Werner Urban, Rudi Adamczik, Günther Dietrich, Erwin “Blondi” Weich und Herwig Sedlmayer (von links nach rechts) gehen gerne an die eigenen Grenzen, um die Kletterwände im Nürnberger “Café Kraft” zu bezwingen. Fotos: Kat Pfeiffer

Ach, Sie fühlen sich zu alt zum Klettern? Das gibt es nicht, findet eine Gruppe von Männern, alle über 70. Sie treffen sich zweimal pro Woche im »Café Kraft«, in dem die »Oldies«, wie sie hier genannt werden, ihre Muskeln spielen lassen. Sie »bouldern« in dieser riesigen Halle im Nürnberger Stadtteil Schafhof. Diese Sportart, neuerdings aufgestiegen zu einer olympischen Disziplin, entstand um das Jahr 2000. 

Im Eingangsbereich des Boulder-Centers dominiert ein großzügiges Café mit Kuchen- und Quiche-Auslage. Den Neuankömmling begrüßt feiner Kaffeeduft anstatt Schweißgeruch. Ab und zu wird die Musik übertönt von summenden Bohrern: Zwei Männer sind dabei, neue Touren an den künstlichen Felsen zu entwerfen.

Erwin Weich ist mit seinen 86 Jahren der Älteste in der Fünfergruppe. Er heißt bei allen nur »Blondi«, obwohl sein einst langer Blondschopf längst einem graustoppeligen Haarkranz gewichen ist. Er hat schon mit 16 Jahren mit dem Klettern angefangen, für ihn hieß das damals, erstmal hinkommen in die Fränkische Schweiz – »mit dem Fahrrad«, wie er betont. Andere wie Rudi Adamczik (71) stießen erst mit Mitte 30 dazu. »Mich haben Gebirgsbücher fasziniert und fürs Klettern begeistert«, berichtet er. Manche tragen beängstigende Titel wie »Sturz ins Leere« oder »Der Tod als Seilgefährte«.

Für die Fünf ist es bis heute vor allem die Fränkische Schweiz geblieben, wo sie sich im Sommer zu ihren Klettertouren treffen. Dort liegt auch die Wiege der Variante des »Rotpunktkletterns«, Geburtshelfer dieses Begehungstils im Freiklettern waren in den 1970er Jahren die Pioniere Wolfgang Güllich und Kurt Albert, erzählt Café-Kraft-Geschäftsführer Reto Faulenbach. »Sie setzten damit den Kontrapunkt zum Eroberungsalpinismus, bei dem Bergsteiger vom Typus Reinhold Messners mit künstlichen Hilfsmitteln wie Strickleitern den Berg bezwangen.« Unschwer ist herauszuhören, dass der Chef von solchen Tricks gar nichts hält. 

Und dann legen sie los, die fünf Kletterfans. Auch Günther Dietrich hat sich schnell umgezogen, das Wichtigste sind die Kletterschuhe. Er hat sich zusätzlich einen Beutel mit Magnesium umgeschnallt, gegen schwitzende Hände und für besseren Halt. Andere wickeln sich vorher Tapes um die Finger, sonst könnten Sehnen reißen, oder die Haut wird von den rauen Bouldern rissig. Aber sie müssen sich nicht mit Seilen sichern, wie in anderen Hallen, die bis zu 30 Meter hoch sind. 

Zug um Zug nach oben

Werner Urban fliegt regelrecht über die Wand mit ihren verschiedenen Schwierigkeitsgraden.

Während sich die Oldies Zug um Zug hochwuchten, teils hängend unter Vorsprüngen der Wand, machen ein paar Meter entfernt zwei sechszehnjährige Mädchen ihre ersten kläglichen Versuche, fangen stets wieder bei Null an, ohne aufzugeben. Beharrlichkeit tut Not, auch wenn es bisweilen frustriert, zum hundertsten Mal dieselbe Strecke anzupacken – bis es endlich klappt. Besonders Anfänger müssen sich darauf einstellen, dass sie zwar im ersten halben Jahr spürbare Fortschritte bemerken – doch dann komme die Hängepartie, sagen die Erfahrenen. Zu den Anfängerfehlern gehöre auch die Neigung, alle Kraft aus den Armen zu schöpfen statt den ganzen Körper, vor allem auch die Beine, mit zu beanspruchen. »Wer Energie sparen will, und das müssen wir alle, nutzt das Bouldern als Ganzkörpertraining«, sagt Marketingleiter Sören Langenhan.

An anderer Stelle der Kletterfelsen mit Namen aus dem Frankenjura wie Rabenfels, Grüne Hölle, Amboß oder Zwergenschloss (für die Kleinsten) sind die »Schrauber« am Werk. Bewaffnet mit ihren Werkzeugen, entwerfen sie zweimal die Woche lautstark neue Touren, damit es den Trainierenden bloß nicht langweilig wird. Mit einem von ihnen entfacht Herwig Sedlmayer (71) eine Fachsimpelei über die passenden Abstände. Die leichteste Route von insgesamt neun ist an gelben Bouldern zu erkennen, die schwierigsten an schwarzen. Aus den Lautsprechern tönt passend der Song »Paint it, black«.

Die allerwichtigste Frage liegt auf der Zunge: Was bringt all die Plackerei an der Wand? Darauf sprudelt es nur so heraus aus der Männerriege: Gesundheit, Beweglichkeit, Geschmeidigkeit, Konzentration, Durchhaltevermögen, taktisches Geschick würden gefördert. Und dann ist da noch die Herausforderung, bis an die eigenen Grenzen zu gehen, was Indoor leichter und gefahrloser gelinge. Das Wesentliche für sich bringt Herwig Sedlmayer auf den Punkt: »Das Größte ist ein unglaubliches Gefühl der Zufriedenheit, wenn ich die Tour erfolgreich bewältigt habe.« Der Körper werde durchflutet von Glückshormonen. Herrlich! Und Rudi Adamczik schwärmt: »Alles, was meinen Kopf sonst so ausfüllt, ist ausgeblendet, wenn ich klettere, alle Probleme sind einfach weg.« Es sei eben eine Kunst, so wie Musizieren. Eine Art mentale Therapie, mindestens aber Gehirnjogging.

Umgekehrt ausgedrückt: Was nicht zählt, sind Geschwindigkeit, Gegner auszustechen, sondern vielmehr Köpfchen, so wie beim Schachspielen, sagt Faulenbach. Und er als Bergliebhaber muss es ja wissen. Bergwandern, Skifahren, egal, Hauptsache es ist nicht flach. Die Liebe zu mehr oder minder hohen Bergen eint alle.

Aber warum bloß müssen die Leute in ihrem Alter noch solche Risiken eingehen? Herunter kommt man ja immer, fragt sich bloß, wie. Adamczik erzählt: »Meine Geschwister können es sich gar nicht vorstellen, warum ich ausgerechnet diesen Sport gewählt habe. Meine Schwester meinte: Du spinnst doch!« Und Sedlmayer erinnert sich, dass seine Frau ihn einmal weinend zu Hause empfangen hatte. Eine Nacht lang hatte sie das Allerschlimmste befürchtet, weil ihr Mann statt am Abend erst am nächsten Morgen von der Klettertour im Freiland zurückkam.

Dicke Matten federn Stürze ab

Risiko? Das sei in der Halle minimal, sagt Blondi, Herwig Sedlmayer (71), extrem dicke Matten federn Stürze ab. Und weil gerade der Abstieg riskanter ist als der Aufstieg, stehen für den Rückweg Leitern bereit. Trotzdem kommen Zerrungen vor, im vergangenen Jahr sogar ein glatter Knochenbruch. 

Dann passiert es: In einem unkonzentrierten Moment stürzt Erwin Weich, rollt auf dem Rücken ab, doch für Sekunden bleibt ihm die Luft weg. Geht schon wieder, sagt der 86-Jährige, und setzt sich wieder auf die Pausenbank zu den Kumpels. Drei Stunden durchpowern, nee, das wollen sie nicht. Das »Café Kraft« schätzen sie ja nicht zuletzt als Kommunikationsort, als zweites Zuhause, nur ist hier mehr los. Man tut etwas Gutes für Körper und Geist, anstatt dumpf vor dem Fernseher die Zeit abzusitzen, meint Sören.

In der Halle tummeln sich alle Altersgruppen, am stärksten vertreten ist die Altersgruppe von 22 bis 35 Jahren, weiß Geschäftsführer Faulenbach. Hie und da ein Kind an Papas Hand. Und darin sehen viele Teilnehmer die größte Stärke des »Café Kraft«. »Man lernt einen Haufen unheimlich netter Leute kennen«, das gefällt Adamczik besonders. Und prominente Athleten, ergänzt Langenhan um Szenen, die er erlebt hat. »Schau mal, wer da neben dir trainiert, das ist doch Europameister Alex Magos.« Der bewunderte 26-Jährige mit dem knabenhaften Gesicht kommt aus Erlangen und trainiert regelmäßig im Boulder-Center an der Gebertstraße, sofern er nicht gerade auf Auslandstour ist. An der Wand sieht man ihn eher fliegen als klettern, er wagt weite Sprünge. Im August blieb er im Wettbewerb mit dem kleinen Finger an einem Boulder hängen: aus der Traum vom WM-Titel. Das Ticket für die olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio hat er indes schon in der Tasche.

Die muntere Fünfertruppe fliegt auch gern ins Ausland. Ihr Herz schlägt für die griechische Insel Kalymnos, ein absoluter Hotspot für Kletterer. Manch einer besucht schon seit Jahrzehnten die kleine karge Insel vor der Küste der Türkei, weil sie ideale Kletterbedingungen mit ihren 3000 Routen bietet.

Die Nürnberger Boulder-Halle lockt mit immerhin fast 500 Routen, übers Jahr gerechnet wird sie 160.000 Mal betreten. Zum Beispiel von diesem drahtigen gut 40-Jährigen, der in dem Gewerbegebiet arbeitet. Er stellt sein Fahrrad ab und erzählt, dass er regelmäßig seine Mittagspause zum Bouldern nutzt. Fördert seine Firma diesen Sport? »Vergiss es, da muss man schon selber sehen, wo man bleibt«, antwortet er. 

Doch andere Arbeitgeber tun es, um Anreize für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Zum Beispiel der Autozulieferer Continental gleich aus der Nachbarschaft, die Bundesagentur für Arbeit, Polizei, Feuerwehr und andere bekommen Rabatt. Ein wichtiger Kooperationspartner ist zudem adidas. Der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt prangt ohnehin mit seinen Plakaten von Bestleistungen an den Wänden und ermuntert ab und zu Athleten, in Nürnbergs Nordosten zu trainieren. Und bisweilen dient das sportliche Ambiente als perfekte Location für Manager-Treffs. Ist doch klar: Wer als Marke für Sport steht, will die Botschaft auch nach innen ausstrahlen.

Text: Angela Giese; Fotos: Kat Pfeiffer