Ökumenischer Gottesdienst in St. Sebald am 11. Mai mit Segen der Religionen zu Beginn der neuen Stadtratsperiode: Martin Brons (Pfarrer in St. Sebald und St. Egidien) und Marcus König (Ober­bürgermeister) mit Gattin Anke (von links).

Sie waren uns oft gar nicht mehr bewusst. Aber plötzlich haben wir sie vermisst, weil sie unter der Herrschaft von Corona nicht mehr möglich waren: die Rituale unseres Alltagslebens. Wie wir Zähne putzen, wann wir unsere Verwandten empfangen, ob wir ein Premieren-Abo fürs Theater nutzen oder mittwochs regelmäßig mit Freunden Schafkopf, Schach oder Canasta spielen – es sind meistens kleine Rituale, mit denen wir dem Dasein ein Gerüst geben.

Zähne putzen konnten wir zu den Corona-Zeiten wie gewohnt. Wenn wir (gerade als Angehörige von Problemgruppen) Verwandte treffen wollten, war dieses Ritual durch den Lockdown bereits unmöglich. Premieren gab es nicht mehr. Die Canasta-Runde mit Beteiligten aus verschiedenen Haushalten war ebenfalls untersagt. Manche verloren dadurch ein bisschen die Kontrolle. Was sollten sie nun anfangen mit der vielen unausgefüllten Zeit?

Abschied vom rituellen Abschied

Es kam aber zu wirklich erschütternden Verunsicherungen. Eine Hochzeit war geplant, ein großes Fest, wie es zum Ritual gehört. Das Brautkleid war als zeremonielles Gewand bereits gekauft. Dann musste die Absage erfolgen. Die Hochzeit ist eines der großen gesellschaftlich zelebrierten Rituale. Oft findet sie in einem religiösen Zusammenhang statt. Genau wie die Bestattung, die wahrscheinlich das älteste Ritual der Menschheitsgeschichte überhaupt ist. Der Mitläufer in der steinzeitlichen Horde wurde nicht am Weg liegen gelassen, wenn er starb. Er bekam ein Grab. Vielleicht würde er ja weiter existieren in einer anderen Welt. In der großen Erstarrung der Corona-Pause konnten nicht einmal Beerdigungen vollzogen werden. Der rituelle Abschied vom Mitmenschen war unmöglich. Es gab auch keinen geistlichen Trost beim Sonntagsgottesdienst in der Kirche. Das Virus setzte die Feierstunden außer Kraft.

Rituale, so definiert das Oxford Lexikon der Weltreligionen, sind Handlungen, die regelmäßig und auf vorhersagbare Weise wiederholt werden und die wir hauptsächlich aus der Praxis von Religionen kennen (meist, um mit Göttern zu kommunizieren): die Abfolge eines katholischen (weniger zeremoniell und prunkvoll auch eines evangelischen) Gottesdienstes, eine hinduistische Verbrennungs-Prozession, buddhistische Meditationen, moslemische Tagesgebete oder die jüdische Ruhe am Sabbat. Viele von uns, ob religiös oder nicht, halten an solchen festgelegten Abläufen fest. Sie halten ihr Leben dadurch in einer Ordnung.

Kontakt durch Kunst

Covid-19 hat all diese Ordnungsmechanismen eine Zeitlang ausgebremst. Manche begannen sich deshalb haltlos zu fühlen. Es gab wirkliche Beben im Gesellschaftsgefüge. Doch zum Ausgleich wurden alternative Ritualformen entwickelt, wurden neue Pfosten eingeschlagen zur Markierung des Lebenswegs. Das Klatschen in der Nacht für Ärzte und Pflegekräfte war ein solches Ersatzritual. Der Reigen der Kirchenglocken um 21 Uhr. Oder das Singen von Balkonen. Eines Tages wurde berichtet, dass die Italiener das Kontaktverbot durch Kunst überwinden. Am Abend würden sie auf den Balkonen miteinander musizieren. Es war ein Protest gegen die Verhältnisse, ein Zeichen des Zusammenhalts, eine rituelle Aktivität unter dem Beton der sozialen Lähmung. 

Auch in Deutschland begann man an ungewohnten Plätzen zu singen, während offizielle Chorkonzerte abgesagt wurden und Chorproben in Form von Videokonferenzen manchmal ziemlich komisch klangen. Ich kenne ein besonders sangesfrohes Haus im Nürnberger Stadtteil St. Johannis. Über viele Wochen lang, von Mitte März bis zur Lockerung des Lockdowns, versammelten sich die Bewohner auf den Balkonen oder bei Regen im Treppenhaus – alle auf ihren Stockwerken – , und erhoben die Stimmen: »Bella Ciao« aus Solidarität mit den leidenden Italienern, »Die Gedanken sind frei«, weil so viele Freiheiten eingeschränkt wurden, die »Ode an die Freude«, weil man das im Internet vorschlug. Täglich um 18 Uhr wurde gesungen. Fast alle waren immer da. Einige kamen ja nur aus dem Homeoffice des anliegenden Wohnzimmers. Das Repertoire wuchs auf deutscher Schlager der 1950er, amerikanische Protestsongs, Kampflieder zum 1. Mai, »Amazing Grace« und »Auld Lang Syne«.

Gemeinschaft wird gestiftet

Hier zeigte sich eine wesentliche Funktion des Rituals über religiöse Bindung, Rahmensetzung für Feste und Alltagsordnung hinaus. Es stiftet Gemeinschaft. Die Hausgemeinschaft überwand die Vereinzelung durch die Macht der Pandemie. Man traf sich trotz Distanz. Man versicherte sich der Nachbarschaft. Man besprach Probleme. Und dann sang man wieder – und fühlte sich dabei geschwisterlich. 

Offensichtlich brauchen wir Rituale, um unser Leben zu organisieren und unserem Verhalten einen festen Rahmen zu schreinern. Das Erwartete und Erwartbare erlöst uns davon, stets und überall der Ungewissheit eines Abenteuers ausgesetzt zu sein. Rituale schenken uns Gewissheiten, denn sie binden uns an Traditionen. Im Konfliktfall siegt meist das Ritual über seine Infragestellung. Und in einer chaotischen Situation, wie die Pandemie sie uns zumutet, kann es Geländer bilden auf dem Weg zum Horizont. 

Text: Herbert Heinzelmann
Foto: Kirchengemeinde St. Sebald / Oliver Thumann