Hello All, wir hatten zu einem harmlosen Kaffee nachmittags eingeladen. Artig lobten die Gäste: Der hat eine aparte Note, etwas schokoladig im Nachgeschmack; Arabica oder Robusto- Bohnen? Da muss ich passen. Ihr trinkt gerade vietnamesischen Hochlandkaffee. Ah, interessant. Welches Programm hast du auf der Kaffeemaschine eingestellt? Ich mach das per Hand. Wie hast du den Kaffee aufgekocht, mit Sieb oder Spirale? Nein, ganz konventionell durch einen Papierfilter laufen lassen.

Skeptische bis spöttische Blicke blitzen auf. Zeig doch mal die Tüte. Der ist ja schon gemahlen! Du, da gehen aber wertvolle Aromen verloren, bevor der auch nur die Rösterei verlässt.  Die Antioxidantien und all das Gute im Kaffee leiden unter dem zu frühen Mahlen. Der ist doch erst in Europa gemahlen worden? Nein, der wird in Vietnam gemahlen und luftdicht verpackt; so brauche ich keine Kaffeemühle. Oj je, wer weiß vor wie vielen Monaten gemahlen! Mitleidige und entrüstete Blicke fielen auf mich. Also im Ernst, das wäre fast Frevel an einem guten Kaffee, wenn das denn wirklich ein hochwertiger Kaffee sei. Wieviel SPA Scores* hat der wohl? Kommt der über 85 Punkte? Prüfende Blicke, ich ratlos, was sind SPA Punkte?

Ich hatte diese Kaffeesorte vor ein paar Jahren in Hanoi getrunken; der schmeckte mir auf Anhieb. Da fragte ich nach der Marke und hatte mir dann ein paar Tüten vor Ort gekauft. Inzwischen kann man die auch hier kaufen. Du, ich sehe da gar kein Fair Trade Siegel auf dem Beutel. Gibt’s das dort unten in Asien nicht? Ist das von einem Staatsbetrieb oder privatwirtschaftlich?  Der Blicke wechselten nun von besorgt zu vorwurfsvoll.

Der Kaffee, den wir uns gönnen, kommt ausschließlich von zertifiziertem Kleinbauern in Guatemala oder Kolumbien.  Sicherlich hochpreisiger, dafür aber nicht nur aromatisch, sondern zusätzlich auch wirtschaftspolitisch wünschenswert. Entwicklung dörflicher Strukturen, erhaltene Arbeitsplätze, gegen Landflucht und Ausbeutung; alles genossenschaftlich. Zudem wird dort rein biologisch angebaut. Das wird ordentlich inspiziert und dokumentiert. Die vor Ort ausgewählten Bohnen werden erst hier fachmännisch geröstet. Wir mahlen den Kaffee direkt vor dem Brühen, bei 97 Celsius. Das ist Kaffee! Kannst du gerne beim nächsten Mal bei uns probieren.

Die verzückten Blicke verfinsterten sich wieder und richteten sich auf die verdächtige Tüte. Schön bunt; nur zu schade, dass man den vietnamesischen Text auf der Tüte nicht lesen kann. Falls jener Hersteller sich an internationale soziale Standards halten würde, gäbe es sicher entsprechende Aufdrucke oder Aufkleber auf Englisch.

Leute, ich will doch nur leckeren Kaffee trinken. So einfach ist das nicht; du musst ja nicht täglich Kaffee trinken, dann aber bewusst. Kaffee war ursprünglich als Heilmittel aus Ostafrika in den Orient gelangt, bevor er zum Genussmittel mutierte und die Türken ihn bis vor Wien mitbrachten. Gerade weil Kaffee mal ein Heilmittel war und heute unter eventuell prekären Umständen angebaut und geerntet wird, sollte man ihn nicht bedenkenlos konsumieren. Die Blicke wurden nun belehrend und bohrten mich an. Hast du dir mal die irren Transportwege vor Auge gehalten, den Riesenaufwand, bis aus der Frucht in Vietnam ein Teelöffel Pulver hier in deiner Kaffeemaschine landet?

Moment, erstens habe ich keine Kaffeemaschine; ich spare deren anteilige Umweltbelastung an Produktion, Lieferkette, Anschaffung, Wartung, Reinigung und Strom. Das gleiche gilt für die Mühle. Zweitens kommt mein Kaffee auch nicht viel weiter her als von euren bevorzugten Plantagen im Gebirge von Kolumbiens. Drittens, ich nehme die antioxidativen und sonstigen heilbringenden Nebenwirkungen von Kaffee billigend in kauf, sie sind aber nicht meine Absicht. Meine Absicht ist, besser gesagt war, friedlich mit einigen gebildeten Altersgenossen ein paar Tassen Kaffee zu genießen. Lasst uns das Thema wechseln; wie wäre es mit gerechter Steuerpolitik oder bezahlbare Preise für moderne Erstklässlerschulranzen?

Das nächste Mal gibt’s für solche Experten für den einzig korrekten Lebensstil Pfefferminztee, frisch geerntet von meinen verwildernden Blumentöpfen;  auf marokkanische Art frisch im Glas übergossen. Nur 8 Meter Logistik vom Garten bis zum Wasserkocher; jedoch wieder ohne Gütesiegel; garantiert ohne Kinderarbeit. Wobei –  einige meiner Enkel hätten vielleicht sogar Freude an der Minzteeblätterente.

Euer Global Oldie

 

Speciality Coffee Association