Der alte Mann in seinem Rollstuhl am Gang war Pfarrerin Sonja Dietel schon häufiger aufgefallen, wenn sie zur Gottesdienstfeier in das Nürnberger Altenheim kam. Er war noch nie in die Kapelle hineingekommen, sondern immer draußen sitzen geblieben. Einmal sprach die Seelsorgerin den Heimbewohner an und es entwickelte sich eine intensive Unterhaltung. Der Mann hatte den Krieg erlebt und schlimme Dinge gesehen, er formulierte als Konsequenz daraus einen flammenden Appell für den Frieden. »Das ist eine wunderbare, druckreife Botschaft an die Zukunft«, meinte die Beauftragte für Altenheimseelsorge im evangelisch-lutherischen Dekanat Nürnberg beeindruckt.
»Leider wird sie außer Ihnen niemand hören«, entgegnete der Senior. Doch warum eigentlich nicht? Mit diesem Gedanken war der erste Anstoß für ein Projekt gegeben, an dem Sonja Dietel anschließend mehrere Jahre gearbeitet hat. Sie unterhielt sich mit Frauen und Männern aus 15 Senioreneinrichtungen über ihre Lebenserfahrungen. Welche ganz persönlichen Botschaften möchten diese Menschen, die auf viele Jahrzehnte zurückblicken, kommenden Generationen mitgeben? Was ist ihnen wichtig nach zahllosen positiven und negativen Erfahrungen, zu welchen Erkenntnissen sind sie in ihrem eigenen Leben gekommen?
In der Schau formulieren Senioren Erkenntnisse aus ihrem Leben
In einer Wanderausstellung sind die Statements von 17 Beteiligten zwischen 53 und 89 Jahren zusammengefasst. »Sie klingen kraftvoll, prophetisch, oft auch dankbar und warnend – und sie stimmen nachdenklich. Die Botschaften wollen Mut machen«, meint die Geistliche. Wolfgang Noack hat die Altenheimbewohner mit Gespür und Feingefühl fotografiert, sodass jeder Text mit einem Porträt verknüpft ist. Der Fotograf ließ sich Zeit und zeigte Einfühlungsvermögen, um die zentrale Aussage des jeweiligen Gegenübers optisch umzusetzen. Dabei unterstreicht beispielsweise ein Gegenstand wie ein roter Luftballon, eine Bibel, ein Globus oder eine Geste das Gesagte.

So formt Wilhelm B. mit seinen Händen ein Herz, seine zentrale Aussage ist: Danken macht glücklich. »Vieles ist ja so selbstverständlich: dass wir fließendes Wasser haben, dass wir Heizung haben, Strom, ein Dach über dem Kopf, dass wir ein Gesundheitswesen haben. Ohne all das wäre ich schon längst tot«, sagt der 65-Jährige, »ich danke auch für Kleinigkeiten, die ich geschafft habe. Ich bin krank. Ich hätte viele Gründe, unglücklich zu sein. Aber mir geht es gut. Ich bin zufrieden. Ich glaube, durch den Dank gewinnt das Gute und Schöne, das wir erleben, ein Bleiberecht in unserer Seele.«
Hildegard D. kennt eine wichtige Eigenschaft, um gut durch das Leben zu kommen. »Ich glaube, Humor ist eine Gabe Gottes«, sagt die 89-Jährige. Sie stellt sich den Humor wie eine Pflanze mit ausladenden grünen Blättern und einer weißen Blüte vor – so schön und duftend wie eine Lilie. »Auch andere können diesen wunderbaren Duft riechen, wenn ich lache und diese schöne Blüte in mir drinnen aufgeht. Dann fühle ich mich gut, frei und lebendig. Und wenn ich mal sauertöpfisch bin, mich über etwas sehr aufrege und schimpfe, dann versuche ich, an diese kostbare Pflanze in mir zu denken. So fällt es mir oft leichter, mit dem Schimpfen wieder aufzuhören.«
Glück findet Margit B. in der Natur

Für Margit B. war die Natur immer ein Kraftort: Spaziergänge im Wald, die herrliche Stille, nur das Rauschen der Bäume und der Ruf des Kuckucks, das Laufen über eine Blumenwiese – das hat ihr Lebensfreude gegeben. »Wir gehören alle zur Natur. Ganz klar«, ist die 88-Jährige überzeugt, »wir sind jetzt an einem Scheitelpunkt. Wir sehen ja, was wir mit der Umweltverschmutzung angerichtet haben; was wir alles kaputt gemacht haben.« Aus ihrem Zimmer im Seniorenheim heraus möchte Margit B. diesen Gedanken weitergeben: »Wir bescheren uns doch selber unseren eigenen Untergang! Und aus welchen Gründen? Reichtum, Geld, Macht … Immer nur: Ich, ich, ich. Das ist doch furchtbar. Es ist so viel auf Geschäft und Profit ausgerichtet.« Ein lateinischer Spruch ist ihre Lebensmaxime: »›Qudiquid agis, respice finem.‹ Zu deutsch: Bei allem, was du tust, bedenke das Ende. Alles hat irgendwelche Folgen. Wir brauchen die Natur. Ohne die Natur sind wir nichts. Wir müssen weiterdenken und mit gutem Beispiel vorangehen.«
Eine weitere Seniorin hält ein Plädoyer gegen die Vereinsamung. Sie hat von einem Berliner Projekt gehört, in dem jeder Teilnehmer ein Zimmer bewohnt, aber darüber hinaus noch Räume für Sport und Begegnung vorhanden sind. Die 75-jährige Isolde K. findet die Idee gut, mehr auf die Mitmenschen zu achten. Gemeinsam statt einsam, ist ihr Motto. Ob das konkrete Projekt funktioniert, weiß sie nicht, aber den Ansatz findet sie spannend und gut: »Solche Projekte sind für mich ein Silberstreif am Horizont.«

Das Ausstellungs-Foto von Margarete F., die eine weiße Taube aus ihren Händen entlässt, ist politisch. Die 89-Jährige hat eine zentrale Botschaft: »Ich wünsche den nachfolgenden Generationen Frieden. Frieden, damit die Seele heil bleibt.« Wie kostbar dieses Gut ist, hat sie als Kind erlebt – eben weil es fehlte und Chaos, Gewalt und Zerstörung herrschten. Eine Erfahrung, die viele Menschen in Deutschland heute zum Glück bisher nicht machen mussten. Sie nehmen den Frieden als etwas allzu Selbstverständliches, Alltägliches wahr.
Die Familie gibt Halt

Was gibt Kraft und Lebensmut bei einem schweren Schicksalsschlag? Für Brigitte F. ist es die Familie: »Sie ist für mich ein Ort der Geborgenheit, wie ein Hafen«, erzählt die 64-Jährige, die wegen einer Krankheit im Rollstuhl sitzt. »In meiner Familie kann ich so sein, wie ich bin. Da kann ich auch mal jammern und schreien und traurig sein. Es ist viel wert, wenn man über alles reden kann.« Brigitte F. betrachtet die Zeit füreinander in der Familie als eines der wichtigsten Geschenke.
Die Gedanken der 17 Heimbewohnerinnen und Heimbewohner sind sehr individuell, klar und pointiert formuliert. Auf Tafeln stehen die kurzen Texte neben den Fotografien. Der Betrachter ist aufgefordert, darüber und auch über eine eigene Botschaft nachzudenken. Was ist für mich wichtig, was möchte ich gerne weitergeben als Essenz meiner Erfahrungen? Jeder Interessierte soll sich seinen Eindruck von den Impulsen der Hoffnung machen. Pfarrerin Sonja Dietel betont: »Es sind Erfahrungsschätze, die über Jahrzehnte gereift sind und sich dabei auch verändert haben. Die älteren Menschen denken in größeren Zusammenhängen und Zeiträumen. Gerade das halte ich für sehr wichtig in unserer sehr kurzatmigen, schnelllebigen Zeit.«
Nachdem die evangelische Geistliche so viele Gespräche mit den Beteiligten geführt und die Schau konzipiert hat, drängt sich die Frage auf: Was ist eigentlich ihre eigene »Botschaft an die Zukunft«, wie der Titel der Wanderausstellung lautet? »Ich habe nicht die eine, es sind mehrere«, merkt sie an, »aber ein zentraler Eindruck ist, dass die ›Lagerfeuer-Momente‹ selten geworden sind. Also jene Momente, in denen man einfach zusammensitzt, sich mitteilt, erzählt von früher und heute und so ganz nebenbei die Lebensgeschichte eines anderen erfährt. Darum möchte ich Räume schaffen, wo das möglich ist.«
Text: Hartmut Voigt
Fotos: Wolfgang Noack
Weitere Informationen gibt es auf der Homepage botschaften-zukunft.de




