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Immer zur Stelle: Die Tochter kommt, um zum Beispiel beim Anziehen der Strümpfe zu helfen. Foto: Epd

Die Zahlen sind alarmierend: 60 Prozent der Befragten, die ihre Angehörigen selbstständig pflegen, geben an, dass die Pflege sie extrem viel Kraft koste, so die Studie der Techniker Krankenkasse (TK). Jeder dritte Befragte gibt sogar an, dass er aufgrund der Pflegebelastung unter gesundheitlichen Probleme leidet. Deshalb ruft der Bundesverband Rehabilitation (BDH) dazu auf, die Belastung der Betroffenen ernster zu nehmen und bessere Rahmenbedingungen zu schaffen.
Die Zahlen seien mehr als alarmierend und ein klarer Appell an die Bundespolitik, die Scheuklappen abzulegen und die Situation pflegender Angehöriger zu verbessern, so Ilse Müller, Vorsitzende des BDH Bundesverband Rehabilitation. Der Sozialverband setzt sich für eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ein: „Die hohe physische und psychische Belastung, die eine Pflege in den eigenen vier Wänden bedeuten kann, muss gesellschaftlich stärker anerkannt werden. Wir erwarten von der Wirtschaft flexiblere Arbeitszeitmodelle, die die Pflegeleistung ohne wirtschaftliche Risiken für Betroffene besser integrieren. Grundsätzlich braucht es einen fairen Lastenausgleich. Immerhin bedeutet die selbst organisierte Pflege, gerade im Falle dementer Angehöriger, vielfach auch das Ende des einmal eingeschlagenen Lebensentwurfs und die Unterordnung beruflicher oder privater Pläne und Ziele.“
Der BDH drängt auf einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel im Umgang mit der privaten Pflege, der der alternden Gesellschaft gerecht wird. Die Pflege Angehöriger müsse gleichwertig neben die Erziehung des Nachwuchses treten, so Ilse Müller: „Angesichts der dramatisch schnellen Alterung unserer Gesellschaft müssten wir alle ein Interesse daran haben, Pflegeleistungen und Erwerbsleben besser miteinander zu verzahnen. Immer mehr Menschen werden mit Pflegefragen konfrontiert. Da werden Initiativen wie das Familienpflegezeitgesetz von 2011 oder Selbstverpflichtungen der Wirtschaft als „weiße Salbe“ zur Problemlösung wohl kaum genügen. Es braucht eine ernsthafte und ehrliche Debatte, immerhin entlasten die mehr als 1,3 Millionen pflegenden Angehörigen, die etwa 1,7 Millionen Menschen daheim versorgen, die Sozialkassen um einen Milliardenbetrag und stabilisieren so unser gesamtes Sozialsystem.“
Der BDH rät dazu, die Zahl beratender Pflegestützpunkte flächendeckend aufzustocken und auf unkompliziertere Antragsverfahren zu setzen, die eine generelle Anhebung der Pflegesätze flankieren. Immerhin entscheiden sich zwei von drei Angehörigen von Demenzpatienten, die Betreuung selbständig zu organisieren, da störe die Überbürokratisierung der Pflegeanträge immens, so Müller. Zudem seien ein Rechtsanspruch auf eine Familienpflegezeit, sowie einen Anspruch auf Lohnersatzleistungen bei der Pflege, analog zu den Elternzeitregelungen, wichtige politische Maßnahmen zur Stärkung der heimischen Pflege.
Hier finden Sie die Studie der TK: http://www.tk.de/tk/pressemitteilungen/politik/658440