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In Kunreuth kümmert man sich umeinander

Heidi Mösland-Kraus (stehend ), Alltagsbegleiterin bei der Hilfe im Büro Martha Braun in Gräfenberg.

Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, klapprig war und mir Gedanken machte, was passiert, wenn ich nicht mehr auf die Beine komme«, sagt Martha Braun. Ihr erster Gedanke war: »Ich muss ins Heim, das sah ich tatsächlich schon auf mich zukommen, und das wäre die Katastrophe gewesen.« Dieses Schicksal blieb der 83-jährigen Gräfenbergerin, die ihr Leben bisher immer selbst gemeistert hatte, erspart – dank ihrer Schwägerin und den Alltagsbegleitern von Kunreuth. »Heute«, sagt sie, »geht es mir besser als vorher.«

Ihre Schwägerin hatte aus dem Gemeindeblatt von dieser Netzwerkgemeinschaft der Alltagsbegleiter erfahren, die von der Gemeinde und dem Verein »Kunreuth – hier lässt sich’s leben« vor über drei Jahren gegründet worden war. Durch ehrenamtliches Engagement will man möglichst vielen vor allem älteren Menschen helfen, den dritten Lebensabschnitt weitgehend selbstständig im vertrauten Umfeld zu verbringen. Also setzte sich die Schwägerin mit den Alltagsbegleitern in Verbindung. Für Martha Braun »war das eine große Erleichterung, da ging es mir gleich schon besser«, sagt sie. Die nahe Verwandte, die auch noch gleich nebenan wohnt, hatte ihr zuvor schon viel geholfen. Ein bisschen bewegen konnte sie sich selbst auch – »verhungert wäre ich nicht, aber schon das Frühstück zuzubereiten machte mich fertig«. Da ist die Lebensqualität jetzt schon ungleich höher. 

Die Alltagsbegleiter springen ein, wo Not am Mann ist

Es ist ein weites Spektrum, das die Alltagshelferinnen und -helfer abdecken. Sie helfen – wie im Fall von Martha Braun – bei der Zubereitung von kleinen Mahlzeiten und beim Einkauf. Daneben gibt es einen Fahrdienst, die Ehrenamtlichen versorgen Haustiere und Blumen, begleiten zu Ärzten oder Gottesdiensten oder beraten in Pflegeangelegenheiten. Auch jüngere Menschen können die Dienste in Anspruch nehmen, etwa wenn Eltern oder Kinder krank sind. Pflegeleistungen oder hauswirtschaftliche Vollversorgung fallen aber nicht darunter. Dafür, betont Carmen Sörgel, gibt es professionelle Dienste, die man je nach Pflegegrad in Anspruch nehmen kann.

Natürlich müsse man sich daran gewöhnen, dass nun eine ehrenamtliche Helferin regelmäßig in die Wohnung kommt, und dass die halt im Haushalt vieles anders macht als man selbst, räumt Martha Braun ein. »Es ist ein großer Lernprozess«, sagt die 83-Jährige. »Aber wenn es einem so schlecht ging wir mir, lernt man jede Hilfe besonders schätzen.« 

Von Anfang an gut verstanden

Carmen Sörgel entscheidet, wer von den Helferinnen und Helfern wo eingesetzt wird. Beim ersten Besuch ist sie immer mit dabei, um zu sehen, ob es klappt. Bei Martha Braun war das der Fall. Mit Alltagsbegleiterin Heidi Mösland-Kraus, die nun jeden Dienstag kommt, verstand sie sich von Anfang an sehr gut. »Frau Braun macht klare Ansagen, etwa was den Speiseplan betrifft und die Zubereitung, dann reden wir darüber und sind immer offen zueinander«, sagt die 51-Jährige. »Ganz wichtig ist, dass wir die Küche immer ordentlich verlassen.« Die beiden erledigen Hausarbeit zusammen, reden übers Geschehen im Ort und in der Welt. Besonders schätzt die Seniorin, dass auch Fahrdienste inbegriffen sind. »Wenn Heidi mich wohin fährt, begleitet sie mich hinein und wartet, bis wir wieder heimfahren.« Alle derzeit 31 Kundinnen und Kunden des Netzwerks können den Fahrdienst kostenlos in Anspruch nehmen, auch wenn sie keine andere Unterstützung benötigen. 

Zum Kreis der Alltagsbegleiter ist Heidi Möslang-Kraus ebenfalls über das Wochenblatt der Gemeinde gestoßen. Sie hat selbst einmal erlebt, wie es ist, wenn man krank und auf Hilfe angewiesen ist – »da wollte ich nun einfach etwas zurückgeben«. Deshalb ließ sie sich durch die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft in insgesamt 40 Stunden zur Alltagsbegleiterin ausbilden, und bekam nach Abschluss ein Zertifikat.

Um über das Bayerische Landesamt für Pflege zugelassen zu werden und mit den Pflegekassen abrechnen zu können, reicht es allerdings nicht aus, Alltagsbegleiterinnen und -begleiter fachlich ausbilden zu lassen. Es muss auch eine ausgebildete Altenpflegerin beschäftigt werden. »Das konnten wir uns nicht leisten«, sagt Horst Franke, der Vorsitzende des Vereins »Kunreuth – hier lässt sich’s leben«. Das Vorhaben drohte zu scheitern. 

Neue ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht

Doch dann erklärte sich Irmgard Ginzel, die Mutter von Carmen Sörgel, bereit, ehrenamtlich mitzumachen. Sie hatte 30 Jahre lang die Diakoniestation Gräfenberg geleitet und war nun im Ruhestand. Dank ihrer Hilfe war auch diese Hürde genommen, die Alltagsbegleiter konnten vor knapp drei Jahren loslegen. Das kam sehr gut an, und nun sucht das Netzwerk händeringend neue ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch, weil immer mehr ältere Menschen diese Art der Hilfe brauchen.

Die Ehrenamtlichen bekommen eine kleine Aufwandsentschädigung von zehn Euro pro Stunde, dazu noch Fahrkostenerstattung. Sie sind keine Konkurrenz zu professionellen Anbietern, von denen es nach Sörgels Worten im ländlichen Raum wie um Gräfenberg und Kunreuth ohnehin zu wenig gibt, sondern eine Ergänzung mit dem Ziel, auch im Alter in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Auch Martha Braun nimmt noch andere zum Teil kostenpflichtige Dienste in Anspruch, etwa Physiotherapie oder Lymphdrainage oder für den hauswirtschaftlichen Bereich die Diakonie. Für Martha Braun ist der Alltag jetzt bestens geregelt. Immer ist jemand in der Nähe, »und das ist Gold wert«.

Text: Herbert Fuehr
Fotos: Mile Cindric

Information

Weil die Zahl der Menschen, die diese Art der Begleitung brauchen, wächst, werden immer ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht. Informationen über den Verein und sein Netzwerk gibt es beim Vorsitzenden Horst Franke Tel.: 0178/5212650, E-Mail info@kunreuth-aktiv.de oder im Internet: www.kunreuth-aktiv.de

Martha Braun (rechts) hat in Heidi Mösland-Kraus eine ideale Helferin gefunden.

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