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Wohin reitet Winnetou?

Das Lesen von Büchern geht zurück. Das spürt auch der Karl-May-Verlag. Verleger Bernhard Schmid, siehe Foto auf der Titelseite, sucht einen Nachfolger.

Auf dem Stapel der Einschlaflektüre am Nachttisch liegt immer auch ein Band von Karl May. Längst gelesen, manchmal vielfach, abgegriffen, aber immer noch in der stolzen Haltung eines gut gemachten Buchprodukts. Das macht nicht jeder so, doch ich folge im Alter durchaus den geistigen Spuren meiner Kindheit und Jugend. Karl May war prägend – sogar ein journalistisches Berufsleben lang. Aber wie geht es ihm nun, Old Shatterhand, Kara ben Nemsi, dem Hochstapler und Sträfling, dem Erfolgsautor und Friedensprediger? Wird er noch gelesen? Schaut man seine Verfilmungen noch an? Oder reitet er mit jeder Stunde tiefer ins Reich des Vergessens?

Ganz so tief kann es doch nicht sein. Im vergangenen Jahr hatte der Film »Das Kanu des Manitu« den besten Kinostart einer deutschen Produktion und zog das meiste Publikum vor die Leinwände. Das ist eine schräge Parodie von Bully Herbig, dazu ein Abklatsch der früheren Parodie »Der Schuh des Manitu«. Aber als Parodie kann nur funktionieren, was der Parodie würdig ist. Karl May mit seiner Heldenfigur Winnetou ist es offensichtlich – immer noch. Und das ganz unabhängig von allen Diskussionen, wie man die indigene Bevölkerung Amerikas heute korrekt bezeichnet.

Die Schwindsucht der Kulturtechnik Lesen

Auf den Verkauf der Karl-May-Klassiker hat sich der Filmerfolg der Komödie allerdings kaum positiv ausgewirkt. Das räumt Bernhard Schmid, der Leiter des Bamberger Karl May Verlags, freimütig ein. Er macht das Problem weniger am Verblassen seines Hausautors fest als an der allgemein sich verbreitenden Schwindsucht der Kulturtechnik Lesen. Karl May sei sehr präsent, meint Schmid und verweist auf die Spielpläne vieler Freilichtbühnen. Da ist immer irgendwo die Dramatisierung einer Vorlage aus der Feder des Sachsen (1842–1912) dabei. Viele Kinder sehen das. Aber es löse nicht mehr dieselbe Lektüre-Neugier aus wie früher. Das ­Theatererlebnis verschwinde rasch hinter den rauschenden Bildern des aktuellen Medienkonsums, so Schmid.

Noch gibt es keinen Streaming-Anbieter mit Plänen für eine Abenteuerserie nach den Büchern von Karl May. Dabei werden die längst von zeitgenössischen Autoren in marktgängigen Genres fortgeschrieben. So gibt es seit einiger Zeit eine Fantasy-Reihe (»Der Fluch des Skipetaren« u.ä.), die Mays orientalisches Personal in Welten voller Vampire und Dämonen versetzt. Andere Schriftsteller schreiben Old Shatterhand »Neue Abenteuer« zu. In Anthologien wie »Auf phantastischen Pfaden« versuchen junge Verfasser, aber auch Erfolgsautorinnen wie Tanja Kinkel, mit Kurzgeschichten May zu folgen.

Karl May ist noch nicht totgeritten

Der Bamberger Verleger Schmid ist rege. Die letzten Funde aus dem Nachlass werden veröffentlicht – etwa Briefwechsel mit Verlegern und Redakteuren. Für das kommende Jahr verspricht er einen Sammelband, in dem sich die erste Garde deutscher Gegenwartsschriftsteller (»Das ist zum Fingerlecken«, sagt Schmid) mit der Gedankenwelt des Weber-Sohnes aus Hohenstein-Ernstthal auseinandersetzen wird. Karl May ist noch nicht totgeritten.

Und trotzdem will Bernhard Schmid seinen Verlag verkaufen und befindet sich derzeit in ernsthaften Verhandlungen. »Nicht weil es uns schlecht geht«, sagt er. »Wir schreiben schwarze Zahlen.« Von Mays bekanntesten Büchern »Winnetou« oder »Der Schatz im Silbersee« würden pro Jahr immer noch rund 15.000 Exemplare verkauft. »Ich will, dass es weitergeht, habe aber keine Kinder oder natürliche Nachfolger. Deswegen schaue ich mich jetzt nach Kollegen um, die meine Arbeit fortsetzen. Schließlich bin ich auch schon 65 Jahre alt«, so der Verleger.

Wenn ich heute in den alten Büchern aus meiner Kindheit blättere, lese ich genau die Stellen, die ich damals übersprungen habe, weil sie mir zu wenig spannend waren. Und es ist erstaunlich, wie genau Karl May Landschaften beschrieben hat, in denen er nie war. Und vor allem, wie präzise er politische Konflikte erkannte, die bis heute andauern (»Durchs wilde Kurdistan«). Bernhard Schmid macht auf den Streit aufmerksam, der vor ein paar Jahren über den »Indianer« Winnetou entflammte, auf die »kulturelle Aneignung«, die man May vorgeworfen hat. Schmid meint: »Da haben wir uns über das Wort Indianer gestritten. Aber in dem Wort kamen die Ureinwohner wenigstens vor. Wer denkt denn jetzt an sie? Karl May hat ihnen immerhin ein ehrendes Angedenken bewahrt.«

Alles klar: Winnetou darf nicht sterben. Und der kleine Hadschi Halef Omar des Orients steht tapfer zwischen den vielen Kriegsfronten, die heute dort verlaufen. Ich werde mir die beiden Figuren eilig auf den Nachttisch holen. Um noch einmal mit ihnen zu träumen.

Text: Herbert Heinzelmann
Fotos: Wolfgang Gillitzer; privat

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