
Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale Bayern rät, besonders sensible Daten zu schützen. Foto: Marcus Schlaf Was passiert eigentlich mit meinem Online-Bankkonto, wenn ich nicht mehr bin? Oder mit meinem E-Mail-Account, wenn dann keiner mein Passwort kennt? Im Laufe eines Lebens sammeln sich viele digitale Spuren im Internet an. Tatjana Halm leitet das Referat »Recht und Digitales« bei der Verbraucherzentrale Bayern in München. Sie erklärt, wie man rechtzeitig digital Ordnung schafft und seinen Angehörigen damit vieles erleichtert.
Warum sollte ich mich mit meinem digitalen Nachlass beschäftigen?
Tatjana Halm: In unseren Accounts (digitalen Benutzerkonten, Anm. d. Red.) schlummern ganz viele private Daten. E-Mails, Fotos in der Cloud, aber auch Zugänge zu Konten oder Fonds. Wenn man überlegt, was man inzwischen alles digital hat, dann stellt sich automatisch die Frage: Was passiert mit diesen Daten, wenn ich nicht mehr bin? Das betrifft eigentlich jeden, aber gerade ältere Menschen setzen sich ohnehin mit ihrem Erbe auseinander, und dazu gehören eben auch die digitalen Dinge. Es geht darum, selbst eine klare Regelung zu haben, aber auch denjenigen, die zurückbleiben, den Zugang zu erleichtern.
Welche Folgen kann es haben, wenn ich das nicht regle?
Für die Erben kann das den Zugang zu wichtigen Informationen wie Kontodaten oder Passwörtern erheblich erschweren. Es kann aber auch die Erinnerungskultur betreffen, wenn man nicht mehr an private Fotos oder Blogs herankommt. Und öffentliche Accounts laufen ja einfach weiter, ohne dass jemand sie beenden kann. Das kann durchaus belastend sein.
Im Digitalen gibt es ja kaum eine Grenze, wie viel sich da ansammeln darf.
Absolut. Ich weiß selbst nicht mehr, wo ich überall Accounts habe, und für Erben ist diese Ungewissheit noch größer. Man meldet sich irgendwo an, weil es kostenlos war, nutzt es eine Weile und dann vergisst man den Account. Der physische Nachlass ist endlich, im Digitalen dagegen kann er quasi unendlich sein.
Wo fange ich am besten an, ohne dass es mich überfordert?
Zuerst braucht es das Bewusstsein, dass man sich damit beschäftigen sollte. Wir bieten dafür online ein Tool (Hilfsprogramm, Anm. d. Red.) an: »Selbstbestimmt – Mein digitales Leben« heißt es, und soll Orientierung geben. Dann würde ich mir eine Prioritätenliste erstellen: Alles rund um Versicherungen und Geld ist besonders wichtig, ebenso Clouds (digitaler Speicherplatz auf externen Computern, den man über das Internet nutzt, Anm. d. Red.) mit relevanten Informationen. Danach kann man sukzessive dokumentieren, wer worauf Zugriff bekommen soll.
Kann ich auch festlegen, wer sich um was kümmert?
Ja, das sind sogenannte Nachlassverwalter für einen bestimmten Bereich. Wichtig ist, diese Personen vorab zu informieren und zu fragen, ob sie das überhaupt übernehmen möchten. Die Zugangsdaten selbst sollten aber möglichst persönlich und privat bleiben und erst im Ernstfall weitergegeben werden.
Muss das ins Testament aufgenommen werden oder reicht ein Formular?
Das muss nicht zwingend juristisch geregelt werden. Es sollte handschriftlich sein und die Person klar benennen. Formulare dafür gibt es auch auf unserer Webseite.
Was halten Sie von externen Dienstleistern, die den digitalen Nachlass verwalten?
Das sehe ich kritisch. Man hinterlässt dort eine erhebliche Menge sensibler Daten und Zugangsdaten. Was passiert, wenn das Unternehmen insolvent geht? Da fehlt oft die Garantie für echte Datensicherheit und Nachhaltigkeit. Im besten Fall regelt man es selbst, notfalls mit Unterstützung eines Notars oder eines eigenen Schließfachs.
Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps?
Erstens: das Bewusstsein schaffen, wie viele Daten man eigentlich preisgibt. Zweitens: unterscheiden, was besonders wichtig und sensibel ist. Man muss nicht alles gleich behandeln. Und drittens: sich eine Routine schaffen, damit man wirklich regelmäßig dranbleibt, weil ja vielleicht auch Dinge dazukommen oder wegfallen.
Kann es helfen, sich dafür mit anderen zusammenzutun, zum Beispiel mit den Enkeln?
Auf jeden Fall, das kann sogar Spaß machen. Sich die Enkel dazuzuholen, ist keine schlechte Idee. Das erleichtert die Sache, denn ganz ehrlich: Freude macht das Aufräumen selten allein.
Interview & Foto: Lea Maria Kiehlmeier
Information
Die Verbraucherzentrale Bayern hat auf ihrer Homepage eine Online-Hilfe, mit der man sich einen Überblick über seinen digitalen Nachlass verschaffen kann. Dabei geht es um Checklisten, Vollmachten und allgemeine Infos. Nutzer können eine Übersicht ihrer Online-Konten und Passwörter anlegen und bestimmen, welche Vertrauensperson sich im Ernstfall darum kümmert. Mehr dazu unter t1p.de/kpkn0




