Gedächtnisforscher Martin Korte empfiehlt, die grauen Zellen ein Leben lang zu fordern. Foto: NN-Archiv/Wolfgang Fellner

Nichts ist so spannend wie unser Gehirn. Seine Sprache zu entschlüsseln und seine Funktionsweise bis ins hohe Alter zu erhalten, hat sich Martin Korte (55) zur Aufgabe gemacht. Der Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig ist ein gefragter Experte und hält das ganze Jahr über Lesungen, Vorträge und Seminare.

Das Magazin sechs+sechzig sprach mit ihm über das Gehirn, welche Rolle das Gedächtnis spielt und wie wir unseren Kopf fit halten können.

sechs+sechzig: Die Sprache des Gehirns muss doch unheimlich kompliziert sein?

Martin Korte: Sie ist es nicht, sie besteht aus frappierend einfachen Signalen. Ob wir sehen, hören, riechen, träumen, denken, lieben, uns erinnern, immer handelt es sich um Nervenerregungen. Eine einzelne Nervenzelle kann nur Impulse aussenden oder schweigen. Stets zählt allein die Frequenz der Impulse. Sie kann wenige Impulse oder mehrere hundert in einer Sekunde senden, aber jeder Impuls ist immer gleich. Aus solchermaßen einfachen Signalen besteht die Sprache des Gehirns, ein Paradox – einfach und kompliziert.

Was fasziniert Sie so an diesem Themenkomplex, dass Sie ­darüber bereits vier Bücher geschrieben haben?

Ich bin davon überzeugt, dass wir durch die Erforschung des Gehirns – besonders durch die Mechanismen des Gedächtnisses – viel über uns selbst lernen. Kultur kann nur da entstehen, wo Erinnerungen an die nächste Generation weitergegeben werden.

Sie sagen in einem Ihrer Bücher, dass unser Gedächtnis ­bestimmt, wer wir sind. Was heißt das genau?

Es wird oft behauptet, dass unsere genetische Ausstattung bestimmt, wer wird sind. Natürlich spielen auch genetische Komponenten eine Rolle, wie wir als Mensch werden, ich schätze den Anteil auf ca. 20 Prozent. Aber der größere Teil – also 80 Prozent – betrifft die Fähigkeiten, wie wir unsere Beziehung zur Umwelt gestalten, die Erfahrungen, die wir dabei machen sowie die Erkenntnisse, die wir daraus ziehen, um die Zukunft zu gestalten. Wie wir Probleme meistern, hängt maßgeblich von dem ab, was wir gelernt haben. Viele denken, wir hätten das Gedächtnis, um uns zu erinnern. Das ist so nicht richtig. Wie wir heute wissen, haben wir es vielmehr, um die Zukunft zu gestalten. Außerdem bestimmt das Gedächtnis auch, was wir über uns selbst denken und wie wir durch Kontakte mit anderen Menschen erkennen, wer wir sind.

Manche Menschen meinen, sie könnten sich an Ereignisse erinnern, als sie drei oder vier Jahre alt waren. Ich kann mich erst an Dinge erinnern, die nach meinem sechsten Lebensjahr geschehen sind. Liege ich da noch richtig?

Der Hippocampus, auch Seepferdchen genannt, ist eine entscheidende Struktur des autobiographischen Gedächtnisses. Um den Hippocampus als Schaltkreis in das Gehirn einzubinden, ist eine ganze Datenautobahn vonnöten. Ein dicker Nervenstrang namens Fornix leitet Informationen vom Hippocampus zu Teilen des Hypothalamus weiter. Er beginnt erst im dritten Lebensjahr seine normale Arbeitsgeschwindigkeit aufzunehmen – eine Erklärung dafür, warum wir später kaum Erinnerungen aus den ersten drei Lebensjahren abrufen können. Voll funktionsfähig ist die Fornixbahn erst im Alter von etwa sechs Jahren. Das sollten sich Eltern, Erzieher und Lehrer immer wieder vor Augen halten.

Heute prasseln immer mehr Informationen auf uns ein, durch Fernsehen, Smartphone, Internet. Was hat das für ­Auswirkungen?

Forschungen in den USA ergaben, dass die Hypervernetztheit der heutigen Jugend diese nicht glücklicher, sozial integrierter und zufriedener macht, sondern eher einsamer. Diese Aussage stammt nicht von Erwachsenen, sondern das haben die Jugendlichen über sich selber erzählt. Dabei wurde ein alarmierender Anstieg depressiver Erkrankungen in den letzten zehn Jahren festgestellt. Deshalb mein Rat: Legt zwischendurch mal das Smartphone weg, schaltete den Laptop aus, und tut etwas, egal was. Stellt nur sicher, dass es keinen Bildschirm involviert.

Mal verlegen wir die Brille, verschwitzen einen Termin oder uns fällt am Bankautomaten plötzlich die PIN-Nummer nicht mehr ein. Hat unser schlaues Gehirn keine Sicherheitsgarantie für solche Fälle?

Es gibt manchmal Situationen, wo uns etwas auf der Zunge liegt und uns nicht einfällt. Das bedeutet aber nicht, dass die Information verloren ist. Wir haben in diesem Moment nur eine falsche Assoziation gebildet, auf die das Gehirn immer wieder zurückkommt. Hier hilft dann nur, die Situation zu verlassen und zu einem späteren Zeitpunkt auf das zurückzukommen, woran man sich erinnern möchte. Auch wenn die PIN-Nummer plötzlich weg ist, da hilft nur Ruhe zu bewahren und es später noch einmal zu versuchen.

Ältere spüren es deutlich: Man wird langsamer, das Lernen wird schwieriger, die Konzentration lässt nach. Was sollte man tun, um die Gedächtnisleistungen möglichst lange zu erhalten?

Wer lange leben will, und das möglichst beschwerdefrei, der muss was tun. Von nichts kommt nichts. Denn unser Gehirn wächst mit seiner Nutzung, es muss belastet werden. Deshalb habe ich die sogenannte 5-L-Regel aufgestellt. Auf der einen Seite eben Lernen. Wer lebenslang lernt, hält sein Gehirn jung und stärkt seine kognitiven Fähigkeiten. Andererseits helfen dafür körperliche Aktivitäten, dafür steht das Laufen als zweites L. Das muss kein Riesenpensum sein, es genügt normales Gehen, aber in Bewegung bleiben, mindestens viermal 30 Minuten pro Woche. Als drittes L dann Lieben, beziehungsweise die Pflege sozialer Kontakte. In Vereinen oder karitativ tätig zu sein, hilft dabei, Gedächtnisfunktionen zu erhalten. Als viertes das Lachen, denn man sollte auch über sich und andere lachen können. Das fünfte ist der Lachs, weil sich eben Fischfette als positiv fürs Gehirn erwiesen haben. Man sollte aber auch darauf achten, nicht zu viel zu essen und massives Übergewicht zu vermeiden.

Wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht, reagieren manche Ältere leicht stur und sagen, sie seien froh, dass sie schon so alt sind. Was kann man dazu sagen?

Verständlich, dass ältere Menschen nicht mehr alles machen können und auch nicht wollen. Aber wir sollen uns schon noch was zutrauen. Denen, die so reagieren, rufe ich nur aufmunternd zu: Ein paar Sachen erwarte ich schon noch von euch!

Interview: Horst Mayer
Foto: NN-Archiv/Wolfgang Fellner

Information: Martin Korte hat bereits mehrere populäre Bücher über das Gehirn und seine Arbeitsweise veröffentlicht. »Wie Kinder heute lernen – der Schulerfolg beginnt zu Hause« wendet sich an Eltern von Grundschülern, damit sie ihre Kinder optimal im Schulalltag begleiten. In »Jung im Kopf« beschäftigt er sich mit der Altenforschung und welche Fähigkeiten alte Menschen haben. In »Wir sind Gedächtnis« geht es um die Frage, was die Persönlichkeit ausmacht, und in seinem jüngsten Buch »Hirngeflüster« gibt er praktische Tipps und geht der Frage nach, wie man im Beruf fit bleiben kann. Hier spricht er zum Thema “Wir sind Gedächtnis”.  Und hier seine Ausführungen zum Thema “Lernen und Verhaltensänderung ein Leben lang?”