aaa-vignette Hello All, 1974 war ich zum Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern nach Chai Wan gefahren, dem östlichsten Stadtteil auf Hongkong Island. Über eine Stunde quälte sich ein stickiger Doppeldeckerbus von Central District über Shaukeewan kurvenreich bis zum ersten Busstop in Chai Wan, bei der Wäscherei auf dem Bergkamm. Unten im Hafen ankerten Fischer- und Frachtdschunken. Im Tal ragten neben niedrigen Häusern einige siebenstöckige graue Resettlement- Betonbauten, die einfachste Behausungen für Festlandsflüchtlinge und nicht immer ganz legale Kleinbetriebe beherbergten. An den mit Urwald bewachsenen Steilhängen schmiegten sich reihenweise kleine Steinhütten ins Gestrüpp; Hühner und Enten liefen frei herum; steile Treppen führten runter zur Bucht oder hoch zur Hauptstraße. Oberhalb davon wucherten an den Bergflanken „Squatters“, wild errichtete Slumsiedlungen. Ca. zehntausend Menschen lebten damals in Chai Wan. Anstelle des pittoresken Hafens erheben sich heute über hundert vierzigstöckige Hochhäuser und Industriebauten aus der mittlerweile zugeschütteten Meeresbucht. Die neue Wasserlinie bildet eine kilometerlange Uferpromenade nach Sei Wan Ho. Die Squatters sind verschwunden; der verbliebene Urwald ist zum öffentlichen Park dressiert. Heute leben über Zweihundert Tausend Menschen in Chai Wan; unter ihnen keine Fischer, Seeleute oder Hafenarbeiter mehr. Mandarin hört man zunehmend neben der regionalen Sprache Kantonesisch. Bis auf die geografische Lage scheint nichts mehr wie noch vor dreiundvierzig Jahren: Landschaft, Bebauung, Verkehr, Geräuschkulisse, Wirtschaft, Bevölkerung – alles hat sich radikal geändert. Eine übergroße Herausforderung an die nun in die Jahre gekommenen Alteingesessenen von damals – sollte man meinen. Doch die mit uns ergrauten Angehörigen und Freunde vor Ort finden den Wandel gut. Hochhäuser anstatt Hütten im Grünen? Sehr praktisch, kurze Wege und viel sicherer bei Taifun; kaum noch Gefahr durch Erdrutsche und Feuer! Der brausende Großstadtverkehr statt Natur an der Treppe? Keine Schlangen und giftiges Geziefer mehr in der Behausung! Anstatt drückender Schwüle im Klapperbus nun klimatisierte Expressbuse und U-Bahn. Kein Hafen und keinen Strand mehr in der Bucht? Anstatt des stinkenden Hafens und zugemüllten Strandes haben wir eine schattige Promenade und keinen Ärger mehr mit den Schmugglern! Die zwanzigfache Bevölkerung am selben Platz? Prima doch, mit den Leuten kamen all die besseren Geschäfte, mehr Schulen, Krankenhäuser und gepflegte Parks in direkter Nähe. Vermisst Ihr nicht die Wege und Treppen, mit dem freien Blick auf die Lei Yee Mun Meeresenge? Mit zunehmenden Alter fahren wir viel lieber Rolltreppe und Aufzug! Der bunte Markt mit der Freilufthalle unterhalb der Polizeistation? Den gibt’s inzwischen blitzesauber und klimatisiert im Tal! Die vielen Fremden vom Festland? Naja, die sind nur bisweilen ein kleines Problem, weil die unverständlich sprechen und nicht richtig kochen können, da riecht’s schon manchmal seltsam im Treppenhaus. Das müssen wir denen noch zeigen; Gelächter.
Die alternden Chinesen tun sich mit dem Wandel um sie herum offensichtlich leichter als die meisten gleichaltrigen Westler, selbst wenn deren Lebensumstände wesentlich undramatischer changieren. Dem Taoismus und Buddhismus entlehnte Lebensanschauungen unterstellen ein ewiges Sich Ändern aller Dinge im Kosmos; Tao: Die Lehre vom rechten Weg; I Qing: Das Buch der Wandlungen. Alles bewegt sich. Und somit verändert sich alles; in der unmittelbaren Umgebung genauso wie die eigene Existenz. Stillstand, Festhalten am Bisherigen wäre widernatürlich; Auflehnen gegen den Gang der Dinge geradezu töricht. Man fügt sich weise und greift eher neugierig als widerwillig die Innovationen auf. Mit so einem Seitenblick auf fernöstliche Daseinsbetrachtung altert es sich offensichtlich wesentlich entspannter; selbst im Großstadtgetöse einer asiatischen Metropole. Eine Geisteshaltung zur Nachahmung durchaus empfohlen, falls wir mal wieder mit einem neuen Fahrscheinautomaten hadern sollten.
Ihr Global Oldie