährige Ausbildung zum Pfleger anmelden. Die Folge beschreibt Dietmar Lorenz, Lehrer an der Fürther Hans-Weinberger-Akademie: “Der Altersdurchschnitt hat sich verändert. Früher lag das Einstiegsalter etwa bei 35 Jahren, nunmehr liegt es zwischen 18 und 22.”
Mit den neuen Richtlinien wurden auch die Lernfelder straffer geregelt. So bekommen die Auszubildenden zum Beispiel über Diabetes nicht nur gesundheitliche, sondern auch psychologische Aspekte vermittelt und lernen alles Wichtige über Hautpflege, Ernährung und Bewegung bei diesem Krankheitsbild. Darüber hinaus muss jedes Heim einen Vertrag mit dem Altenpflegeschüler abschließen, der nicht nur die Ausbildung stationär und ambulant garantiert, sondern neuerdings auch den Einsatz in einer geronto-psychiatrischen Abteilung vorsieht (zirka 200 Stunden). Schülerin Rosenbauer resümiert: “Das ist übersichtlicher dargestellt als vorher und kann dadurch auch besser vermittelt werden. Ich würde mich sofort wieder für diesen Berufsweg entscheiden.”
Auch die Bezahlung ist besser geregelt als vorher. Früher erhielt ein Altenpflegeschüler während der Schulzeit keine Vergütung. Seit dem Jahr 2003 bekommen beispielsweise die Auszubildenden der Arbeiterwohlfahrt im ersten Lehrjahr rund 800, im zweiten 860 und im dritten 962 Euro. Das entspricht dem Tarif; mancher private Träger bezahlt allerdings weniger.
Ein Modellversuch soll jetzt die Berufsaussichten unter den Absolventen deutlich verbessern. Die Hans-Weinberger-Akademie und das Klinikum Fürth haben gerade einen Austausch der Auszubildenden gestartet: Angehende Krankenpfleger schlüpfen in die Rolle von Altenpflegern – und umgekehrt.
Voller spannender Geschichten
Um auf ihren Beruf aufmerksam zu machen, wagten Schüler der Fürther Berufsfachschule für Altenpflege vor Monaten eine Demonstration der anderen Art in der Fußgängerzone der Kleeblattstadt. Die Fachkräfte in spe gingen mit bunten Schildern an die Öffentlichkeit. Da stand zu lesen “Ich lerne Altenpflege, weil …”, wobei jeder Schüler einen eigenen Gedanken anfügte. Eine Botschaft lautete: “Weil alte Menschen voller spannender Geschichten sind”, eine andere “weil es ein zukunftssicherer Job ist”. Der demonstrative Einsatz machte durchaus Eindruck auf die Vorbeigehenden, von denen einige Senioren mit Blick auf die jungen Pflegekräfte verwundert meinten: “Das sind ja keine grauen Mäuse, sondern eigentlich ganz fröhliche Menschen!”
Horst Mayer