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Arbeitsmarkt bietet Älteren gute Chancen

Peter Pflug, Teamleiter bei der Agentur für Arbeit in Nürnberg, glaubt, dass Ältere auf dem Arbeitsmarkt durch den Fachkräftemangel momentan bessere Chancen haben als früher. Foto: Michael Matejka

Die einen müssen, weil sie noch im erwerbsfähigen Alter sind oder mit den Ruhestandsbezügen nicht über die Runden kommen; die anderen wollen, weil sie sich noch gebraucht fühlen möchten: Menschen reiferer Jahrgänge suchen aus vielerlei Gründen Arbeit. Eigentlich sollte ihre Arbeitskraft auch gesucht sein. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger nennt die Rente ab 63 einen »Braindrain«, weil den Unternehmen dadurch viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte vorzeitig verloren gingen. Und Arbeitsminister Hubertus Heil wirbt vor dem Hintergrund des nahenden Renteneintritts der »Babyboomer« und angesichts des bereits eingetretenen Fachkräftemangels ebenfalls für die Beschäftigung älterer Menschen. Wie sieht es denn eigentlich auf dem Arbeitsmarkt aus für reifere Jahrgänge? Peter Pflug, Teamleiter bei der Agentur für Arbeit Nürnberg, hat Antworten.

sechs+sechzig: Herr Pflug, wie bewerten Sie den aktuellen Arbeitsmarkt in der Region für ältere Menschen? 

Der regionale Arbeitsmarkt zeigte sich in den letzten Jahren trotz aller Krisen und Unsicherheiten sehr robust. Das liegt vor allem daran, dass wir hier in der Region von der Struktur her sehr breit aufgestellt sind. Der Arbeitsmarkt bietet daher aktuell sehr gute Chancen. Die Nachfrage nach Personal ist ungebrochen. Insbesondere gut qualifizierte Fachkräfte werden in nahezu allen Branchen händeringend gesucht. Immer mehr Unternehmen sind bereit, Quereinsteiger einzuarbeiten. Davon können auch ältere Menschen profitieren. Ehrlicherweise muss man zugeben, dass in gewissen Bereichen immer noch klassische Vorurteile vorhanden sind. Aber hier ist es auch die Aufgabe der Agentur für Arbeit, mit guter Beratung und dem effizienten Einsatz von Fördermitteln die Bereitschaft für neue Wege zu wecken. Am Ende des Tages kommt es nicht darauf an, wie alt man ist, sondern welchen Mehrwert man für einen Arbeitgeber mitbringt.

Können auch Personen im vorzeitigen oder regulären Ruhestand auf Vermittlungen der Agentur für Arbeit zugreifen? 

Prinzipiell stehen die Dienstleistungen der Agentur für Arbeit allen Menschen offen. Da Bezieherinnen und Bezieher von Altersrente nicht arbeitslos werden beziehungsweise sind, kommen Förderleistungen, die auf eine Integration in den Arbeitsmarkt abzielen, in der Regel nicht in Betracht. Unabhängig davon besteht aber die Möglichkeit, sich bei der Agentur für Arbeit beraten zu lassen. Zudem können alle Personengruppen die Online-Services der Bundesagentur für Arbeit nutzen. Dazu gehört zum Beispiel auch das Online-Job-Portal für die Suche nach geeigneten Stellenangeboten. Eine Altersgrenze gibt es dafür nicht. 

Gibt es von der Arbeitsagentur Nürnberg aus dem Jahr 2022 Zahlen der Arbeitssuchenden und Vermittelten im Alter von über 50 Jahren? 

2022 hatten wir im Jahresdurchschnitt 19.374 arbeitslose Personen. Hiervon waren 6.654 Personen über 50 Jahre und älter. Aus diesem Personenkreis gab es im gleichen Zeitraum 4.055 Arbeitsaufnahmen. Darunter waren auch Personen, die mehr als eine Stelle aufgenommen haben. 

Wie sieht es mit Fortbildungsangeboten aus – stehen sie auch Über-60-Jährigen und Rentnerinnen und Rentnern offen?

Geförderte Fortbildungsangebote stehen unabhängig von der Altersgruppe zur Verfügung. Selbstverständlich müssen gewisse rechtliche Voraussetzungen geprüft werden. Immerhin werden hierfür Beitragsgelder verwendet, weshalb bei einer Förderung die Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit nicht außer Betracht gelassen werden dürfen. Wir versuchen immer – gemeinsam mit den Ratsuchenden – das bestmögliche Gesamtpaket zu finden und entsprechend umzusetzen.  

Anders sieht das leider bei den Rentnerinnen und Rentnern aus. Eine Förderung von Fortbildungen zielt auf die Beendigung oder Verkürzung der Arbeitslosigkeit ab, daher können Personen, die eine Rente beziehen, nicht gefördert werden. Oftmals wird dennoch nach anderen Lösungen oder Hinweisen gesucht, womit den meisten Ratsuchenden weitergeholfen werden kann. 

Gibt es Branchen und Berufe, in denen Ältere höhere Chancen auf eine Anstellung haben? 

Wie bereits erläutert, besteht aktuell eine sehr große Fachkräftenachfrage, die mittlerweile sehr viele Branchen betrifft. Wir alle kennen die Berichte über den Mangel in der Gesundheitsbranche, dem Hotel- und Gaststättenbereich, der Industrie oder dem Handwerk. Teilweise ist die Situation so prekär, dass man von einem Arbeitskräftemangel sprechen kann, weil es entweder keine oder nur sehr wenige Bewerberinnen und Bewerber pro freie Stelle gibt. Somit kann man eigentlich jeden ermutigen: Wenn die Kenntnisse und Fähigkeiten zur Stelle oder zum Arbeitgeber passen, lohnt sich eine Kontaktaufnahme eigentlich immer. 

Wie ist die Situation für ältere Menschen mit körperlichen Einschränkungen – bleibt da nur der Dienst an der Pforte? 

Körperliche Einschränkungen können Auswirkungen auf das Berufsleben haben. Jedoch muss es nicht gleich bedeuten, dass nur eine Beschäftigung an der Pforte oder am Empfang möglich ist. Je nach Ausprägung der gesundheitlichen Einschränkungen, der Berufserfahrung, dem Fachwissen und anderen wertvollen Kompetenzen, gibt es auch viele andere Beschäftigungsmöglichkeiten. Auch hier gibt es in der Agentur für Arbeit einen Bereich, der auf die Beratung von Menschen mit körperlichen Einschränkungen spezialisiert ist. Die Deutsche Rentenversicherung spielt hier zusätzlich eine große Rolle. Die Erfahrung zeigt: Wenn alle Akteure gut zusammenarbeiten und etwaige Unterstützungsmöglichkeiten gut genutzt werden, kann man sehr häufig gute Lösungen erarbeiten.

Immer wieder hört und liest man von Stellenbewerberinnen und -bewerbern jenseits des 50. Lebensjahrs, dass sie fast nie zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden – von einer Einstellung ganz zu schweigen. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Dieses Schubladendenken kann natürlich nach wie vor an manchen Stellen vorhanden sein. Deshalb ist auch eine von vielen Aufgaben der Agentur für Arbeit, dieses Denken zu durchbrechen. Offensichtlich gibt es auch keine sachlichen Argumente, warum freie Stellen nur aufgrund des fortgeschrittenen Alters unbesetzt bleiben sollten. Wir sind hier sehr stark in der Arbeitgeberberatung vertreten, um für dieses Thema zu sensibilisieren und Vorurteile zu entkräften. Zudem kann auch ein Arbeitgeber für längere Einarbeitungszeiten eines künftigen Arbeitnehmers – unabhängig vom Alter – durch einen Eingliederungszuschuss gefördert werden. Glücklicherweise merken wir auch, dass hier ein Sinneswandel eintritt. 

Mit welchen Argumenten können sich zögerliche Arbeitgeber für die Beschäftigung von reiferen Jahrgängen überzeugen lassen? Spricht zum Beispiel etwas für altersmäßig gemischte Teams? 

Eigentlich liegen die Vorteile auf der Hand. Ältere bringen viel Berufserfahrung und Fachwissen mit. Sie verfügen über wertvolle Kompetenzen, wie Zuverlässigkeit, Loyalität und Selbstständigkeit. Für Mischteams gibt es sicherlich einige Vorteile. Man profitiert von den unterschiedlichsten Erfahrungen und kann somit eine gute Mischung aus »alt und neu« erhalten. 

Interview: Alexandra Foghammar
Foto: Michael Matejka

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