Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König plant eine Würdigung der Nachkriegsgeneration und die Verkehrsberuhigung des Platzes vor dem Stadtmuseum Fembohaus. Foto: Matejka

Vor knapp einem Jahr ist Marcus König zum neuen Oberbürgermeister Nürnbergs gewählt worden. Die ersten Monate seiner Amtszeit standen vor allem unter dem Vorzeichen der Corona-Pandemie, dem alles beherrschenden Thema, nicht nur in der Kommunalpolitik. Das Magazin sechs+sechzig hat den 40 Jahre alten CSU-Politiker über seine Vorstellungen zur Senioren-, Kultur- und Verkehrspolitik befragt. In dem als Videokonferenz geführten Gespräch überraschte der OB mit der Ankündigung einer neuen Dauerausstellung für die Stadt und einem günstigen Ticket für Busse und Bahnen für Bedürftige.

sechs+sechzig: Auf Ihrer Webseite mit den Schwerpunkten Ihrer Politik, sind die Senioren nur schwer zu finden. Aber 19,7 Prozent der Nürnberger Bürgerinnen und Bürger sind über 65 Jahre alt. Weshalb haben Sie diese Personengruppe nicht prominenter platziert?

Marcus König: Im Wahlprogramm kommen die Seniorinnen und Senioren im Kapitel »Jung sein und alt werden« vor. Die Gruppe der Senioren ist mir sehr wichtig.

Eine Ihrer Aussagen lautet, niemand dürfe zurückbleiben. Die Alten haben aber häufig Angst, nicht gehört zu werden und nicht alles mitzubekommen, weil sich immer mehr ins Internet verlagert. Dort sie sind längst nicht alle aktiv. Wie stehen Sie im Kontakt mit den Senioren?

Zunächst einmal glaube ich nicht, dass sich Ältere der Digitalisierung verweigern. Aber natürlich ist nicht jeder auf Facebook oder Instagram angemeldet. Ich stehe im engen Kontakt mit dem Vorsitzenden des Stadtseniorenrats. Es geht um die Frage, wie wir das Problem lösen, dass sich jemand abgehängt fühlt. Der Computer-Club CCN 50+ spielt hier eine wichtige Rolle bei der digitalen Fortbildung Älterer. Ich bin außerdem dankbar für Nachbarschaftshilfen, und wir überlegen, so genannte Kümmerer einzusetzen, damit auch die angesprochen werden, die keine Bezugsperson mehr haben.

Was geschieht mit den Autos in der Innenstadt?

Für viele Ältere ist das Auto ein Mittel, am Leben teilzuhaben. Nun sollen die Autos immer mehr aus der Stadt verdrängt werden. Ist die Innenstadt dann nur noch ein Raum für die Jungen und Fitten? Es gibt ja viele Ältere, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Für die sind schon 500 Meter ein fast unüberwindliches Hindernis.

Ich gebe Ihnen Recht, dass viele Menschen auf das Auto angewiesen sind. Genau deshalb haben wir in unseren Mobilitätsbeschluss hineingeschrieben, dass auch in Zukunft das Auto in Nürnbergs Verkehrskonzept Bestand hat. Ich möchte das Auto nicht aus der Innenstadt verdrängen. Andererseits bekomme ich aber täglich Briefe, in denen Menschen fordern, dass wir eine autofreie Innenstadt brauchen. Viele vergessen aber, dass die Automobilindustrie eine Schlüsselindustrie in Deutschland ist. Ich bin auch der Meinung, dass viele Menschen auch künftig ein Auto besitzen werden – womit auch immer das dann angetrieben wird – ob mit Diesel, Benzin, Strom oder Wasserstoff.

Wir müssen vor allem schauen, wie wir die Autos in Zukunft unterbringen. Oft steht ja der freie Raum in der Stadt mit Autos voll, und viele Anwohner wollen am liebsten direkt vor ihrem Haus parken können. Lassen Sie uns in der Zukunft mehrgleisig fahren. Wir möchten Quartiersparkhäuser schaffen, die auch mit Ladestationen für E-Autos ausgestattet sind. Denn wie will jemand, der im dritten Stock in Johannis wohnt und keine Garage hat, sein E-Auto aufladen? Das sollen diese Quartiersparkhäuser ermöglichen. Darüber hinaus wollen wir den Menschen die Chance geben, auch den Öffentlichen Personennahverkehr zu nutzen. Es soll also kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander werden.

Der Ausflug in die Stadt ist für manche schon sehr teuer. Da sind schnell mal zehn Euro oder mehr an Parkgebühren in einem Innenstadt-Parkhaus fällig. Ist das sinnvoll?

Wenn man einen festen Parkplatz anmietet, kostet es auch Geld. Wir berücksichtigen beim Altstadtkonzept, dass Parkraum für Einkäufer oder Anwohner zur Verfügung steht, aber nicht für alle, die sich beruflich dort aufhalten und dort den ganzen Tag parken.

Im Moment gibt es ein echtes Problem am Hauptbahnhof. Es ist kaum möglich, auf dem Vorplatz einen Kurzparkplatz zu bekommen, um jemanden abzuholen oder an die Bahn zu bringen. Wird sich da etwas ändern?

Dort, wo jetzt noch die Container stehen, wird es zukünftig einen Parkplatz geben, um dort halten zu können und jemanden zum Zug zu bringen.

Für viele alte Menschen ist der ÖPNV ein teurer Spaß

Der ÖPNV ist in Nürnberg verglichen mit anderen Städten sehr teuer. Können Sie sich mehr Vergünstigungen für Ältere vorstellen?

Ich denke, da haben wir uns schon in die richtige Richtung bewegt. Wir haben Schülern und Azubis das 365 Euro-Ticket ermöglicht, und ich kenne natürlich die Forderung unseres Stadtseniorenrates, der so etwas auch für die Senioren möchte. Aber: Nicht jeder Senior ist arm. Da gibt es Unterschiede. Deshalb sind wir jetzt die erste Stadt, die all jenen, die den NürnbergPass haben, auch ein Monatsticket für 15 Euro pro Monat anbietet. Das ist, so finde ich, eine sensationelle Möglichkeit für 80.000 Menschen, sich in Nürnberg frei bewegen zu können. Man muss aber ehrlich sein, das kostet schon jetzt ein Vermögen: Wir haben Busse, U-Bahnen, Straßenbahnen. Das alles ist teuer. Wir haben eine Studie in Auftrag gegeben, die untersucht, was es kosten würde, wenn wir ein 365 Euro-Ticket für alle bekämen. Wenn die Studie fertig ist, möchten wir mit Bund und Freistaat verhandeln, ob Nürnberg eine Modellregion für das 365 Euro-Ticket werden könnte.

Die Benutzung von Bussen und Bahnen ist für viele ältere Menschen eine Herausforderung. Kann die Stadt etwas für mehr Barrierefreiheit tun?

Ja, das können wir. Es gibt Fördergelder von Bund und Land für Barrierefreiheit. Im ÖPNV geht’s aber auch um die Stationen und bauliche Hindernisse. Alle neuen Haltestellen sollen so konzipiert werden, dass sie barrierefrei sind.

Die Innenstadt soll aufgewertet werden. Durch Aktivitäten wie die City Offensive wird einiges angestoßen. Gehören da nicht mehr Bänke zum Ausruhen und so genannte »Dritte Orte« dazu, wo man sich aufhalten kann, ohne konsumieren zu müssen?

Wir müssen das Thema City/Innenstadt völlig neu denken. Wenn wir glauben, dass nach der Pandemie die Leute in die Stadt strömen wie vorher, täuschen wir uns. Auch ältere Menschen haben das Online-Einkaufen entdeckt. Es geht vielmehr um die Aufenthaltsqualität. Ich habe im und mit dem Deutschen Städtetag einen Marshallplan für die Innenstädte gefordert. Bei uns in Nürnberg sollten kulturelle Glanzstücke wie das Zukunftsmuseum mit Café und Ausstellungsräumen Anziehungspunkte sein. Zudem werden wir Pocket Parks wie in der Nonnengasse mit Bänken zur Verfügung stellen und weitere neu konzipieren. Der Platz vor dem Fembohaus soll neu gestaltet und vom Autoverkehr befreit werden.

Die Lieblingskinder des OB

Es gibt viele Baustellen, viele Pläne. Haben Sie denn ein »Lieblingskind«?

Ich habe eines in der Kultur und eines im Sozialen. Im kulturellen Bereich schwebt mir vor, eine Dauerausstellung in Nürnberg zu installieren zum Thema »Wiederaufbau« unserer schönen Stadt. Bisher wird in keinem Museum so richtig thematisiert, welche Aufbauleistung nach dem Zweiten Weltkrieg hier geleistet wurde. Ich will aber auch der jüngeren Generation zeigen, welche Aufbauarbeit Eltern und Großeltern nach dem Krieg vollbracht haben, damit wir jetzt wieder so eine intakte Stadt haben.

Und im Sozialen?

Auf der sozialen Seite möchte ich gerne das Projekt »Generationen-Netzwerke« vorantreiben, um junge Menschen mit älteren Menschen zusammenzubringen. Ich denke da an Wohnformen, wie wir sie schon mit der WBG forciert haben. Wieso sollen wir nicht ältere Menschen mit Studenten zusammenbringen können? Da kann man Kooperations- und Generationsverträge schließen. Es gibt verschiedene Modelle, die ich gerne vorantreiben möchte: gemeinschaftlich mit der WBG, aber auch mit den freien Trägern. Diese Senioren-Netzwerke, die wir jetzt in den Stadtteilen haben, möchte ich gerne öffnen, um den jungen Menschen eine Perspektive zu geben und sie einladen, auch Ältere kennenzulernen. Es gibt ja Beispiele wie »Oma liest vor« oder »Oma passt auf«. Da ist ja nicht die tatsächliche Oma gemeint, sondern eine fremde Person, die die Rolle der Oma übernimmt. Ich glaube, es täte unserer jungen Generation auch gut, dass wir sie mit der älteren Generation zusammenbringen. Diese zwei Projekte wären meine Lieblingsprojekte.

Sie sind mit Bürgermeisterin Julia Lehner als starkes Duo im Wahlkampf aufgetreten. Besteht immer noch eine enge Zusammenarbeit zwischen jüngerem OBM und erfahrener Kollegin? Und in welchen Punkten besonders?

Julia Lehner und ich verstehen uns sehr gut. Die ganze Stadtspitze ist ein gut eingespieltes Team, das zum Wohl der Nürnbergerinnen und Nürnberger hervorragende Arbeit leistet. Da beziehe ich gerne die neuen Referentinnen Britta Walthelm, Elisabeth Ries oder Cornelia Trinkl mit ein. Julia Lehner ist als Zweite Bürgermeisterin eine große Stütze. 

“Wir sind eine Kulturstadt – auch ohne den Titel”

Sie hätten mit Julia Lehner durch die Kulturhauptstadt ein gemeinsames Projekt gehabt, das nun nicht realisiert wird. Gibt es dafür etwas anderes?

Es tut uns schon weh, dass wir den Titel nicht erhalten haben. Aber wir sind eine Kulturstadt – auch ohne den Titel. Wir wollen kreative Künstler in der Stadt halten und neue hierher holen. Es beschäftigt uns die Frage, ob wir die Kongresshalle für Kulturschaffende öffnen. In Teilen der alten Feuerwache 1 in der Reutersbrunnenstraße könnte ein Zentrum für Kreativwirtschaft und Innovation entstehen.

Wir haben vorhin viel über die Innenstadt gesprochen. Aber in einigen Stadtgebieten, beispielsweise in der Südstadt, werden die Einkaufsmöglichkeiten weniger. Haben Sie als Stadtoberhaupt Pläne, da gegenzusteuern?

Das Kaufhaus im »Schocken« fehlt uns schmerzlich, das merken wir jeden Tag. Der »Schocken« wird jetzt abgebrochen und von der Firma Ten Brinke durch ein neues Gebäude ersetzt. Dort werden wieder Einkaufsmöglichkeiten entstehen, daneben Wohnungen und ein Kindergarten. Wir verbessern also in der Südstadt die Einkaufssituation und werten das Quartier auf. Wir versuchen natürlich auch andernorts zu helfen, wo wir Nahversorger brauchen. 

Was tun gegen die Einsamkeit Älterer?

In Nürnberg ist jeder zweite Haushalt ein Singlehaushalt. Auch alte Menschen sind davon betroffen. Arbeitet die Stadt an Konzepten zur Linderung der Einsamkeit?

Ja, es wird immer anonymer, die junge Generation lebt ein »Second Life« im Internet mit Sozialen Netzwerken. Wir haben andererseits Stadtteilzentren. Wir können immer wieder nur dahin einladen. Außerdem appellieren wir, dass man mal nach dem Nachbarn schaut. Früher hat man sich in der Hausgemeinschaft vorgestellt, wenn man eingezogen ist. Solche Kontaktaufnahme wäre wichtig.

Sie sind in jungen Jahren häufig bei den Großeltern gewesen. Wie haben diese Sie geprägt?

Sie haben mich sehr geprägt. Die Großeltern lebten in Neunhof. Oma und Opa waren etwas ganz Besonderes. Immer mit Verwöhnfaktor und wie ein Wellnessurlaub. Die Großmutter war eine Weltenbummlerin. Eine meiner schönsten Reisen war der Trip mit ihr nach New York und Los Angeles.

Interview: Petra Nossek-Bock, Werner vom Busch
Fotos: Michael Matejka, Wolfgang Gillitzer