Das Künstlerehepaar Horst Georg und Marga Heidolph fühlt sich im Altenheim für Individualisten wohl. Foto: Michael Matejka

Der Mensch lebt von Veränderungen«, lautet eine alte Volksweisheit. Das ist leicht gesagt, wenn man nicht unmittelbar von solchen Veränderungen betroffen ist; wenn zum Beispiel der Gedanke an einen Umzug aus dem geliebten Wohnhaus in zwei Zimmer eines Seniorenstifts noch in weiter Ferne liegt. Doch wird eine Veränderung konkret, dann taucht meist die Frage auf, ob die Entscheidung, die man getroffen hat, auch die richtige ist.
Solche Gedanken sind dem Ehepaar Horst Georg Heidolph (75) und seiner Frau Marga (80) in Schwabach-Wolkersdorf vor drei Jahren mehr als einmal durch den Kopf gegangen: Ist es wirklich richtig, lieb Gewonnenes aufzugeben, viel Platz gegen Funktionelles, Privatsphäre gegen die Regeln eines Seniorenstifts einzutauschen? Kann man sich auch im Alter noch neuen Herausforderungen stellen, gelingt ein Eingewöhnen? Noch dazu, wenn man Künstler ist und mit einem solchen Schritt nicht nur Heim und Garten, Nachbarn und Gemeinde, sondern auch sein kreatives Umfeld, die gewohnte Atelier-Atmosphäre verliert? Und: kann man dann auch als Kulturschaffender noch aktiv bleiben?
Wer heute das Paar im Albert-Schweitzer-Seniorenstift in Nürnberg-Erlenstegen besucht, mit ihnen Espresso und Kekse im kleinen, gemütlichen Wohnzimmer mit Aussicht auf einen lauschigen Garten teilt, der stellt fest: Ja, es gibt sie, die Veränderungen, die ein Leben zum Positiven wenden, besonders, wenn sie so bewusst umgesetzt werden wie bei den Heidolphs. Die beiden konnten neben ihrer Wohnung im Erdgeschoss des Stifts noch ein weiteres Zimmer nebenan mieten, das als Atelier eingerichtet wurde. Schließlich wollte Heidolph, der an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste studiert hat, viele Jahre als Kirchenmaler aktiv war und Träger des Kunstpreises der Nürnberger Nachrichten ist, weiter produktiv sein.
Rund 100 seiner abstrakten, farbintensiven Werke zieren mittlerweile die Gänge des Wohnheims. Sie hängen dort seit einer Ausstellung im Sommer und sind eindrucksvoller Beweis dafür, dass Kunst und Kultur ein wichtiger Bestandteil der Philosophie des Hauses sind. Damit setzt die Geschäftsführung eine Tradition fort, die 1958 mit einem Leitgedanken Albert Schweitzers in der Urkunde zur Grundsteinlegung festgeschrieben wurde: »Das Heim soll keinen Unterschied der Religionen und des Standes kennen, sondern vor allem der Fürsorge alter Menschen dienen, um den Anteil alter, erfahrener Menschen im geistigen Leben unseres Volkes so lang als möglich zu erhalten.«
Horst Georg Heidolph wird noch weitere Beiträge liefern, denn in den großen Schubläden in seinem Atelier warten unzählige Skizzen auf ihre Umsetzung in Acryl auf Leinwand oder Papier. Und dass diese Werke nicht mehr im heimischen Wolkersdorf, sondern in der neuen Nürnberger Umgebung entstehen, hat an der Ausdruckskraft, der intensiven Farbgebung und dem rhythmischen Pinselstrich seiner Arbeiten nichts geändert. Seine Frau Marga hat nach wie vor die Rolle der Organisatorin und Korrespondentin inne und steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Profitiert hat vom Umzug nicht zuletzt das Wohnstift. Denn welche Einrichtung kann schon das Lebenswerk eines Künstlers präsentieren und damit eine Atmosphäre schaffen, die Besucher mitimmt auf eine Reise durch fünfzig Jahre »illusionistische Virtuosität«, wie es einst ein Laudator ausdrückte?
Beruhigende Aussicht
Von Anfang an war in dieser »ersten Alters-WG« geplant, älteren Menschen die Möglichkeit eines bindungsfreien Wohnens mit größtmöglicher Freiheit anzubieten, berichtet Rosemarie Schönhöfer-Rempt, die Öffentlichkeitsarbeiterin und Qualitäts-Management-Beauftragte des Stifts. Anfangs gab es sogar eigene Gemüsebeete inmitten des Gartens, der sich zwischen sechs miteinander verbundenen Häusern gruppiert. Die Bewohner konnten sich von selbst Gezogenem ernähren, wie sie es in ihrer vertrauten Umgebung gewohnt waren.
Die Gemüsebeete sind mittlerweile verschwunden, geblieben ist der Blick ins Grüne, in den mit alten Bäumen bewachsenen kleinen Park. Auch die Heidolphs beruhigt diese Aussicht, und auch die auf die umfassenden Angebote der hauseigenen Sozialstation: Da gibt es das Literaturcafé, die Erzählstunden im grünen Salon, gemeinsames Singen oder Lichtbildervorträge, Konzerte, Ausflüge und Kinonachmittage.
Karin Jungkunz
Fotos: Michael Matejka