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Wer Angehörige pflegt, soll sich Pausen gönnen

Die Kinder sind ausgezogen, der Ruhestand ist in Sicht, es könnte bald losgehen mit dem unbeschwerten Rentnerleben. Doch dann sind plötzlich die eigenen Eltern auf Hilfe angewiesen und fordern Zeit und Aufmerksamkeit. Welche Verpflichtungen habe ich als Tochter oder Sohn? Darf ich auch mal »Nein« sagen? Und was ist, wenn Mutter oder Vater tatsächlich pflegebedürftig sind? Die Psychogerontologin und Soziologin Friederike Legal (48) von der Angehörigenberatung Nürnberg hat Antworten.

sechs+sechzig: Frau Legal, gibt es eine Art ungeschriebenen Generationenvertrag? Muss ich meinen Eltern helfen, wenn sie darauf angewiesen sind?

Friederike Legal von der Angehörigenberatung empfiehlt pflegenden Angehörigen auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Foto: privat

Friederike Legal: Es ist tatsächlich so, dass die Pflege kranker Menschen häufig als natürliche Aufgabe der Familie bezeichnet wird. Und die Zahlen stützen diese Annahme auch: 80 Prozent der Pflege wird unbezahlt geleistet. Erst neulich wieder hat mich eine mit der Situation überforderte Klientin gefragt, was sie denn tun solle. Sie stehe doch in der Schuld ihrer Eltern.

Und was haben Sie geantwortet?

Ich denke, eine Schuld zur Pflege der Eltern gibt es nicht. Eltern entscheiden sich aus freien Stücken dazu, Kinder zu bekommen. Dazu gehört natürlich ein hohes Maß an Fürsorge, Zeit und Kosten. Aber es ist kein Tauschvertrag, der da abgeschlossen wird, denn die noch ungeborenen Kinder können diesem Tauschgeschäft ja gar nicht zustimmen. Es gibt also keine Erbschuld, die wir begleichen müssen.

Trotzdem möchte ich meine Eltern aber vielleicht nicht hängen lassen, wenn sie Hilfe brauchen.

Absolut nicht! Aber es sollte nicht um Schuld gehen, wenn wir über die Pflege unserer Eltern nachdenken. Dahinter sollte vielmehr der Wunsch stehen, aus Liebe und Dankbarkeit für die Eltern da sein zu wollen. Pflege und Versorgung der Eltern sind keine Pflicht, sondern Ausdruck einer gelungenen Beziehung. Es gibt manchmal auch gute Gründe, wenn ein Kind diese Aufgabe nicht übernimmt, zum Beispiel, wenn Vernachlässigung, Gewalt oder Lieblosigkeit die eigene Kindheit und Jugend geprägt haben. In solchen Fällen ist es wichtig, sich abzugrenzen und Nein zu sagen, denn eine zugewandte Pflege ist meist nicht möglich, wenn man als Kind diese Zugewandtheit auch nicht erlebt hat.

Sind solche Belastungen der einzige Grund, sich abzugrenzen? Oder kann es auch egoistischere Motive geben?

Ich würde da nicht von Egoismus sprechen. Viele unserer Generation haben als Kinder gelernt, dass es egoistisch sei, sich um sich selbst zu kümmern. Hingegen könnte man auch das Wort Selbstfürsorge verwenden. Auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, ist nicht egoistisch. Ich kann ja auch Hilfe für meine Eltern organisieren, zum Beispiel über einen ambulanten Pflegedienst, und so dazu beitragen, dass sie gut versorgt sind. Dann bleibt mehr Zeit für die Zuwendung, die nur ich als Kind geben kann.

Nicht immer geht es gleich um eine richtige Pflegebedürftigkeit. Manchmal fordern Eltern auch »nur« das sonntägliche Mittagessen oder den täglichen Spaziergang ein.

Wenn es eher um eine Vereinnahmung geht und keine echte Pflegebedürftigkeit dahinter steckt, muss ich abwägen: Was ist für mich und mein Leben wichtig? Was kann ich anbieten und wie viel bin ich bereit, zu geben? Gerade wenn jemand nicht pflegebedürftig ist, sollte es möglich sein, dass ich als erwachsener Mensch mein Leben nach meinen Bedürfnissen gestalte. Bei den Elternteilen, die vielleicht unter dem Verlust ihres Partners leiden, steckt dahinter oft einfach der Wunsch nach Kontakt. Einsamkeit im Alter ist ein großes Thema. Wenn der Partner stirbt, ist das ein großer Einschnitt, dann sollen die Kinder das oft ausgleichen. Doch auch der Elternteil muss Verantwortung übernehmen und ins Handeln kommen. Kinder können das nicht kompensieren.

Was können Töchter oder Söhne denn dann tun?

In diesen Fällen könnte ich unterstützen, indem ich Anlaufstellen in der Nähe heraussuche und Hinweise geben, wie man in Nürnberg Kontakte knüpfen kann. Es ist wichtig, Grenzen zu setzen, sonst kann das zu einer Überforderung führen. Wenn das nicht gelingt, lohnt es sich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Warum denn das?

Wenn ich Probleme habe, mich mit den Eltern auseinanderzusetzen, wenn ich starke Schuldgefühle habe, weil ich meine, ihren Erwartungen nicht gerecht werden zu können, dann braucht es professionelle Unterstützung. Oft geht das Menschen so, die in ihrer Kindheit und Jugend nicht lernen durften, sich abzugrenzen und sich abzunabeln.

Bei einer echten Pflegebedürftigkeit ist so eine Abgrenzung jedoch nicht so einfach.

Genau, aber eine Selbstfürsorge ist gerade dann wichtig. Viele empfinden das Kümmern um die eigenen Bedürfnisse als egoistisch, dabei ist es ganz wichtig, um sich im Pflegeprozess nicht zu überfordern. Oft zieht sich dieser ja über Jahre hin. Wenn zum Beispiel ein Elternteil an einer Demenz erkrankt, kann das für die Angehörigen sehr belastend sein. Ich kann aber den pflegebedürftigen Menschen nur dann begleiten, wenn es mir selbst gut geht. Wir erleben leider immer wieder, dass Angehörige im Rahmen der Pflege krank werden und in die soziale Isolation geraten. Man muss sehr achtsam mit sich und seinen Grenzen umgehen.

Wie kann ich denn da vorbeugen, welche entlastenden Angebote gibt es für pflegende Angehörige?

Es gibt natürlich die Möglichkeit, Angebote der Tagespflege zu nutzen oder, wenn die häusliche Pflege nicht mehr zu stemmen ist, über den Umzug in ein Altenheim nachzudenken. Aber so oft ist das gar nicht nötig, immerhin 82 Prozent der über 85-Jährigen leben noch in der eigenen Wohnung. Den pflegenden Angehörigen hilft es, sich gut über Symptome und Verlauf einer Demenzerkrankung zu informieren – zum Beispiel in den Seminaren, die wir in der Angehörigenberatung anbieten. Wir haben außerdem eine Betreuungsgruppe, die zeitgleich mit einem Treffen für Angehörige angeboten wird. Außerdem vermitteln wir ehrenamtliche Helfer und bieten Freizeitgestaltung an, zum Beispiel unseren Demenzchor. Es ist wichtig, Pflege und Versorgung auf mehrere Schultern zu verteilen.

Interview: Silke Roennefahrt

Information

Kontakt zur Angehörigenberatung Nürnberg 
unter Telefon 09 11 272 37 30 
oder per Mail an info@angehoerigenberatung-nbg.de

 

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