Prof. Franz Kolland aus Österreich hat die Kriegskinder wissenschaftlich untersucht und ist zu spannenden Ergebnissen gelangt. Foto: pnb

In manchen Familien war das Thema ein Tabu, in anderen wurde offen darüber gesprochen. Was die Kriegsgeneration erlebt hat, das wirkt sich auch auf die nachfolgenden Generationen aus. Wie die eigenen Eltern das Erlebte verarbeitet haben, das entscheidet mit darüber, ob ihre Kinder mehr oder weniger von den schrecklichen Erfahrungen mitgeprägt werden. Beim diesjährigen Schöller Symposium am 18. Oktober 2019 im Nürnberger Marmorsaal stand die Kriegsgeneration im Mittelpunkt.

Dass die Auseinandersetzung mit den Folgen des 2. Weltkriegs noch lange nicht abgeschlossen ist, war am Besucherinteresse abzulesen. Im Saal war kein Platz mehr frei, als Prof. Franz Kolland von der Karl Landsteiner Privatuniversität Krems in seinen Ausführungen über die Kinder und Enkel der Erlebnisgeneration sprach.  Die Nachfahren der Jahrgänge 1938 bis 1945 sind bald in Rente und werden auf die Geriatrie zukommen. Sie sind “von einer Zeit des Ausschweigens und der Bagatellisierung geprägt”. Dazu gehöre beispielsweise, dass man sich die eigenen Schwächen nicht eingesteht. Schließlich haben die Verwandten viel Schlimmeres im Krieg erfahren, als die nach Kriegsende geborenen Kinder, damit wurde ihr Schmerz häufig relativiert.  Sie sind in einer “pathologischen Normalität aufgewachsen”, disgnostiziert der österreichische Professor. Er nannte sie auch  “eine Generation, die gesund ist ohne Arzt”.

Etwa 50 bis 60 Prozent der Menschen, die den 2. Weltkrieg erlebten und nicht zu den Holocaust Überlebenden gehören, haben unter traumatischen Erlebnissen gelitten, heißt es in wissenschaftlichen Untersuchungen. Inwieweit sie durch ihr Verhalten die nächste Generation geprägt haben, ist noch sehr wenig bekannt. Überhaupt ist die Auseinandersetzung mit den psychologischen Kriegsfolgen in Deutschland lange vernachlässigt worden. Neuere Forschungen weisen nach, dass sogar in der Erbmasse Erfahrungen wie Flucht, Vertreibung, große Naturkatastrophen oder Kriegserlebnisse wie der Feuersturm in Hamburg zu finden sind. Forschungsarbeiten zur  Transgenerationalen Vererbung  verneinen zwar die direkte Weitergabe von entsprechenden Erfahrungen, doch gibt es durchaus Nachweise für eine Beeinflussung des Verhaltens der Nachfahren.

Für Prof. Dr. Heide Glaesmer aus Leipzig ist die häufig sehr ausgeprägte Identifizierung mit der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen der Grund dafür, die eigenen Beeinträchtigungen und Belastungen zu verdrängen oder zu bagatellisieren. Jahrzehntelang wurde ein Bild „anormaler Normalität“ aufrechterhalten. Im Alter brechen nun die posttraumtischen Störungen auf. Das kann sich in körperlichen oder seelischen Kranheiten zeigen.

Prof. Kolland warnte allerdings davor, die Generation der Nachkriegskinder einseitig zu beurteilen. Sie hatte auch einige Vorteilen gegenüber anderen. So fanden sie einen unproblematischen Arbeitsmarkt vor, der ihnen einen leichten Einstieg in das Berufsleben ermöglichte.  Während sich die Generation der zwischen 1929 und 1939 geborenen Menschen oft “betrogen fühlte” und nach dem Krieg eine kritische Grundhaltung entwickelte,  hätten die Jahrgänge um 1950 ein positives Zukunftsbild.

Aus der zweiten Generation der nach 1940 Gbeorenen, die den Krieg als ganz kleine Kinder erlebt hatte, bildete die Protestbewegung der 68er heraus, die vor allem den Sturz der Väter bewirkte.

Bei der Pflege von alten Menschen sei es wichtig, die biografisch prägenden Ereignisse zu kennen und bei der  Einordnung von physischen und psychischen Leiden präsent zu haben. So können die Betroffenen besser betreut werden, lautete die Meinung der Experten zur längst überfälligen Beschäftigung mit diesem Themenkomplex aus unterschiedlichen Perspektiven.