
Alleine wohnen, alleine kochen, alleine älter werden – für manche Menschen ist das kein erstrebenswertes Lebensmodell mehr. Sie suchen nach neuen Wohnformen mit mehr Gemeinschaft, gegenseitiger Unterstützung und weniger Einsamkeit. Ob Senioren-WG, generationsübergreifendes Wohnprojekt oder solidarisches Haus: Die Sehnsucht nach einem anderen Zusammenleben wächst.
Doch der Weg dorthin ist oft lang. Gemeinschaftliches Wohnen kostet Zeit, Geduld und Konfliktfähigkeit – und oft auch mehr Geld als gedacht, wie Beispiele aus Forchheim und Nürnberg zeigen.
Wie viele Freunde das Projekt »Regen 406« hat, konnte man im Frühjahr sehen. Im Mai traf sich hier zum Feiern die Szene, die der Wunsch nach einem anderen Leben eint. Die überwiegend jungen Familien stehen für »gemeinschaftliches Wohnen statt Profitdenken«. Der Name »Regen 406« leitet sich ab von der Regensburger Straße 406 in Nürnberg, angesiedelt weit draußen zwischen August-Meier-Haus und dem Gelände des einstigen Olaf-Ritzmann-Kollektiv (in der Hausbesetzerszene damals »Ritzi« genannt). Fünf Familien und eine große WG werden ein Fachwerkgebäude (Baujahr 1939) des NS-Architekten Albert Speer bewohnen. Doch es ist schadstoffbelastet, innen muss das Baudenkmal saniert werden.
Mit Konfetti und Gästen
Den Startschuss dazu gab sich die Freundesgruppe Anfang Mai mit einem großen Fest mit Konfettikanonen und vielen Gästen. Ein durch und durch lebendiger Ort mit Live-Musik, Second-Hand-Markt und Spielen für die Kinder. Künftige Bewohner erklärten das Konzept und führten durch das Innere des Fachwerkhauses. So berichtete Benedikt Buchmüller, dass trotz des Leerstands seit 2009 »die äußere Hülle glücklicherweise relativ intakt« sei.
Christian Penninger, ein anderer Besucher des Festes, fand das Projekt »definitiv spannend, weil so bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird«. Penninger hat einen kleinen Direktkredit gegeben, denn ihm imponiert, dass das Haus von Immobilienmarkt und Spekulation abgekoppelt ist.
Genau das ist das »solidarische Finanzierungsmodell«. Beteiligt ist das Mietshäuser-Syndikat (ein Verbund von 210 Hausprojekten) und als Teil davon eine eigens gegründete GmbH. Viele kleine Kredite ermöglichen erschwingliche Mieten ohne hohe Einstiegshürden, sprich Eigenkapital. Daher das Motto: »Lieber viele Freunde im Rücken als eine Bank im Nacken«. Den Umbau veranschlagt die Gruppe auf gut zwei Millionen Euro, 840.000 Euro sind über Privatkredite schon zusammengekommen.
»Regen 406« kaufte das Gebäude von der Stadt Nürnberg für einen Euro und übernahm das Grundstück für 80 Jahre in Erbpacht. Ein Vertrauensbeweis, die Stadt kennt Gruppenmitglieder aus anderen gelungenen Projekten. Nachzulesen auf der Website regen406.de: »So bleiben Nutzung und Besitz dauerhaft dem Gemeinwohl verpflichtet, vor Wiederverkauf geschützt und unter demokratischer Kontrolle der Bewohner:innen.« Das denkmalgeschützte Gebäude soll ökologisch saniert werden – energetisch nach Effizienzhaus-Standard. So schaffe man ein Modellprojekt, das Umwelt- und Denkmalschutz vereint. Die Gruppe spricht von nicht weniger als einem »Reallabor für zukunftsfähiges Wohnen in der Stadt«. Das gibt es nicht zum Vorzugspreis: Eine Vier-Zimmer-Wohnung, alles inklusive, dürfte am Ende 1450 Euro Miete kosten, schätzen die Initiatoren.
Ohne Konflikte geht es nicht
Funktioniert denn die demokratische Eigenverwaltung ohne Streit? Benedikt Buchmüller betont diplomatisch den Vorteil einer heterogenen Gruppe mit kompetenten Menschen, von denen jeder seine Berufs- und Lebenserfahrung mit einbringe. Doch Konflikte gebe es natürlich – und Lösungen: »Wir haben Mediationen.«
Die Gemeinschaft stellt grundlegende Fragen, zeigt sich auch öffentlich, etwa bei Stadtteilfesten, oder hält Vorträge über die Wohnkultur der Zukunft. »Wie gehen wir sinnvoll mit kommunalem Eigentum um? Wie erhalten wir Ökosysteme rund um die Stadt? Und wie können Wohnraum und Baukultur nachhaltig und gemeinwohlorientiert weiterentwickelt werden?«
Für das frühere August-Meier-Heim nebenan (das NürnbergStift ist längst in einen Neubau umgezogen und hat sich umbenannt in August-Meier-Haus) ist ein neuer Bebauungsplan vorgesehen. Die Macher von »Regen 406« fragen sich: »Profit oder Gemeinwohl? Wir finden: Es ist Zeit für neue Wege.«
Das denkt auch Kirsten Gottschlig. Sie wünscht sich, sie stünde mit ihrem Mehrgenerationenprojekt in Forchheim (daswirleben.de) nicht erst am Anfang. Obwohl die Gruppe von 40 Leuten schon seit sechs Jahren sucht, gibt es noch kein konkretes Objekt. »Es mangelt bei uns auf dem Land an Mut, Power und Objekten«, sagt die 62-Jährige. Das Organisieren sei zeitaufwändig, alle Arbeit laste auf einer Mitstreiterin und ihr selbst. Sie hat Haus und Auto verkauft und wünscht sich nichts sehnlicher als gemeinschaftliches Wohnen. Doch bisher gebe es nur einen Stammtisch alle 14 Tage. »Das ist mir zu wenig.«
Suche nach Anschluss
Auf der Suche ist auch die Wahl-Nürnbergerin Wiebke Feuerhake. Sie ist gut herumgekommen in ihrem Leben. Und erinnert sich noch genau, wann sie zum ersten Mal spürte, dass sie anders leben möchte. Es war 2003 in Toulouse, ihre Tochter war klein und ihr Mann viel in der Arbeit. »Ich spürte intensiv die Sehnsucht nach einem größeren Miteinander. So hätte ich gerne den Einkauf und das Kochen mit anderen geteilt, die mir auch mal das Baby für eine Stunde abgenommen hätten. Und immer noch beschäftigt mich die tief philosophische Frage: Wie viel Verbindung brauchen wir?«
Mit heute 58 Jahren findet sie, es sei höchste Zeit für ein Zusammenleben mit anderen. Deshalb engagiert sie sich bei »Wahlverwandtschaften«. Allerdings ist eine passende Wohnung am Bielingplatz gerade an andere vergeben worden, und das weitere Projekt in der Stahlstraße im Nürnberger Stadtteil Herrnhütte noch nicht einmal gebaut. Apropos Verwandtschaft: Ihre Schwester in den USA lebt glücklich in einer Gemeinschaft, ebenso ihre Nichte im Schloss Tempelhof bei Crailsheim. Wer weiß, vielleicht liegt ihnen der Wunsch nach Wohnprojekten im Blut. Feuerhake: »Wir machen als Gesellschaft was falsch.« Die Vereinzelung in Ein-Personen-Haushalten führe zu Vereinsamung und Hilfsbedürftigkeit. Positiv ausgedrückt, könne eine Gruppe im besten Fall einiges von dem übernehmen, was sonst womöglich Pflegedienste besorgen müssten – zu hohen volkswirtschaftlichen Kosten.
Ein Wohnprojekt am Nürnberger Stadtrand hat sich gerade erledigt – mangels überzeugter Interessenten. Vor acht Jahren hatte sich die Gruppe gegründet, mit großer Begeisterung und bewundernswerter Ausdauer. Eine Initiatorin berichtet, wie viel Herzblut und noch mehr Zeit sie hineingesteckt hat in die Betreuung von Interessierten und das Beantworten von Fragen. Unterdessen sind Gruppenmitglieder der ersten Stunde verstorben, bei einem Paar ging eine Ehe in die Brüche. Tatsächlich, innerhalb von acht Jahren kann viel passieren.
Die fünf verbliebenen Parteien ziehen jetzt immerhin gemeinsam in dasselbe Haus. »Wir leben das, was wir leben können, und das ist eine Hausgemeinschaft«, sagt die Gründerin, das sei betrüblich, aber wahr. Weder ihr Name noch der des Projekts sollen genannt werden. Was bleibe, sei die gegenseitige Unterstützung im Alltag. Sie stellt fest: Viele Leute seien erst Feuer und Flamme gewesen, dann hörte sie nichts mehr von ihnen. »Ich glaube, sie haben sich für gar nichts entschieden.« Dabei bleiben ja die Gründe bestehen: Die Angst vor Vereinsamung und der Wunsch sich zu verkleinern. Doch für eine kleinere Wohnung müssen sie heute als Neumieter mehr bezahlen. Das ist ein Hindernis. Und Altenheime? Auch die muss man sich leisten können – und wollen.
Text und Fotos: Angela Giese









