
Es ist der Traum eines jeden Mädchens oder Jungen, Kind eines Spielzeug-Herstellers zu sein und die Produkte unbegrenzt ausprobieren zu dürfen. Für Dieter Beckh ging der Traum in Erfüllung: Sein Vater Ottmar Beckh stellte in Nürnberg Blecheisenbahnen her – bis zur Schließung des Unternehmens im Jahr 1969.
Die Begeisterung flaute allerdings im Teenager-Alter ab: Er interessierte sich für andere Dinge. Und während seiner Berufstätigkeit als Wirtschaftsingenieur hatte er keine Zeit, um sich mit den nostalgischen Miniaturzügen zu beschäftigen. Doch seit seinem Renteneintritt ist Dieter Beckh wieder ganz auf das Gleis seiner Kindheit eingeschwenkt, die Begeisterung ist zurück: Er sammelt mit viel Ausdauer Mini-Eisenbahnen der Firma Ottmar Beckh. Sein Ehrgeiz ist es, das Lebenswerk seines Vaters in Erinnerung zu halten. Noch heute denkt der 85-Jährige an eine besondere Uhrwerkbahn – im Gegensatz zu den elektrisch betriebenen Zügen muss man deren Antrieb mit einem Schlüssel aufziehen: »Das war eine kleine, knuffige Lok aus den 1950ern, die konnte bis zu fünf Waggons ziehen«, schwärmt er und holt ein Exemplar aus dem Regal.
Lücken in der Sammlung beseitigt
Das ist aber nicht seine originale Lokomotive, mit der er als Bub gespielt hatte. Er hat sie im Internet nachgekauft. Nach seiner Berufstätigkeit hatte er die Idee, die Produktionspalette seines Vaters Ottmar Beckh sowie der Vorgängerfirma Adolf Schuhmann wieder zusammenzutragen. Er besaß zwar Lagerbestände aus der Firmenauflösung – Blechspielzeug konnte sich in den 1960ern nicht mehr gegen die starke Kunststoff-Konkurrenz aus Asien behaupten. Doch es gab viele Lücken in seiner Sammlung. Und so hat Beckh in den vergangenen 15 Jahren über Ebay und Auktionen viele Miniaturbahn-Schätze erworben. Platz genug hat der Nürnberger: Er wohnt auf dem ehemaligen Firmengelände im Osten der Stadt. Viele Plastik-Boxen mit den Sammelobjekten sind im ehemaligen Versandgebäude aufeinander gestapelt und fein säuberlich beschriftet.
Dabei hat er entdeckt, dass auch die lokale Blechspielzeug-Konkurrenz seines Vaters interessante Modelle auf den Markt gebracht hatte. Das Sammlungsgebiet erweiterte sich wie von selbst auf die Hersteller aus Nürnberg, Fürth und Zirndorf – und so parken nun neben den Lokomotiven der Firmen Beckh und Schuhmann auch Schienenfahrzeuge von Bub, Distler, Dressler und Wimmer in seinen Vitrinen.
Fast jeden Tag kam die Post

»Fast jeden Tag brachte die Post einen Karton. Ich habe versucht, meinen Mann zu bremsen, doch es hat nicht geklappt«, seufzt seine Ehefrau Jamila (siehe Titelfoto des Beitrags), »ich will aber nicht klagen. Schließlich ist er ein guter, zuverlässiger Ehepartner – und er hat mich letztendlich mit seinem Hobby angesteckt.« Sie begleitet den früheren Softwareingenieur, wenn er seine Uhrwerkbahnen in der Öffentlichkeit vorführt.Bis zu viermal pro Jahr zeigt der passionierte Sammler seine Schätze und bleibt sehr gelassen, wenn Interessierte die nostalgischen Blechprodukte ganz aus der Nähe sehen wollen: »›Anfassen verboten‹, das gibt es bei mir nicht. Die Kinder sollen damit spielen, und meiner Erfahrung nach gehen sie überwiegend sehr vorsichtig mit den Bahnen um«, erzählt der Rentner, »so können sie beispielsweise mit einem Metallkran Schokoladen-Käfer von den Güterwaggons abladen. Die Süßigkeiten dürfen sie behalten.« Seine Objekte sind die rollenden Stars und sorgen immer wieder für ein reges Publikumsinteresse.
Liebevolle Details

Dieter Beckh ist von den Details seiner Sammlerstücke fasziniert: So gießt beispielsweise eine Frau im Bahnwärterhäuschen Blumen am Fensterbrett, daneben ist ein kleiner Hühnerstall zu entdecken. In einem Auto der Nachkriegszeit der Nürnberger Firma Huki tragen die Insassen Hüte und zeitgenössische Mode, außerdem sitzt am Rücksitz ein kleines Hündchen. Solche Darstellungen erzählen einiges über die Lebenswelt der Vergangenheit. Der Sammler ist überzeugt, dass die historischen Blechspielwaren einen Bildungsauftrag beinhalten. Daher präsentiert er seine Uhrwerkbahnen nicht nur in Pfarrheimen, Museen und Veranstaltungshallen oder in der Scheune Zirkelschmiedsgasse der Altstadtfreunde Nürnberg. Er hält auch Vorträge und schreibt kenntnisreich für die Fachzeitschrift »Altes Spielzeug«.
Ihm geht es aber nicht nur darum, die Beckh’sche Modellpalette lückenlos zu präsentieren. Er recherchierte auch die Firmengeschichte im Staatsarchiv sowie in den Nürnberger und Fürther Stadtarchiven und stieß auf das düstere Kapitel der Arisierung im Nationalsozialismus. Sein Vater Ottmar Beckh kaufte 1938 den Geschäftsbetrieb, nicht jedoch das Grundstück und die Immobilie des jüdischen Unternehmers Adolf Schuhmann. »Mein Vater hat einen einigermaßen fairen Preis bezahlt, er war kein Arisierungsgewinnler«, meint Beckh, »im Vertrag war ein höherer Preis angesetzt, der jedoch von der NS-Gauwirtschaftskammer reduziert wurde.« Der Kaufpreis habe 62.500 Reichsmark betragen – eine Summe, von der man nach seiner Einschätzung achteinhalb Jahre bescheiden leben konnte.
Jüdische Vorbesitzer stellten Anträge
Tatsache ist jedoch, dass die in die USA ausgewanderte jüdische Vorbesitzerfamilie nach Kriegsende Restitutionsanträge gestellt hat. Innerhalb weniger Monate wurde ein Vergleich geschlossen: Ottmar Beckh führte das Unternehmen weiter, dafür musste er rund 40.000 Mark nachzahlen. Bei seinen Recherchen stieß Dieter Beckh auf Dokumente, die belegen, dass allen Kindern Adolf Schuhmanns die Flucht in die USA gelungen ist. »Da war ich sehr erleichtert, denn mich hat natürlich interessiert, was aus den Menschen geworden ist.«
Auch die jüdische Familie Gottlieb, die mit Schuhmann verwandt und am Unternehmen beteiligt war, hatte den Nationalsozialisten noch 1941 entkommen können – durch das besetzte Frankreich kam sie nach Spanien und von dort mit einem Schiff in die Vereinigten Staaten. In Archivdokumenten wurden für Beckh die bedrückenden Schicksale von jüdischen Familien aus Nürnberg in der NS-Zeit sichtbar.
Vater Ottmar Beckh führte das Nürnberger Blechspielzeug-Unternehmen bis 1969 weiter – allerdings mit ständig wachsenden Problemen. Das Aufkommen von japanischem Kunststoff-Spielzeug sorgte für eine immer stärkere Konkurrenz. Schließlich wurde die komplette Produktion der Uhrwerkbahnen auf dem Firmengrundstück in Mögeldorf, das Beckh senior von seiner Mutter geerbt hatte, eingestellt.
Ein Kindertraum wird wahr
Dort wohnt heute Dieter Beckh und vervollständigt seine Miniatursammlung – in unmittelbarer Nachbarschaft zur echten Bahn, die in regelmäßigen Abständen direkt an seinem Wohnzimmerfenster vorbeifährt. »Die Züge sind aber so leise, dass wir sie kaum hören«, merkt der Rentner an und wendet sich einem weiteren besonderen Spielzeug zu, das eigentlich gar nicht zu den Eisenbahnen passt. Einen großen Blechdampfer der Nürnberger Firma Fleischmann will der 85-Jährige seinem Besucher noch vorführen: »So ein Schiff hatte ich als Kind auf dem Weiher am Marienbergpark fahren lassen. Das ging irgendwann kaputt und wurde entsorgt. Doch jetzt musste ich es unbedingt wiederhaben.«
Die Chancen dafür standen nicht schlecht: »Die alten Sammler sterben weg, da kommt immer wieder Interessantes auf den Markt«, meint der gebürtige Nürnberger. Im Internet hat er nach einigem Suchen ein bezahlbares Exemplar gefunden, das nun bei ihm vor Anker gegangen ist. Der Dampfer ist für den 85-Jährigen mehr als ein technisch ausgefeiltes Spielzeug: Es ist eine lebendige Erinnerung an seine lange vergangene Kindheit. Was soll aus der liebevoll aufgebauten Sammlung einmal werden? Dieter Beckhs Kinder haben nicht den Platz, um die wertvollen Schaustücke in ihren Wohnräumen unterzubringen. »Und das Nürnberger Spielzeugmuseum hat kein Interesse, obwohl es sich um Produkte aus Nürnberg, Fürth und Zirndorf handelt. Da habe ich schon nachgefragt«, bedauert er, »na ja, ich überlasse die Entscheidung meinen Erben.«
Text: Hartmut Voigt
Fotos: Michael Matejka




