Trotz erleichterter Freizügigkeit innerhalb der EU, fehlen immer noch Pflegekräfte in Deutschland. Foto: epd

Interview mit dem Sozialwissenschaftler Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg zur Entwicklung der Arbeitnehmerfreizügigkeit.
Sechs+sechzig: Seit Mai 2011 gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU, die Sie und Ihr Team des IAB analysiert haben. Was sind ihre Ergebnisse?
Brücker: Die Zuwanderung aus den neuen Mitgliedstaaten entwickelt sich seit Einführung der vollständigen Arbeitnehmerfreizügigkeit am unteren Rand des Spektrums unserer Prognosen. Von Januar bis einschließlich September 2011 belief sich die Nettozuwanderung auf 37.000 Personen. Bis zum Jahresende erwarten wir eine Nettozuwanderung von 50.000 bis maximal 60.000 Personen. Das ist zwar ein Anstieg um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber der Ansturm ist ausgeblieben. Dagegen werden dieses Jahr weiterhin deutlich mehr als 100.000 Personen nach Großbritannien wandern.
Warum ist die Beschäftigung von Bürger/innen aus den acht zur EU- hinzu gekommenen Staaten sei stärker gestiegen als die Zuwanderung, wie sie in der Studie festgestellt haben?
Die Zahl der Beschäftigten ist im September 2011 um 77.000 Personen gegenüber dem Vorjahr und damit doppelt so stark wie die ausländische Bevölkerung gestiegen. Dieser starke Zuwachs erklärt sich dadurch, dass viele Selbständige, möglicherweise auch schwarz Tätige, jetzt ein reguläres Beschäftigungsverhältnis aufgenommen haben. Davon profitieren die Sozialversicherungssysteme, die öffentlichen Haushalte und der Arbeitsmarkt, weil Wettbewerbsverzerrungen durch Scheinselbständigkeit und Schwarzarbeit abgebaut werden. Es zeigt sich aber auch, zu welchen Folgen eine falsche Regulierung führt: Seit dem 1. Mai 2004 konnten sich in Deutschland Bürger aus den neuen Mitgliedsstaaten als Selbständige niederlassen, aber nicht einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen. Das hat die öffentlichen Finanzen und den Arbeitsmarkt erheblich geschädigt.
In welchen Branchen arbeiten denn diese Arbeitskräfte aus den mittel- und osteuropäischen Ländern bevorzugt?
In der Arbeitnehmerüberlassung, der Bauwirtschaft und der Industrie, eine gewisse Rolle spielen noch das Hotel- und Gaststättengewerbe und die Haushaltsdienstleistungen. Die Beschäftigungsstruktur weicht damit deutlich von der der deutschen Arbeitnehmer ab. Darin spiegeln sich die Markteintrittsbarrieren für Migranten: Auch bei hervorragenden Bildungsabschlüssen ist es für Migranten in Deutschland schwer, ein festes Beschäftigungsverhältnis etwa in der Industrie zu finden. Sie konzentrieren sich deshalb auf Branchen mit kurzen Beschäftigungsverhältnissen und niedrigen Beschäftigungsschwellen wie die Arbeitnehmerüberlassung oder das Hotel- und Gaststättengewerbe.
Welche Entwicklung lässt sich im Bereich der Haushalts- und Betreuungshilfen für Ältere erkennen?
Genaue Zahlen liegen uns für diese Branche noch nicht vor. Der Beschäftigungszuwachs bei den wirtschaftlichen Dienstleistungen, zu dem diese Branchen gehören, belief sich auf 5.800 Personen. Hinzu könnten noch einige Leiharbeiter kommen. Insgesamt sind diese Zahlen viel zu gering, um die zunehmenden Versorgungsengpässe bei den Pflegedienstleistungen decken zu können.
Behindert das persönliche Aufeinander-Angewiesen-Sein von Haushaltshilfen und Pflegenden die Umwandlung von (Schein-)Selbstständigkeit in legale Beschäftigung mehr als in anderen Branchen?
Das können wir noch nicht sagen. Auf jeden Fall sinken die Anreize, sich beispielsweise von einer polnischen Firma nach Deutschland als Haushaltshilfe oder Pflegekraft im Haushalt entsenden zu lassen – dieses recht verbreitete Phänomen dürfte zurückgehen. Stattdessen werden sich mehr und mehr Pflegekräfte direkt oder über Vermittlungsagenturen bewerben.
Wie entwickelt sich die Beschäftigung von EU-Bürger/innen aus den ost- und mitteleuropäischen Staaten im Allgemeinen?
Brücker: Gegenwärtig dominieren noch die Branchen, in denen die Eintrittshürden niedrig und die Beschäftigungsverhältnisse instabil sind. Das führt auch dazu, dass die Migranten aus den neuen Mitgliedsstaaten ihre hohe Bildung und Ausbildung nicht angemessen im deutschen Arbeitsmarkt verwerten können. Das ist deshalb besonders schade, weil das durchschnittliche Bildungsniveau der jüngeren Generationen in den neuen Mitgliedsstaaten höher als in Deutschland ist. Mittelfristig erwarte ich, dass die Migranten aus den neuen Mitgliedsstaaten zunehmend Beschäftigungsverhältnisse eingehen werden, in denen ihre Qualifikationen auch gefragt sind.
Und wie sieht es im Haushalts- und Betreuungssektor aus?
Ähnlich wie deutsche Arbeitskräfte, werden Migranten aus den neuen Mitgliedsstaaten bei der gegenwärtigen Lohn- und Gehaltsstruktur diese Jobs nicht in besonders starkem Umfang nachfragen. Etwas anders sieht es für Bulgarien und Rumänien aus, aufgrund des hohen Einkommensgefälles könnten diese Tätigkeiten noch attraktiv sein. Pflegekräfte werden aber künftig verstärkt aus Herkunftsländern außerhalb der EU kommen. Also keine guten Nachrichten für den Haushalts- und Betreuungssektor.
Interview: Rainer Büschel
Prof. Dr. Herbert Brücker ist Leiter des Forschungs-bereichs „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ im IAB.
herbert.bruecker@iab.de
 
Die IAB-Studie im Internet:  http://doku.iab.de/kurzber/2011/kb2411.pdf.