vignette2012  Hello All, so 58 Jahre ist es her.  „Gib der Oma zum Abschied ein Bussi“ hatte mir mein Vater eingeschärft. Unmöglich, das war mir vom ersten Anblick an  klar. Ich Knirps stand erschrocken im Altenheim am Rollstuhl der fast Fremden. Vor mir ein runzeliges und von Gesichtsstoppeln bedecktes Greisingesicht, umgeben von  ungutem Geruch. „Wir müssen nun gehen; gib der Oma ein Bussi“, kam  die Aufforderung von oben, nun energischer.  Alles sträubte sich in mir. „Mm, mm“, weigerte ich mich. „Sei ein lieber Junge“.  Jene Großmutter war Pfarrwitwe gewesen;  gottesfürchtig, wahrhaft und sittenstreng. „Ich kann nicht“, stammelte ich ehrlich. „Warum denn nicht?“ „Mir ist ekelig“. Ein lauter Knall; brennender Schmerz im Gesicht. In aller Peinlichkeit wurde ich hastig aus dem Zimmer bugsiert.  „Warum hast Du so etwas Schlimmes  gemacht?“  Ich soll  doch immer  ehrlich sein. Woher der Zorn, warum die Strafe ? Es war  das erste Mal, dass mein frühes Weltbild zu wanken begann, nicht nur wegen der mächtigen Ohrfeige.

Jahrzehnte später erfuhr ich: Einem Kind in Ostasien wäre das  nicht passiert. Gemäß konfuzianischer Tradition hat Wahrhaftigkeit einen hohen Stellenwert; doch die Höflichkeit und der Respekt vor dem Alter einen noch  höheren.  Gesicht wahren und Gesicht geben ist in Korea, Japan und China eine der obersten Verhaltensregeln, die man von Kindesbeinen an lernt.  Den Anderen Würde verleihen und selbst Haltung behalten . Nicht universale Ethikregeln sondern deren situationsgerechte Auslegung bestimmen das pädagogische Konzept.

Mit Konfuzius am Steuer fliege ich in einer Zeitmaschine zurück zur Großmutter. Statt Bremen nun Beijing. „Gib Großmutter ein Bussi zum Abschied“. „Gern! Doch ihre Gesundheit scheint mir delikat. Ich habe Schnupfen und will sie nicht anstecken“. „Was für ein rücksichtsvolles  Kind. Geh‘ in Frieden!“  Alles wäre gut gegangen. Jener Tag, der Abschied, die Erinnerung an alle Beteiligte.

 Es war das letzte Mal, dass ich die Großmutter gesehen hatte. Meister Konfuzius hätte ihr und mir jenen erbärmlichen Abschied erspart und uns beiden in  Würde auseinander gehen lassen; zusätzlich  meinem Vater das schlechte Gewissen und mir die frühen Zweifel an unserem abendländischen Wertekanon ausgelassen. Au Backe,

Ihr Global Oldie