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Das Klimpern ist Geschichte

Bares wird Rares. Diese Zeiterscheinung ist eine ganz klare. Das Klimpern von Münzen oder das Rascheln von Geldscheinen wird seltener. Digitale Knete ist die Zukunft. Und sie kommt mit Macht.

Als Mensch, dem der gut gefüllte Geldbeutel in der Gesäßtasche noch immer Sicherheit im Leben gibt, hatte ich vor etwa drei Jahren ein veritables Erweckungserlebnis. An einer Supermarkt-Kasse wurde ein junger Mann um 1,56 Euro gebeten. Er sagte: »Mit Karte!« Ich war baff und dachte, dass das reichlich übertrieben sei. Wo kämen wir denn hin, wenn jede Winzigkeit von Einkauf mittels Karte bezahlt würde?

Aber die Zeiten ändern sich, die Zeiten ändern mich. Inzwischen habe ich folgende Gewohnheit: Beim Bäcker zahle ich Brot und Bamberger Hörnchen mit Karte und verzichte auf den Bon. Beim Metzger, zwei Häuser weiter, zahle ich grundsätzlich bar und lasse mir den Bon geben. 

Warum das so ist, kann ich nicht erklären. Kundige Psychologinnen und Psychologen mögen sich per Leserbrief melden. Vielleicht geschieht das ja, weil beim Bäcker das Karten-Lesegerät gut sichtbar auf der Theke steht, also quasi »Nimm mich!« flüstert. Oder ich schaue die Instagram-Posts von Markus Söder einfach zu intensiv und höre ihn deshalb bei meinem Einkauf in mein inneres Ohr raunen: »Bayern ist Wurst- und Bargeld-Land. Wer mit Karte zahlt, fährt auch Lastenfahrrad und bestellt Rostbratwürstinnen. Kartenzahlung ist voll Habeck.« 

Doch jetzt mal ehrlich: Bargeldloses Leben kann furchtbar sein. Und das nicht bloß für Bankräuber. Du kannst bald keinen vernünftigen Gebrauchtwagen mehr kaufen, wenn es, wie heute schon in Italien, eine Bargeld-Obergrenze von 5000 Euro gibt. Du wirst Hunger leiden, wenn der Russe das Zahlungssystem lahmlegt. In menschenleeren Gegenden, sagen wir im Landkreis Ansbach, werden neue Läden in der Nähe der Ortsschilder gebaut, weil das bis auf Weiteres die besten Antennen fürs Internet sind. Ohne eigenen Kartenleser ist deine Trempelmarkt-Karriere beendet.

Und da ist das Thema Anonymität. Eigentlich ist es mir egal, dass über mein digitales Bewegungsprofil nachgewiesen werden kann, wie viele Tüten Gummibären und Kartoffelchips ich im Laufe eines Monats kaufe. 

Aber anders sehe ich das mit Blick auf meine geliebte Schafkopfrunde. Es ist einfach so: Beim Kartenspiel liegt bei Männern der Bedarf an Flüssigkeit (auch alkoholfrei, ich schwör‘) auf dem Niveau eines 300-PS-SUV‘s. Die Zeche ist also hoch. Und würde diese auf dem Kontoauszug erscheinen, hätten Ehefrauen, je nach Stimmung, zwei Fragen: »Mit wem warst du essen?« Oder »Wie heißt die Schlampe?«

Doch dann kommt mir Loredana in den Sinn. Jene wunderbare Verkäuferin, die im Tante-Emma-Laden meines liebsten kroatischen Urlaubsortes als einzige Mitarbeiterin ohne jedes Anzeichen von Stress Käse und Schinken schneidet, Brot eintütet, telefonische Bestellungen entgegennimmt, kassiert und mit den Leuten den neuesten Dorftratsch teilt. Als mir der 50-er-Schein angesichts 3,50 Euro Warenwert peinlich war, fragte ich, ob ich besser mit Karte zahlen sollte.

»Nema problema«, also kein Problem, kam die Antwort. Und weiter: »Ich find‘s gut. Es macht mir weniger Arbeit.« Man kann die Zukunft mögen.

Text: Klaus Schrage
Cartoon: Sebastian Haug

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