Selbst die Frauenkirche muss sich dem Problem des kleiner werdenden Kreises von Gottesdienstbesuchern stellen. Foto: Michael Matejka

Einen Sonntag ohne den Gang zur Messe kann sich Ute K. (77) nicht vorstellen. Sie wohnt seit 45 Jahren in derselben Kirchengemeinde in Nürnberg und ist eine von jenen fünf Prozent Bundesbürgern, die noch regelmäßig in die Kirche gehen.  Gerade diese Gruppe gläubiger Katholiken hat in den letzten Jahren erfahren, dass Jesus nicht nur mit einigen Fischen und ein paar Broten tausende Gläubige am See Genezareth speiste. Sie hat auch gelernt, dass die »Una Sancta Ecclesia«, also die katholische Kirche, die hohe Kunst beherrscht, aus Dreien Eins zu machen. Wie das? Der Pfarrermangel hat die Bistümer dazu gezwungen, im großen Stil Pfarreien zusammenzulegen. So auch bei der Gemeinde von Ute K.. Wo ein Pfarrer früher eine Pfarrei zu betreuen hatte, sind es heute oft drei. 

Auch Karin P., eine ältere Kirchenbesucherin aus Nürnberg-Eibach, erlebt diesen Konzentrationsprozess schon eine lange Zeit und meint dazu: »Die Pfarrer, so mein Eindruck, sind heute zunehmend gezwungen, nicht mehr der gute Hirte einer Gemeinde zu sein, sondern deren Manager. Also, das was früher typisch war, dass der Pfarrer im Pfarrhaus gleich neben der Kirche wohnte, das gibt es nicht mehr – zumindest bei uns.« Manchmal, so ihr Eindruck, sind deshalb die Geistlichen einfach überfordert und müssen wegen Burnouts pausieren. 

Der Nürnberger Stadtdekan Hubertus Förster beklagt, dass die Kirchenleitung spät reagiert hat. Foto: Michael Matejka

Der Nürnberger Stadtdekan Hubertus Förster meint dazu: »Man kann der Kirchenleitung vorwerfen, dass sich diese Entwicklung schon seit Jahrzehnten abzeichnete. Man wusste doch genau: In Bamberg müßten jährlich etwa 22 Priester geweiht werden, nur um den Stand zu halten. Oft waren es aber nur zwei oder drei Kandidaten, die geweiht wurden. Aber man hat nur zugeschaut. Jede Firma hätte da gegengesteuert. Und all das wird auf den Rücken der Pfarrer ausgetragen. Sie bekommen immer noch eine weitere Pfarrei dazu.« Der Dekan erinnert daran, dass schon Papst Paul VI. eine Weihe von »Viri Probati«, unbescholtenen Männern, ob verheiratet oder nicht, ins Gespräch gebracht hatte. Doch diese Initiative wird bis heute von Rom abgelehnt. 

Der Dekan sagt auch, man werde sich in den kommenden Jahren von der Idee der Katholischen Kirche als Volkskirche verabschieden müssen. Er bezieht sich dabei auf die steigenden Austrittszahlen, von denen beide großen Kirchen betroffen sind. Allein 2018 waren es im gesamten Bundesgebiet 700.000, die den beiden Glaubensgemeinschaften den Rücken kehrten.

Nur noch eine Messe

Das hat einschneidende Folgen: Gab es früher in Nürnberg in den Kirchen am Sonntag noch zwei Messen, so ist es heute in vielen Gemeinden üblich, nur noch eine Messe abzuhalten. Konnten Gläubige früher noch jeden Tag in die Frühmesse gehen, so ist das heutzutage nur noch in wenigen Kirchen möglich, von Mai- und Abendandachten einmal ganz abgesehen. Das habe aber auch damit zu tun, dass solche Andachten kaum noch besucht wurden, heißt es aus Kirchenkreisen. Insofern war es keine schwere Entscheidung, sie abzuschaffen. 

Die Zeiten, in denen der Pfarrer alle seine Schäfchen kannte – zumindest die aktiven – sind ebenfalls vorbei. »Wenn ein Geistlicher drei große Kirchengemeinden hat, kann man nicht erwarten, dass er alle Leute kennt, auch wenn er sich nach der Kirche an den Ausgang stellt und den Menschen die Hand schüttelt«, so Karin P. aus Eibach. 

Ralph Saffer, Regionalreferent des Dekanats Nürnberg, sagt, man müsse sich daran gewöhnen, dass es nicht mehr alles flächendeckend geben werde, wie etwa den Vorabendgottesdienst am Samstag. Wobei hier die Situation in der Großstadt noch verhältnismäßig gut sei. Was St. Michael nicht anbiete, mache dann eben St. Martin oder die Gemeinde der Frauenkirche. Bei den drei zusammengelegten Gemeinden im Pastoralraum Südwest gäbe es keine Erstkommunion oder Firmung mehr in jeder Gemeinde, sondern das wechsle durch, erzählt Karin P. Gleiches gilt dort auch für den Firm-und Kommunionsunterricht.

Die Lücken mit ausländischen Priestern zu füllen sei keine Erfolg versprechende Lösung, sind sich Dekan Hubertus Förster und sein Regionalreferent Ralph Saffer sicher: »Als zusätzliche Kräfte sind sie interessant, so kann man auch von anderen Kulturen etwas lernen. Wenn solche Impulse kommen, dann ist das gut«, mein Saffer. Man wolle von der Weltkirche lernen, aber nicht alles sei übertragbar.

Und wie sind nun die Aussichten, nicht nur, aber auch für die Senioren in den Reihen der Kirche? Man setzt, gezwungenermaßen, mehr auf Ehrenamtliche, unter denen sich auch viele Ältere befinden. »Die gewohnte Kirche wird sich ändern hin zu einer Kirche, die nicht nur vom Priester, sondern mehr von den Gläubigen getragen werden wird«, meint Dekan Hubertus Förster. 

Bei all den düsteren Nachrichten für die katholische Kirche gab es immerhin eine erfreuliche Information: Trotz sinkender Mitgliedszahlen sind die Einnahmen 2018 auf 6,643 Milliarden gestiegen. 2017 kamen nur 6,4 Milliarden an Kirchensteuer in die Kasse der katholischen Kirche. Die gute Konjunktur und damit die gute Beschäftigungslage ließen trotz vieler Austritte das Kirchensteueraufkommen signifikant ansteigen.

Text: Werner vom Busch; Fotos: Michael Matejka