vignette Hello All, „Grey Divorce Revolution“ nennen es die Amerikaner*. Und sehen darin ein Zeichen der Emanzipation im Alter. Genauer gesagt: der reiferen Frauen, von denen überwiegend das Scheidungsgesuch im Alter ausgeht. Entgegen dem allgemeinen Trend, der einen deutlichen Rückgang der Scheidungsquote in der Gesamtbevölkerung abbildet, lassen sich immer mehr Paare jenseits der Fünfzig scheiden. Waren in den USA 1990 nur 10% aller Geschiedenen über 50 Jahre alt, sind es 2009 schon 25% gewesen. Tendenz weiterhin steigend – auch in Deutschland und anderen Ländern, die noch bis vor kurzem allgemein steigende Scheidungszahlen zu verzeichnen hatten. Wenn ältere Paare sich trennen, liegt bisweilen eine biographische Wendung hinter ihnen: Auszug der Kinder, Verrentung, schwere Krankheit oder wirtschaftliche Krisen. Hinzu kommen die höheren Erwartungen an die Lebensqualität im „dritten Alter“ und an entsprechender Aktivitäten, von denen sich zumindest der eine Partner durch sein Gegenüber ausgebremst sieht. Vor dem Hintergrund einer wesentlich längeren Lebenserwartung fragen sich Paare in ungemütlicher Zweisamkeit, ob das wirklich so die nächsten 30 Jahre weiter gehen muss. Auffällig ist dabei, dass Ehepartner, die schon einmal zuvor verheiratet gewesen waren, sich 2,5 Mal öfters auch ein zweites oder drittes Mal scheiden lassen, als bis dato „einmalig“ Gebundene. Offenbar haben solche mehrfache Ehepartner gelernt, dass Scheidung durchaus eine Möglichkeit ist, Lebensweichen zu stellen.
Scheidung als emanzipative Befreiung zu sehen, ist jedoch ein Privileg jener Paare, die sich die späte Trennung leisten können, ohne im Alter zu verarmen. Ansonsten wohl eher ein Verzweiflungsschritt. Die bessere Bildung und höhere Frauenberufstätigkeit ermöglicht also indirekt Scheidung als risikoarme Option. Zudem müssen sich heute geschiedene Frauen in den USA und hierzulande nicht mehr mit so massiven Stigma herum schlagen wie noch die frühere Generation. Was ein neues Licht auf die Popularität unter älteren Damen des Udo Jürgen Schlagers „Mit sechundsechzig Jahren fängt das Leben erst an“ wirft.
Ihr Global Odie
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*Susan Brown, Co-Director des National Center for Family and Marriage Reearch, Bowling Green State University