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Evolution und Campfire 4.0

Hello All, Anthropologen sehen eine enge Verbindung zwischen menschlicher Evolution, erfolgreichem Zündeln und Geschichtenerzählen. Die Beherrschung des Feuers erlaubte bessere Nahrungsverwertung durch Garen, bot Wärme, Licht und eine gewisse Sicherheit vor Raubtieren. Gute Gründe für unsere Urvorfahren, sich um Lagerfeuer zu versammeln. Dort gab es dann nicht nur Essen, sondern auch Erfahrungsaustausch über Jagd und Sammelgründe, Geschichten der Alten über den Ursprung des Stammes- und Geborgenheit*. Alle Kulturen kennen den Brauch der Gemeinschaftspflege beim Essen und Palaver um ein Feuer, am Herd oder am gedeckten Tisch. Bis heute fühlen sich Menschen von einem urigen Lagerfeuer, wohlig knisternden Kamin oder einer mit Kerzen dekorierten Tafelrunde besonders angezogen. Etwas Magisches bewirkt diese Kombination aus trautem Feuerschein, Essen und Gespräch. Fernsehen knüpft an diesen Usus an und wurde zur neuen Feuerstelle im Heim. Auch da flackert Licht, steht oft Essen in Reichweite – und es werden weiterhin Geschichten erzählt. Solche fürs Gemüt in den täglichen Soaps und Filmen; zum Schocken und Mitfühlen in den Nachrichten und zum Lernen in den Magazinsendungen. Mit dem Unterschied, dass die Geschichtenerzähler nun im Bildschirm leben und sich an verstummte Zuschauer wenden. Die Autorität wandert vom erfahrensten Familienmitglied zum Nachrichtensprecher und Moderator; vom Alten in der Runde zum telegenen jungen Menschen. In vereinsamten Einpersonenhaushalten mutieren jene Bildschirmgäste zum letzten Aufgebot der Gemeinsamkeit; aufgebrochen durch „Public Viewing“ Versammlungen zu Sport- und sonstigen Großereignissen. Smartphones & Co. in Verbindung mit den sozialen Medien dröseln diese Bande noch weiter auf. Vor allem Jugendliche in Gruppen schauen weder gemeinsam auf züngelnde Flammen noch auf gepixeltes Licht an der Wand, sondern auf individuelle Lichtquellen in einzelnen Händen. Ein jeder sieht und hört etwas anderes, selbst wenn man noch physisch zusammen sitzt. Dabei spinnen sich neue Fäden einer virtuellen Gemeinsamkeit, von „friend“ zu „friend“, über Facebook, Twitter und WeChat. Paarbeziehungen starten nicht mehr beim Lagerfeuer, Candle Light Dinner sondern bei www. parship.de. Auch gut. Hier mein ernst gemeinter Vorschlag an die Kommunen: Echte Lagerfeuer in den Stadtvierteln, mit schnellem WLan und Imbissständen drumherum. Und einer „Speaker’s Corner“ (Grantler-Ecke) für Alte, die was loswerden wollen. Damit wir auch in einer digitalen Welt im Einklang mit unseren Urbedürfnissen leben dürfen.
Ihr Global Oldie

*Jonathan Gottschall, „The Storytelling Animal – How Stories Make Us Human”, 2012

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