Hello All, ein Vergleich englischsprachiger Hits zeigt, dass 2018 „Ich“ das am häufigsten besungene Substantiv war. Zwei Jahrzehnte zuvor war es „Du“*. Hat das „Du“ abgewirtschaftet?  Zeitgleich kamen Selfies so in Mode, dass im Jahre 2013 das Oxford Dictionary den Begriff „Selfie“ zum Wort des Jahres kürte. Die Verlage hauen ein Selbstoptimierungsbuch nach dem anderen heraus: Schöner aussehen, besser reden, sich besser durchsetzen, Wege zum Selbst, etc.  Zeugt das eher von Selbstbesinnung oder von Egozentrismus? Jene Popsongs zur eigenen Gefühlslage oder die massenhaften Selbstbildnisse erscheinen mir Symptome einer neuen Kulturepoche zu sein. Erschöpft vom toleranten Multikulti und anstrengender Globalisierung machen sich Volkstribune populär, die blöken, dass ihr Land an erster Stelle zu stehen habe; der Rest der Welt sei sekundär; sei es in Sachen Regenwald, Wasser, Religion oder Wirtschaft. „Wir“ und „Unser“  bedeuten in diesem Zusammenhang eher addierte „Ichs“  anstatt Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit. In den sozialen Medien sammeln die „digitale natives“ (so eine Art Ureinwohner in der digitalen Parallelwelt) einerseits  Hunderte Freunde, Tausende „Followers“ und noch mehr „Likes“ , anderseits nimmt die Einsamkeit unter den Intensivnutzern der sozialen Medien zu. Sie leben unzufriedener, weil oft neidisch auf die vermeintlichen Erfolge der anderen Selbstdarsteller in Wort und Bild.

Nein, früher war nicht alles besser als heute. Doch im Hinblick auf ich und du anders. Ich warte auf neue Hits 2019/2020, gerne auch über die E-Medien verbreitet. Am liebsten wieder mit mehr „wir“. Wie schön klang doch in den Sechzigern das „We shall overcome some day“  oder „We will walk hand in hand“. Diese Liedtexte kamen damals mit Pete Seeger – aus den USA zu uns.  Ich, nein, wir bleiben hoffnungsvoll.

Ihr Global Oldie

*Marta Rebón :“el agua se aprende por la sed” in der Tageszeitung “El País “vom 25.8.2019