Asterix, Obelix und die übrigen unbeugsamen Gallier feierten in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Die beliebtesten Comic-Figuren Europas wurden 60 Jahre alt. Ihr erstes Abenteuer erschien 1959 in der französischen Zeitschrift »Pilote«. Albert Uderzo, der grafische Vater der Gallier, hatte vor zehn Jahren, zum 50. Geburtstag seiner zeitlosen Figuren, einmal eine Geschichte geschrieben, in der die Helden tatsächlich gealtert waren: Asterix trug einen grauen Bart, Obelix hatte eine Glatze. Uderzo schrieb: »Ein halbes Jahrhundert! Einem Normalsterblichen mag das lange vorkommen. Doch nur die Helden aus Film, Theater oder Literatur und selbst die Comic-Helden, um die es hier geht, genießen das Glück, die Zeit ohne Falten und Runzeln zu überdauern. Schnöderweise finden sie dieses Phänomen auch noch völlig normal. Dabei ist klar, dass sie ihre Langlebigkeit ausschließlich dem Publikum verdanken – denn es allein entscheidet über ihr Fortbestehen. Wehe jenen, die nicht in seiner Gunst stehen!«

Wenn die Gunst der Leser nachlässt, sterben die Comic-Figuren, indem sie vom Markt verschwinden. So ist es etwa den deutschen Kindheitslieblingen Fix und Foxi aus dem Verlag von Rolf Kauka ergangen. Trotz zahlreicher Wiederbelebungsversuche – auch in neuen Medien – haben sie ihr Fuchs-Dasein ausgehaucht. Andere dagegen überleben wegen ihrer Beliebtheit und ihres kommerziellen Erfolgs sogar den Tod oder den Ruhestand ihrer Schöpfer. Obwohl Szenarist René Goscinny schon lange verstorben ist und Albert Uderzo sich in Rente begeben hat, ist im Oktober 2019 ein neues Asterix-Album mit dem Titel »Die Tochter des Vercingetorix« in Millionen-Auflagenhöhe erschienen. Es wird betreut von den Künstlern Jean-Yves Ferri und Didier Conrad, die den klassischen Stil perfekt imitieren. Und selbstverständlich sind die Gallier wieder jung und agil – trotz ihrer 60 Jahre.

Spinat bis ins 90. Jahr

Im ausklingenden Jahr hatten erstaunlich viele namhafte Comic-Figuren ein rundes Jubiläum, auch wenn einige in Deutschland nie ganz berühmt wurden oder eben am Liebesentzug der Kundschaft dahin schwanden. Dazu gehört Popeye, der Seemann, der seine ansehnlichen Unterarmmuskeln dem exzessiven Genuss von Spinat verdankt. Die groteske Figur aus der Feder von Elzie Crisler Segar ist 90 Jahre alt geworden. Genauso alt wurde der Lianen-Schwinger Tarzan als Comic-Held. Hal Forster (vor allem bekannt durch »Prinz Eisenherz«) zeichnete 1929 den »Herrn des Dschungels«, der zu diesem Zeitpunkt allerdings als 1912 geborener Roman-Held bereits als Kino-Star bekannt war. Sein kleiner deutscher Bruder Tibor aus der Feder des Massenzeichners Hans Rudi Wäscher (»Sigurd«, »Nick«, »Buffalo Bill«) ist übrigens genau 30 Jahre jünger. 

Besonders aufmerksame Glückwünsche sollen hier an zwei Comic-»Geburtstagskinder« gehen, weil sich an ihren Geschichten zeigen lässt, dass Helden womöglich keine Falten bekommen, sich im Lauf der Zeit aber stark verändern. So ist »Tintin« (bei uns der Tim von Struppi) 2019 neunzig geworden. Und Batman, der im Fledermauskostüm für Recht und Ordnung in Gotham City sorgt, wurde achtzig. 

Tim, der jugendliche Reporter, der die ganze Welt bereist, wurde von dem Belgier Hergé (so sein Pseudonym) für eine sehr katholische Jugendzeitschrift erfunden. Gerade in den letzten Monaten wurde in der Comic-Fachpresse heftig darüber diskutiert, ob Hergés erste Alben (»Tim bei den Sowjets« und »Tim im Kongo«) außer schlecht gezeichnet womöglich reaktionär und rassistisch waren. Sie waren es eindeutig. Doch »Tim und Struppi« war Hergés Lebenswerk. Er veränderte seine Geschichten in grafisch immer brillanter werdende Versionen. Und er differenzierte eine zunächst sehr schlichte Weltsicht zu einer aufgeklärten Perspektive aus. Der Comic-Held ist nicht gealtert. Aber er ist reifer geworden. Deswegen sind seine Abenteuer bis heute Bestseller und können erfolgreiche Filmregisseure wie Steven Spielberg und Peter Jackson zu neuen Umgangsformen inspirieren.

Joker ist agiler als Batman

Batman (geschaffen von Bob Kane und Bill Finger) soll man es zwar nicht ansehen, denn Superhelden tragen das Image der Unsterblichkeit. Aber er ist merklich älter geworden. Vor allem in den komplexen Geschichten, die ihm bleibenden Erfolg beim erwachsenen Publikum sichern. Zuerst war die Figur ein moralisierender Schlagdrauf, der eindeutig fiese Schurken zur Strecke brachte. In den 1980er Jahren machten ihn Künstler wie Frank Miller oder Grant Morrison dunkler, gebrochener, verzweifelter – ja sogar psychotisch. Der Held glich sich seinen verrückten Widersachern an. Vielleicht ist es bezeichnend, dass im Jubiläumsjahr 2019 nicht Batman selbst, sondern sein infamster Gegner Joker, Held eines anspruchsvollen Spielfilms geworden ist, der bei den Filmfestspielen von Venedig den Hauptpreis bekam. 

Gerade amerikanische Comic-Helden möchten Vorbilder für Kinder sein. Doch wenn Erwachsene noch Comics lesen sollen, müssen die Gestalten einer Lebenserfahrung angepasst werden, die der Komiker Woody Allen (übrigens in »Inside Woody Allen« auch als Comic-Figur erfolgreich und als solche 2019 dreiundvierzig Jahre alt geworden) einmal so ausgedrückt hat: »Das Leben ist voller Einsamkeit, Elend, Leid und Kummer – und dann ist es auch noch im Handumdrehen vorbei.«

Text: Herbert Heinzelmann/Cartoon: Sebastian Haug