Hello All,

in England – so hatte ich das in jungen Jahren gelernt – begann man einen unverfänglichen Small Talk ortsüblich mit dem Wetter. Mit dem notorisch schlechten Wetter. Unter schlechtem Wetter verstand man damals Regen, Kälte, Wind, Nebel und vor allem Smog in den Städten. Jene klebrige Mischung aus Niesel, Nebel, Ruß, Abgasen und kühlem Wind, die London genauso prägte wie Big Bens Glockenschlag oder das Rattern der Tube. Seitdem hat sich einiges geändert.

Hitze und Dürre, in einer anderen Saison auch Überschwemmungen, sind jetzt angebrachte Wetterthemen für den aktuellen Small Talk in Good Ol‘ England. Vor allem, wenn man Brexit, Inflation oder Frauenfußball im verbalen Geplänkel für zu heikel hält.

Inzwischen haben auch wir das Wetter als ergiebiges Gesprächsthema entdeckt. Nein, natürlich ehrgeizig weiterentwickelt. Wir sprechen über das Wetter als kleinen Bruder vom Großen und Ganzen: dem Klima. Je nach Grundeinstellung mal als Klimawandel, der schneller voranschreitet als es die meteorologischen Modelle erwarten lassen oder als Klimakatastrophe, die die Menschheit zu verantworten hat oder  als Apokalypse, die unsere Erbsünden rächen wird.  Kamen früher die Wetterberichte fernerliefen als lästige Pflichtübung am Ende der News, sind es heute eigenständige Nachrichtensparten, mit prominenten Gurus als Weltenerklärer und Mahner. Da wir aber in Sachen Klima schwerstgewichtige politische wie ethische Brocken anpacken, ist es aus dem harmonischen Small Talk Himmel hinab gestiegen in die Niederungen von Talk Shows und in den Sumpf ideologischen Streites. Alles, nur kein Einsteiger in den friedsamen, sozial wichtigen Small Talk.

Wenn man hierzulande eine sittsame Unterhaltung mit Wetter bestreiten will, kann man als Älterer die harmlose Brücke zur Befindlichkeit bauen. Mich macht dieses Wetter schlapp, jene Gelenke schmerzen, besonders wenn es kalt wird; oder es schlägt auf’s Gemüt. Das geht natürlich auch optimistisch:  Wie wunderbar es doch ist, jetzt jeden Morgen vom Sonnenschein geweckt zu werden, ohne schwere Schuhe durch die Stadt zu schlendern und im Biergarten abzuhängen.

Mit dem Wetter verbunden ist das reduzierte Angebot an Obst und Gemüse oder die gestiegenen Lebensmittelpreise. Gartenbesitzer können über wetteradäquate Bepflanzung fachsimpeln. Oder, zu späterer Stunde, über die anstehende Wässerungstriage räsonieren: Welche Pflanzen werden noch gegossen, ab wann darf, ja muss man den Rasen verdorren lassen? Soll man eine Baumpatenschaft per Gießkanne im öffentlichen Raum ausüben? Sichtbar oder klamm heimlich, morgens um vier?

Im Freien sitzend lassen sich spielend die vielen Wespen und abends schwächeren Mückenangriffe als Wetterthemen thematisieren.  Man kann das Wettergespräch zudem auf aktuell angebrachte Accessoires ausdehnen, ohne zu dicht an den Klimawandelabgrund zu geraten: Der Vorzug von Leinenhemden; ein Regeschirm ist auch ein guter Sonnenschirm; gibt’s auch für Herren. Soll man beim Baden sich vorher gut einölen oder dem Wassergetier zuliebe ein UV-Shirt tragen mit UV- tauglicher Badekappe? Wie viel Sonne tut den Enkeln einerseits und uns Alten andererseits noch gut? Wir Senioren brauchen die Sonne wegen mehr Vitamin D, müssen uns aber auch vor Hautkrebs schützen. Welcher Sender und welche App bieten die verlässlichsten Wettervorhersagen?

Meine Erfahrung lehrt mich, dass der Frieden im Freundes- und Familienkreis bei Klimathemen latent in konfliktive Gefahrzonen abzudriften droht; Wetternahe Sujets hingegen taugen, unter den oben genannten Rubriken. Meine Lieblingsfrage: was bedeutet für Euch gutes und was schlechtes Wetter? Kühler Regen oder pralle Sonne? Wieviele Tage davon erträgst du?

Bleibt cool! Euer Global Oldie