Jim Knopfs Abenteuer sind noch heute sehr beliebt. In macnhen Familien werden die Bücher von Generation zu Generation weitervererbt. Illustration F.J. Tripp, Thienemann Verlag

Auf dem Tisch im Nürnberger Kindergarten Glockendonstraße in Gostenhof liegt eine abgegriffene Ausgabe von »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer machen einen Ausflug«. Um »Vorlese-Opa« Günter Liebergesell (70) aus Postbauer-Heng in der Oberpfalz drängen sich fünf Vorschulkinder. Alina und Nadja halten Klangstäbe in der Hand, Ahmed ein Glockenspiel, vor Kosta und Sukh-Preet liegen Xylophone. Heute beginnt die Stunde mit Musizieren. »Eine Insel mit zwei Bergen…« stimmt Ahmed an, noch bevor alle anderen bereit sind. Das Jim-Knopf-Lied kennt der Sechsjährige auswendig, schließlich schaut er sich die Geschichten um den Waisenjungen oft im Fernsehen an. »Die Lokomotive Emma ist so schön«, schwärmt der junge Eisenbahn-Fan.
Um die Lok geht es später auch beim Vorlesen. »Womit fährt Emma denn?«, will Günter Liebergesell wissen, der zweimal wöchentlich ehrenamtlich hierher kommt. »Mit Dampf«, platzt Ahmed heraus. »Und mit Kohlen«, ergänzt Nadja (5). Der Vorlese-Opa nutzt das, um mit den Kindern über Dampfkraft zu reden. Er erzählt von Schiffen, die so betrieben werden, und dem Wasserdampf, der aus Kochtöpfen aufsteigt. »Ich versuche, beim Lesen einen Bezug zur Lebenswelt der Kinder herzustellen«, erläutert er. Dazu eignet sich Jim Knopf auch als über 50-jähriger Kinderbuchheld noch hervorragend.
Am 9. August 1960 erschien die erste Geschichte aus der Feder von Michael Ende (1929-1995): »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer«. Dabei war es dem Autor nicht leicht gemacht worden: Ein Dutzend Verlage hatten ihm das 500-seitige Manuskript mit dem Vermerk »abgelehnt« zurückgeschickt. Erst der Stuttgarter Thienemann-Verlag erkannte das Potenzial des Werks und veröffentlichte zwei Jahre später auch den Nachfolger »Jim Knopf und die Wilde 13«. Heute gibt es Jim Knopfs Abenteuer in 33 Sprachen, darunter auf Hebräisch, Estnisch oder Thailändisch. Vier Millionen Bücher wurden weltweit verkauft.
Zu den Fans der ersten Stunde zählen auch Gerhard Kohler-Hoffmann aus Nürnberg und Franz Goebel aus Lauf. Während Kohler-Hoffmann die Geschichten abends vorm Zubettgehen mit seinen zwei Brüdern vorgelesen bekam, tauchte Goebel über die »Augsburger Puppenkiste« in die Abenteuerwelt im Fernsehen ein. In den 60-er und 70-er Jahren machten die Augsburger Jim und Lukas zu »Stars an Fäden« – und Franz Goebel saß allein oder mit Nachbarskindern, die zu Hause noch kein Fernsehgerät hatten, gebannt vor der Flimmerkiste. »Wohlgemerkt noch in schwarz-weiß«, betont er.
Ein Meilenstein in der TV-Geschichte
Die Puppenkiste blieb dem heute 58-Jährigen als so kurzweilig und lustig in Erinnerung, dass er die TV-Wiederholungen später mit seinen Kindern schaute. Und selbst Enkel Julian (8) kennt die Augsburger Originale dank DVD auswendig. »Jim Knopf in der Puppenkiste ist einfach ein Meilenstein der Fernsehgeschichte. Das war große Kinderunterhaltung, und dieses Stück Kultur muss man weitergeben«, sagt Franz Goebel überzeugt.
Den Buben Franz begeisterten damals die Lokomotive – »Ich hatte selbst eine kleine Eisenbahn zum Spielen« – und die Abenteuer, die Jim und Lukas durch die ganze Welt führten. Besonders die Reise der zwei Freunde nach China hat ihm imponiert. Daran kann sich auch Gerhard Kohler-Hoffmann (53) gut erinnern. »Mit Jim Knopf konnte ich mich wegträumen in ferne Länder«, schwärmt er noch heute. An Urlaub mit der Familie war Anfang der 60-er Jahre noch nicht zu denken; da kurbelte eben Jim Knopf das »Kino im Kopf« an.
Später, als Gerhard Kohler-Hoffmann schon verheiratet war und ein Kind -hatte, ging Jim Knopf oft mit der Familie auf Reisen. Auch Sohn Manuel bekam die Geschichten zum Einschlafen vorgelesen. Der Vater baute die Lokomotive Emma aus Holz nach. »Sie war Manuel heilig«, erzählt Gerhard Kohler-Hoffmann. »Er ist oft mit ihr durch die Wohnung gedüst – und hat dabei ständig ihre Künste erweitert.« Bei Kohler-Hoffmanns konnte Emma fliegen und tauchen: »Wir haben die Geschichten einfach weitergesponnen.«
Noch heute schätzt der Nürnberger die positive Botschaft, die in Michael Endes Geschichte steckt. »Trotz mancher Enttäuschung gibt Jim Knopf nie auf; das kann einem Kind Stärke fürs Leben geben.« Als Buben hat ihn auch der multikulturelle Ansatz fasziniert. Dass ein dunkelhäutiger Junge in einem Buch auftauchte, sei etwas total Neues gewesen: »Aus meinem Alltag kannte ich ja keine Schwarzen.«
Laut neuerer Forschungen stattete Michael Ende seinen Helden nicht ohne Grund mit dunkler Hautfarbe aus. Er wollte mit Jim Knopf keineswegs nur ein Abenteuerbuch, sondern auch einen Erziehungsroman für Erwachsene schaffen: Die Freundschaft zwischen dem schwarzen Jim und dem weißen Lukas sollte zu Respekt und Toleranz erziehen – und die Ideologie der Nationalsozialisten konterkarieren, die Michael Ende in seiner Schulzeit selbst noch eingetrichtert bekommen hatte.
Kinder fangen zu träumen an
Es würde Ende sicher freuen, dass seine Geschichten auch heute noch in der Grundschule gelesen werden – wenn auch nicht unter dem Aspekt der Völkerverständigung. In der zweiten Klasse der Nürnberger Theodor-Billroth-Schule im Stadtteil Mögeldorf etwa gehört Jim Knopf zur Klassenlektüre. »Das ist einfach ein Klassiker der Kinderliteratur«, meint Schulleiterin Irmgard Weigert (63).
Sie mag das Fantastische an den Geschichten, die unbekannten Wesen und sagenhaften Landschaften, die Kinder »zum Fabulieren und Träumen« bringen. Schon ihren drei Söhnen und Töchtern hat sie die Abenteuer in den 70-er Jahren vorgelesen und sich dabei selbst in die ungewöhnlichen Namen der Figuren verliebt. In König Alfons den Viertel-vor-Zwölften etwa. »Das ist einfach originell!«, schwärmt Irmgard Weigert. Ihr leinengebundener Originalband wird gehütet wie ein Schatz. Derzeit befindet sich das Buch in Tübingen, Enkel Leonard bekommt daraus vorgelesen. Und der wiederum singt mit der Oma gern das Lummerland-Lied. Hier schreibt Jim Knopf Familiengeschichte.
Das könnte auch Erika de Boer aus Nürnberg-Langwasser bejahen. Ihr Jim-Knopf-Buch ist inzwischen wohl irgendwo »im Enkel-Labyrinth verschwunden«, ging vorher aber durch viele Hände. Anfang der 70-er hatte sie die Abenteuergeschichte für ihre vier Kinder gekauft. »Ich hatte mir das Werk in meiner Lieblings-Buchhandlung empfehlen lassen. Da hieß es: Es ist spannend, regt die Fantasie an und ist wunderbar für Kinder geschrieben.« Also schenkte sie es den zwei Söhnen und zwei Töchtern – und alle vier verschlangen die Lektüre.
Da dachte die Mama: Wenn die Kinder es so lieben, muss ich es auch lesen. Prompt zogen die fantasievollen Geschichten und der gute Schreibstil Erika de Boer in ihren Bann. Sie bezeichnet sich noch heute als großen Michael-Ende-Fan. »Allerdings kam bei mir beim Lesen gleich die erwachsene Denkweise durch«, gesteht die 77-Jährige und lacht: »Ich habe mir gedacht, es ist doch gar nicht möglich, dass man einen kleinen Bub in einem Paket um die Welt schickt.« Die Töchter und Söhne jedoch habe das ganz und gar nicht gestört.
Im Gegenteil: Sie liebten die Geschichten, weil sie immer wieder gut ausgingen. Ein Abenteuer konnte noch so bedrohlich, noch so spannend sein – am Schluss wurde alles gut. »Dieses tröstliche, versöhnliche Ende ist perfekt für Kinder«, weiß Erika de Boer und denkt dabei an die boshafte Lehrerin Frau Mahlzahn. Dieser scheußliche Drachen legt die Schüler in Ketten – doch Jim Knopf kann die Kinder letztlich aus ihren Fesseln befreien.
Heute überlegt Erika de Boer, ob sie sich noch einmal ein Jim-Knopf-Buch kauft, um demnächst mit ihrer jüngsten Enkelin darin zu schmökern. Und im Hause von Gerhard Kohler-Hoffmann bereiten sich Jim, Lukas und Lokomotive Emma derzeit erneut auf eine weite Reise vor: Kohler-Hoffmanns Sohn Manuel lebt inzwischen in Ecuador. Sobald sich dort Nachwuchs ankündigt, soll das Buch nach Südamerika wandern – als Geschenk an die nächste Generation.

»Lesefreunde« nennen sich die Ehrenamtlichen wie Günter Liebergesell, die regelmäßig in Nürnberger Kindertageseinrichtungen vorlesen. Foto: Matejka

Annika Peißker
»Lesefreunde« nennen sich die Ehrenamtlichen wie Günter Liebergesell, die regelmäßig in Nürnberger Kindertageseinrichtungen vorlesen. Organisiert wird das Projekt vom Zentrum Aktiver Bürger (ZAB); mehr Informationen erhalten Sie auf www.iska-nuernberg.de oder bei Ute Zimmer unter Tel. 0911 / 92 97 170.
Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Thienemann Verlag,
14,90 Euro.