Platz für Fitness-Training bietet ein Nürnberger Seniorenheim. Andere haben extra eine Bank im Fußballstadion reserviert. Das Spektrum an Freizeitaktivitäten ist inzwischen groß. Foto: Matejka

Altenheime, Pflegezentren und Seniorenwohnstifte hatten lange Zeit nicht den besten Ruf. Langweilig sei es dort, man sitze nur herum, warte auf die nächste Mahlzeit, und geistig verkümmere man sowieso, hieß es oft. Doch weit gefehlt! In den vergangenen zehn Jahren haben Senioreneinrichtungen einen enormen Wandel erlebt. Heutzutage sprechen sie ihre Bewohner ganzheitlich an, bieten ihnen Sportkurse, Kulturabende, Ausflüge und Vortragsreihen. Ein Blick in einige Einrichtungen der Region beweist, wie umfangreich und originell das Freizeitangebot inzwischen ist.
Allein in Nürnberg gibt es derzeit etwa 100 Alten- und Pflegeheime. Zählt man Wohnstifte, Seniorenwohnanlagen, Betreutes Wohnen und Kurzzeitpflege dazu, kommt man auf fast 200 Häuser. Schon diese Konkurrenzsituation erklärt, warum sich Altenheime heute ganz anders darstellen als noch vor ein paar Jahren. »Sie müssen inzwischen wirtschaftlich arbeiten«, sagt Diplom-Sozialpädagogin Veronika Spreng von der Informations- und Beratungsstelle des Seniorenamtes Nürnberg. So sind in den vergangenen Jahren nahezu alle Häuser renoviert worden. Sechs-Bett-Pflegezimmer und Etagenbäder gehören der Vergangenheit an.
Heute trifft man auf Einzel- und Doppelzimmer, farbenfrohes Mobiliar, gemütliche Sitzecken, schön angelegte Gärten. Und eben auf jede Menge Freizeitangebote. »Bei fast allen Einrichtungen gehören jahreszeitliche Feste, Vortragsreihen und Musiknachmittage zum Programm«, weiß Spreng.
Auch eine Änderung in der Pflegeversicherung vor zwei Jahren hat ihr Übriges getan: Seither stehen demenzkranken Menschen monatlich bis zu 200 Euro für zusätzliche Betreuungsleistungen zu. Die Heime zahlen mit diesem Geld Betreuungsassistenten, die in speziellen Kursen mit den Betroffenen singen, backen, malen oder basteln.
Man sieht: Gedächtnistrainings, Beschäftigungstherapie und Sturzprävention sind vielfach zum Standard in Senioreneinrichtungen geworden. Darüber hinaus versuchen viele, sich mit einem eigenen Profil von der Konkurrenz abzusetzen.
Veronika Spreng vom Seniorenamt Nürnberg hat ein Credo: »Heutzutage gibt es keine schlechten Einrichtungen mehr, sondern nur den falschen Senior im falschen Haus.« Deshalb hält sie eine ausführliche Beratung für das A und O, bevor jemand in ein Pflegeheim oder ein Wohnstift einzieht. Man müsse die Biografie des Einzelnen betrachten und herausfinden, worauf er Wert legt, sagt Spreng. Denn inzwischen ist die Auswahl an sozialen und kulturellen Angeboten und an speziellen Profilen so groß, dass jeder ältere Mensch die für ihn geeignete Einrichtung finden kann – wobei die Freizeitgestaltung nur eines von vielen Kriterien ist. Die folgenden vier Beispiele zeigen, wie groß das Spektrum mittlerweile ist.
Beispiel 1: Konzerte
Die Leiterin des Wohnstifts Rathsberg in Erlangen hat ein hehres Ziel: »Unser Kulturprogramm soll eine Bereicherung fürs Erlanger Kulturleben sein«, sagt Karin Thäter. Die Voraussetzungen dafür sind in ihrer Einrichtung gegeben: In dem Haus an der Rathsberger Straße, das 420 Frauen und Männern und 65 Pflegebedürftigen Platz bietet, befindet sich ein voll ausgestatteter Konzertsaal inklusive moderner Licht- und Tontechnik und Künstlergarderoben.
In den vergangenen Jahren lauschten die Bewohner hier schon namhaften Künstlern wie Justus Frantz und Will Quadflieg. Im September sind die Nürnberger Philharmoniker zu Gast, im Oktober spielt die Camerata Bamberg »Perlen des Barock«. Alle Konzerte sind öffentlich. An Tagen, an denen der Saal mit knapp 400 Plätzen voll besetzt ist, kommt etwa die Hälfte der Besucher von außerhalb des Hauses.
Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 19 Uhr, selten dauern sie länger als eine Stunde. »Unsere Bewohner sollen die Musik ja genießen und sich nicht beim langen Sitzen quälen«, sagt Bianca Seidl, die Kulturreferentin des Wohnstifts. Wer sich nicht danach fühlt, im Konzertsaal zu sitzen, dem überträgt eine Kamera die Veranstaltungen auf den eigenen Fernseher.
Rund 30.000 Euro umfasst der Kultur-etat des Wohnstifts. Das Geld spenden die Bewohner; der Besuch der Konzerte ist kostenlos. Wofür das Geld ausgegeben wird – darüber entscheidet Kulturreferentin Seidl zusammen mit vier Hausbewohnern, die dem extra gegründeten Verein »Kulturkreis im Wohnstift Rathsberg« angehören.
Auch sonst versucht das »Rathsberg«, seine Bewohner so weit wie möglich in die Freizeitgestaltung einzubinden. Wer sich fit genug fühlt, kann selbst Kurse anbieten. Englische Konversation, Kegeln, Schach, Chor – all das leiten die Senioren in Eigenregie. Schließlich wolle man den Bewohnern nicht alles vorsetzen, so Leiterin Thäter, »sondern sie sollen ihre Interessen weiter aktiv verfolgen«.
Beispiel 2: Spiele
»Eine Idee kann gar nicht verrückt genug sein, dass man sie nicht probiert.« Das ist das Motto von Michael Rehnen, Leiter des Seniorenzentrums Phoenix an der Fronmüllerstraße in Fürth. Deswegen überraschen er und sein Personal die 130 Bewohner des Altenwohn- und Pflegeheims immer wieder mit neuen Projekten. Über die Wintermonate zum Beispiel haben alle zusammen eine große Modelleisenbahn-Landschaft aufgebaut.
Zweimal wöchentlich wurde im Keller gewerkelt, um Bahnhöfe, Wirtshäuser, eine Post und zahlreiche Figuren entstehen zu lassen. Bei den groben Holzarbeiten halfen auch an Demenz erkrankte Männer mit; »die Fertigkeiten dazu besitzen sie ja noch«, betont Rehnen. Für die »Fiddelarbeit« hingegen waren eher die Frauen zuständig. »Jedes einzelne Fensterchen musste ausgebrochen, verfeinert und aufgeklebt werden – da haben die Damen mehr Geschick«, meint der Einrichtungsleiter. Nun steht die acht Meter lange Modelleisenbahn im Erdgeschoss des Hauses und kann von jedem genutzt werden.
Für alle fußballbegeisterten Bewohner hat Michael Rehnen gerade ein neues Projekt angeleiert: eine Kooperation mit der Spielvereinigung Greuther Fürth. Seit der neuen Saison steht in der Trolli-Arena am Laubenweg eine Senioren-Bank – reserviert für Phoenix-Bewohner, die zu jedem Heimspiel mit einem Bus hingebracht und abgeholt werden. Wenn alles klappt, sollen die Kleeblatt-Spieler auch mal zu einem Fest ins Phoenix kommen und mit den älteren Menschen an der Torwand um Punkte kämpfen.
»Unser Freizeitprogramm soll so familien- und lebensnah wie möglich sein«, sagt der Einrichtungsleiter. Deswegen müssen seine Mitarbeiter auch schon mal in null Komma nix eine Grillparty organisieren, wenn die Stimmung im Haus danach ist. Auch auf Urlaube müssen die Bewohner hier nicht verzichten: Wer möchte, kann eine Zeit lang in einem der 33 anderen Phoenix-Häuser in Deutschland wohnen. Noch wird das Angebot relativ wenig angenommen, gibt Rehnen zu. Doch es habe dazu geführt, dass von sechs Senioren, die im vergangenen Jahr Urlaub an der Donau machten, drei gleich ins dortige Phoenix-Haus dauerhaft eingezogen sind.
Beispiel 3: Sport
Früher war die unterste Etage des Nürnberger Wohnstifts Vitalis an der Fahrradstraße nichts weiter als eine Tiefgarage. Heute befindet sich dort ein Gesundheitszentrum mit einem eigenen Fitness-Center. Eveline Bertsch (73) sitzt gerade auf dem Fahrrad-Trainer, später wird sie ein paar Übungen auf dem Trampolin absolvieren. »Ich habe zwar zwei künstliche Knie, aber mein Arzt hat gesagt, es ist gut, wenn mein ganzer Körper mal durchgeschüttelt wird«, sagt Bertsch.
Zwei Mal wöchentlich kommt sie herunter ins Gesundheitszentrum. Klara Tröste und Alfred Meyer besuchen es sogar täglich. »Früher war ich eher faul und habe keinen Sport gemacht. Aber er treibt mich an«, sagt Tröste schmunzelnd und blickt auf Alfred.
140 Bewohner zählt das »Vitalis«, etwa 45 kommen an einem durchschnittlichen Vormittag in den Gesundheitsbereich. Bevor sie das erste Mal auf ein Fitness-Gerät steigen, werden sie ausführlich beraten. Und wenn sie 100 Stunden Sport absolviert haben, erhalten sie zehn Euro Prämie.
»Unser Hauptanliegen ist es, die Gesundheit unserer Senioren zu erhalten«, sagt Kerstin Schmolke, Event-Managerin im »Vitalis«. »Sie sollen möglichst lange aktiv, fit und selbstständig bleiben.« Deswegen sind die Angestellten auch dazu angehalten, die Bewohner immer wieder zu motivieren und ins Gesundheitszentrum mitzunehmen – egal, wo es zwickt oder zwackt.
Bei Beschwerden helfen schließlich die zahlreichen weiteren Geräte im Keller: Lymphdrainagen bekämpfen Wasser in den Beinen, eine Rotlichtdusche beugt Depressionen vor und die Magnetfeldtherapie baut Knochen auf und stärkt die Selbstheilungskräfte. Diese Therapiemöglichkeiten und das Fitness-Studio sind in einem großen, offenen Raum zusammengefasst – mit Absicht: »Die Senioren sollen zusammenkommen und in Gesellschaft sein«, erläutert Schmolke. Auch diese Strategie gehört zum Präventionskonzept.
Wie aktiv und fit die Bewohner, die in der Vitalis-Sprache »Freunde« heißen, sind, beweisen sie auch auf anderen Ebenen: Der Senioren-Chor singt neben alten Weisen auch Gospel, Rap und Rock’n’Roll-Songs – und hat es so schon zu einem Auftritt beim Nürnberger Bardentreffen im Jahr 2009 gebracht. Bei Tanzpartys im Haus tritt schon mal ein echter Breakdancer auf, und der Eingangsbereich mutiert zur Lounge, in der Cocktails geschlürft werden und Wasserpfeife geraucht wird. Außerdem wird im »Vitalis« zwei Mal wöchentlich Bowling gespielt – allerdings nicht auf einer Kegelbahn, sondern dank einer Spielkonsole virtuell auf einem Fernseher. Als das Haus im vergangenen Jahr eine Meisterschaft austrug, mussten die Angestellten eine herbe Niederlage gegen ihre »Freunde« einstecken.
Beispiel 4: Modenschau
Verrückte Projekte und ausgeflippte Partys passen nicht ins Profil des Pflegezentrums Hephata an der Neumeyerstraße im Nürnberger Stadtteil Schafhof. Vielmehr versucht das Haus der Nürnberger Stadtmission, seinen Freizeitangeboten das besondere Etwas zu verleihen – auch dank ehrenamtlicher Arbeit. So musiziert Stefanie Gröschel-Unterbäumer, Opernsängerin am Nürnberger Staatstheater, ein Mal wöchentlich mit den Bewohnern. Im vergangenen Dezember lasen Schüler des Willstätter-Gymnasiums russische Literatur vor. Und auch der Gospelchor oder die Kindergartenkinder der umliegenden Gemeinden sind häufig zu Gast.
Zwei Mal jährlich lädt das christliche Heim Mode- und Schuhverkäufer für seine Bewohner ein. Anders als in anderen Einrichtungen wird im »Hephata« daraus ein Ganztags-Ereignis: Vormittags können neue Hosen, Mäntel, Schuhe oder Blusen gekauft werden, nachmittags folgt eine Modenschau. Dafür werfen sich einige Bewohnerinnen in Schale: Sie wählen Outfits aus dem Shop aus und präsentieren diese in der Cafeteria. »Das kommt sehr gut an«, weiß Insa van Oterendorp, Leiterin des Sozialdienstes im »Hephata«. »Unsere Models sind ganz stolz, und manche Bewohner kommen nur zur Modenschau in die Cafeteria.«
Das »Hephata« versucht außerdem etwas, womit sich einige Häuser noch schwer tun: bettlägerige Senioren in die Gemeinschaft einzubeziehen. Neben Einzeltherapien direkt am Bett, die auch anderswo Standard sind, sollen die älteren Mitbewohner »unbedingt raus an die frische Luft«, so van Oterendorp. Bisher werden bei gemeinsamen Feiern oder Konzerten bis zu fünf Betten dazugeholt. Künftig sollen für die Bettlägerigen dank der zusätzlichen Betreuungsassistentinnen auch kleine Ausflüge in den Garten oder die Teilnahme an Musikstunden möglich sein.
Annika Peißker