Prof. Dr. Zhuan Bian, Dekan der School of Stomatology der Universität von Wuhan, beim Webinar. Foto: Newsimage

Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Dentalhygienikerinnen haben von allen Berufsgruppen das höchste Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Wer wüsste besser, was dieses Risiko bedeutet, wie man mit ihm umgeht und wie man es reduzieren kann als der Zahnmediziner Prof. Dr. Zhuan Bian, der Dekan der School of Stomatology der Universität von Wuhan? Seine Klinik liegt schließlich in der Stadt, von der im Dezember 2019 jene Pandemie ihren Ausgang nahm.

Die Botschaft von Professor Bian bei einem jetzt von der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) durchgeführten Webinar mit 9000 Teilnehmern war eindeutig: „Aufgrund der besonderen Merkmale zahnärztlicher Verfahren, bei der eine große Anzahl von Tröpfchen und Aerosolen erzeugt werden können, sind die Standard-Schutzmaßnahmen der täglichen klinischen Arbeit nicht wirksam genug, um die Verbreitung von COVID-19 zu verhindern, insbesondere wenn sich Patienten in der Inkubationszeit befinden oder nicht wissen, dass sie infiziert sind.“ Es gibt Hinweise, dass die Viren auf Oberflächen sowie in Aerosolen überleben und infektiös bleiben können. Auch infizierte, aber asymptomatische Patienten können die Erreger weitergeben. „Diese Eigenschaften machen die Kontrolle der Epidemie zu einer großen Herausforderung“, betonte der chinesische Zahnmediziner.

Private Zahnarztpraxen in ganz China wurden geschlossen

Im Januar 2020 hatte die Nationale Gesundheitskommission Chinas COVID-19 jener Kategorie der Infektionskrankheiten (Gruppe B) zugeordnet, die etwa SARS und das hochpathogene Vogelgrippe-Virus umfasst. Die Kommission riet darüber hinaus, dass alle Mitarbeiter des Gesundheitswesens Schutzmaßnahmen verwenden, die bei Infektionskrankheiten der Gruppe A empfohlen werden, zu denen Krankheitserreger wie Cholera und Pest gehören. Ab diesem Zeitpunkt wurde, berichtete Professor Bian, in den meisten Städten der Region zunächst nur noch eine zahnärztliche Notfallversorgung aufrechterhalten. Private Zahnarztpraxen in ganz China wurden geschlossen, jeweils abhängig von der epidemiologischen Situation. Inzwischen haben die privaten Praxen in China ihre Arbeit wieder aufgenommen – nur in Wuhan, dem Epizentrum der Epidemie, sind sie noch immer geschlossen.

Die Zahnklinik der Universität von Wuhan versorgte im vergangenen Jahr 890.000 Patienten und verfügt über rund 1100 Mitarbeiter sowie 820 Studierende. „Seit dem Ausbruch der Epidemie wurden neun Kollegen mit COVID-19 diagnostiziert“, berichtete Professor Bian. Trotz steigender Infektions- und Erkrankungsraten in der Region gab es keine weiteren Infektionen bei Mitarbeitern der Klinik. „Auf der Grundlage unserer Erfahrung und einschlägiger Richtlinien und neuen Erkenntnissen der Forschung, sollten Zahnärzte strikte Schutzmaßnahmen ergreifen“, betonte der Experte. Es gelte ebenso, Operationen und Eingriffe zu vermeiden oder zu minimieren, die Tröpfchen oder Aerosole erzeugen. Sobald Patienten die Klinik in Wuhan betraten, wurden sie nach ihrem Befinden gefragt, mit Schutzmasken versorgt und ihre Körpertemperatur gemessen. In Regionen, in denen sich COVID-19 stark ausbreitete, wurden elektive Behandlungen verschoben.

Den Einsatz antimikrobieller Mundspülungen empfohlen

Professor Bian empfahl den Einsatz antimikrobieller Mundspülungen vor einer Behandlung und riet, Verfahren, die bei Patienten Husten auslösen können, wenn möglich zu vermeiden oder sehr vorsichtig durchzuführen. Da eine Röntgenuntersuchung in der Mundhöhle (intraoral) die Speichelsekretion und den Husten stimuliert, sollte sie durch extraorale Röntgenaufnahmen ersetzt werden. Maßnahmen, bei denen Aerosole entstehen, sollten ebenfalls minimiert werden. Eine Abschirmung des zu behandelnden Zahnes gegenüber der Mundhöhle (Kofferdam) und großvolumige Speichelsauger können helfen, Aerosole oder Spritzer zu minimieren.

In der nachfolgenden Expertendiskussion betonte Professor Bilal Al-Nawas, Direktor der Klinik für MKG-Chirurgie von der Universitätsmedizin Mainz, dass angesichts der Dauer des Shutdowns und der Entwicklung der epidemiologischen Situation die Zahnmedizin nicht nur auf die Notfallbehandlung beschränkbar sei. „Da sich die schwierigen Zustände sicherlich über die nächsten Wochen hinweg ziehen werden, geht es nicht nur um Schmerzbeseitigung. Es geht auch um die langfristige Substanzsicherung und eine sinnvolle Diagnostik, sowie die Aufrechterhaltung der Kaufunktion“, betonte der Experte. Ebenso gelte es, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte mit ihrem Team eine individuelle Risikoeinschätzung für ihre Praxis vornehmen müssten. Sicherlich sei das Risiko der Übertragung von SARS-CoV-2 von Bundesland zu Bundesland verschieden und hänge auch von der Praxisstruktur ab. Al-Nawas: „Damit wird klar, dass ein allgemein gültiges Rezept für die Abläufe in der Zahnarztpraxis in die falsche Richtung führt.“

FFP2- oder FFP3-Masken und dichte Schutzbrillen erforderlich

Bezüglich der erforderlichen Schutzmaßnahmen erklärte Dr. Wolfgang Kohnen, Krankenhaushygieniker der Universitätsmedizin Mainz, dass das ganze Team mit Mund-Nasen-Schutz, Brille und Handschuhen für den Normalfall ausreichend geschützt sei. Bei der Behandlung von COVID-19-Patienten mit Aerosolbildung muss der Schutz jedoch intensiver sein: Dann sind sogenannte FFP2- oder FFP3-Masken und dichte Schutzbrillen erforderlich. Gleichwohl wurde in der Diskussion auch klar, dass die Einschätzung, ob ein Patient infiziert ist oder nicht, relativ schwierig ist – denn auch Infizierte, die keine Krankheitssymptome haben, können die Erreger weitergeben.

Einig waren sich die Experten, dass eine professionelle Zahnreinigung derzeit besser mit Handgeräten durchgeführt werden sollte als mit Ultraschall oder Airflow. Prof. Dr. Jürgen Becker, Direktor der Klinik für Zahnärztliche Chirurgie der Universität Düsseldorf, ergänzte, dass durch die Begrenzung der zahnärztlichen Therapiemaßnahmen, den erhöhten Hygieneaufwand, und durch die langen Raumlüftungszeiten nach Behandlungen die Einnahmen sinken und die Ausgaben steigen. Dies müsse durch den Gesetzgeber kompensiert werden.

Mehr am Telefon als am Patienten

Wichtig sei die Aufklärung von Patienten und vor allem des Personals, erklärten die Experten einmütig. In manchen Fällen seien die Teammitglieder verunsichert und zum Teil auch falsch informiert. „Darum kommt der Zahnärztin oder dem Zahnarzt neben der fürsorglichen auch eine zentrale kommunikative Rolle zu“, sagte Professor Al-Nawas. Auch die Patienten gelte es, entsprechend aufzuklären. „Wir müssen unsere defensivere Behandlung erläutern“, betonte Prof. Dr. Roland Frankenberger, Professor für Zahnerhaltung an der Philipps-Universität Marburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. „Darum sind wir momentan mehr am Telefon als am Patienten.“

Quelle: idw, Informationsdienst Wissenschaft