Hello All,
vorerst ist Schluss mit dem Umherschweifen. Ungewohnt für mich; unangemessen in der Rolle eines Global Oldie. Dabei schäme ich mich meiner nagenden Larmoyanz. Darf ich das privilegierte Reisen missen, während Abermillionen hierzulande und Milliarden anderswo sich sorgen, wie sie ihr Existenzminium sichern? Bedürftige und Elende hat es schon vor der Coronaplage in erschreckendem Ausmaß gegeben; lang vor meiner Zeit und auch zeitgleich. Dennoch war ich moralisch unbefangen unterwegs gewesen. Als Berufstätiger in beflissener Eile, um Verpflichtungen, Budgets und Termine einzuhalten. Effizientes Reisen empfand ich als Frage der Ehre. Im mir jetzt vergönnten Ruhestand reise ich, eben nein: reiste ich, genüsslich ineffizient. Per Auto mit verschnörkelten Umwegen. Per Bahn am Fenster tagsüber zum Rausschauen, den Platz gerne auch ohne Steckdose. Ich bevorzuge jetzt sanft wiegende Nachtflüge, ohne Tippen von Memos und Vorbereitung von Präsentationen vor der Landung. Neuerdings bin ich, nein, war ich unterwegs, um Familie und Freunde zu besuchen; um meine Neugierde privat von der Leine zu lassen.
Und jetzt das: Faktisches Reiseverbot, abgesehen vom Schatten ökologischer Reisescham. Rigorose Kontaktrestriktion. Alles notwendig, gewiss. Auf den ersten Blick für mich gar nicht so übel. Ich könnte es mir jetzt zuhause gemütlich machen. Mich einigeln mit -zig ungelesenen Büchern, überbordendem Informationsangebot, ein paar freundlichen Telefonaten täglich; sogar Kochen lernen wäre jetzt drin. Rumort in mir vielleicht ein erhöhter Pegel an genetisch verankertem Bewegungsdrang? Als Homo Sapiens gehöre ich anthropologisch gesehen zu einer in Gruppen Streunenden, nur vorübergehend sesshaften Art der Hominiden. Im Rahmen der Zufallsnormalverteilung juckt es immer einigen etwas mehr unter den Sohlen als anderen; die einen tendieren zum Ackerbau, Garteln und Warten, die anderen zum Jagen, Fischen und Weiterziehen. Ich glaube, in dieser Häufigkeitsverteilung mein Zentil bei den Umherziehenden zu erkennen. Ich war dank des Berufs und Ausstattung im Alter damit klargekommen. Jetzt muss die Beweglichkeit eher mit dem Hirn als mit den Füßen, eher mit Tasten und Lektüre als mit Kreditkarte und Bordcase erfolgen. Es wird ein anderes Umherschweifen, von dem ich an dieser Stelle berichten werde. Vielleicht schon die Übung für jene Lebensphase, in der noch andere Gründe zum Daheimbleiben verpflichten.
Ihr Global Oldie, hoffentlich nur vorübergehend „grounded“