Nach Meinung des Literaturwissenschaftlers Stefan Kutzenberger ein Bild, das in den Wohnungen jüngerer Menschen immer seltener zu sehen ist: die gut bestückte Bücherwand. Foto: Pixabay

Jammern gehört zum Geschäft. Und eine gute Geschichte auch. So weit, so bekannt. Wie wir darauf kommen? Uns hat Post erreicht: Stefan Kutzenberger hat jüngst ein Buch veröffentlicht: »Das Literaturquiz: 123 Antworten, die Sie kennen sollten, um über Literatur mitreden zu können.« Kutzenberger ist Lektor und Dozent am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien. Dort hat der Mann eine Beobachtung gemacht: Wenn er seine Erstsemester fragt, warum sie dieses Fach studieren wollen, dann nennen sie ihm nicht mehr Goethe und Shakespeare, sondern Netflix-Serien. Vor ein paar Jahren sei es zumindest noch »Harry Potter« gewesen. Eine Welt, in der mehr Menschen »How I Met Your Mother« als Franz Kafka kennen, sei keine gute Welt, klagt der Wissenschaftler. Deshalb tritt Kutzenberger beherzt den Kampf gegen den drohenden Kulturverlust an – und zwar mit den Waffen des Feindes, sprich: mit Infotainment. Sein Literaturquiz soll die Lust am Lesen neu wecken. 

Der Vorwurf von Stefan Kutzenberger ist indes ein alter: Wo man sich beim Lesen eines Buchs sein eigenes Kopfkino erschaffen muss, werden beim Film die Bilder fertig geliefert. Jeder kennt das Problem: Man hat ein Buch gelesen, guckt dann die Verfilmung und stellt fest, dass das Buch leider besser war. Ausnahmen bestätigen die Regel. Trotzdem führen Buch und Film seit jeher eine friedliche Koexistenz. Hier wie dort geht es um Geschichten.

Geschichten werden erzählt, seit es Menschen und Sprache gibt. Geändert haben sich nur die (Erzähl-)Formate, und selbst von denen haben viele überlebt – allem Kulturpessimismus zum Trotz. Auch im Jahr 2020 gibt es immer noch Geschichtenerzähler und immer noch Kinofilme. Dass Kutzenbergers Studenten gerne Serien gucken, mag daran liegen, dass das gerade fast alle tun. Weil Serien das Erzählformat der Stunde sind: kluges Unterhaltungsfernsehen, das im 21. Jahrhundert angekommen ist (siehe obenstehenden Beitrag). Was nicht heißt, dass Goethe, Shakespeare und Kafka deshalb hinten runterfallen. Dafür gibt es ja das Studium und einen Literaturkanon, in dem all die essentiellen Bücher aus den letzten Jahrhunderten aufgelistet stehen, die man als Student lesen muss und es im Laufe seines Studiums auch tut. Weil man nur dann Zitate erkennen und Zusammenhänge verstehen, Querverweise entschlüsseln und Texte interpretieren und sich erschließen kann.

Brecht, Böll und Breaking Bad sind wichtig

Wer mehr weiß, hört mehr (in der Musik), sieht mehr (im Museum) und versteht mehr (in Büchern). Deshalb sollte man seinen Brecht und seine Bachmann, seinen Böll und seinen Borchert kennen, aber eben auch Bach, die Bibel, die Beatles, Banksy, Bergman, Baselitz und eine Serie wie »Breaking Bad« (in der wiederum ein Dichter namens Walt Whitman eine Rolle spielt). Alles hängt zusammen. Und wir sprechen hier gerade nur vom Buchstaben B. B wie Buch. Das hat alle technischen Erfindungen, die nach ihm kamen, überlebt und wird auch nicht an Serien zugrunde gehen.

Aber natürlich braucht auch Literaturwissenschaftler und Autor Stefan Kutzenberger einen Aufhänger, um sein bildungsbürgerliches Quizbüchlein zu bewerben. Eine dosierte Provokation, einen kalkulierten kleinen Aufreger. Wie gesagt: Jammern. Und eine Geschichte zum Produkt erzählen. Was die serienguckenden jungen Leute angeht, raten wir derweil zu Gelassenheit.

Text: Stefan Gnad