Laila Chekani-Azaran ( Ärztin im MVZ ) bei einer Untersuchung ( gestellte Situation ). Foto: Cindric

Viele Jahre ging Lena Bergmann (Name geändert) zu ihrem Hausarzt, nicht weit weg von ihrer Wohnung, und war sehr zufrieden. »Er hat meine Familie und mich gut gekannt«, sagt die 75-Jährige Nürnbergerin, »und gleich gemerkt, wenn mir etwas fehlt. Er hat mir nicht nur Medizin verordnet, sondern auch menschliche Zuwendung gegeben. Ich konnte mit ihm über alles reden und habe ihm voll vertraut.«

Dann war der Arzt weg. Aus Altersgründen gab er seine Praxis auf, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger fand er nicht. Für Lena Bergmann war ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) die räumlich günstigste Möglichkeit, sich behandeln zu lassen. Auch wenn es den auf Englisch etwas freundlicher klingenden Namen »Medic-Center« trägt, klingt es, zumal für ältere Menschen, doch zunächst einmal etwas unheimlich. Es ist nicht nur allgemeine Scheu vor dem unbekannten Neuen, das nun an die Stelle der Vertrautheit der Hausarzt-Praxis tritt: Auch Vorstellungen von unpersönlicher Behandlung verbinden sich damit und von Fließbandmedizin, bei der der oder die Einzelne nur noch eine Nummer ist. 

Anfangs schienen sich für Bergmann einige dieser Befürchtungen zu bestätigen. Gut, man könne sogar ohne Termin hingehen und müsse dennoch nicht lange warten. Aber allein die Größe des Gebäudes, die Rezeption, an der die vielen Patienten an die vielen hier praktizierenden Ärzte unterschiedlicher Disziplinen verwiesen wurden, habe ihr mehr Unbehagen als Vertrauen eingeflößt, sagt die Seniorin, auch wenn alle sehr freundlich und zuvorkommend waren. »Bei jedem Besuch hat mich ein anderer Arzt behandelt, jeder hat alles schön mitgeschrieben, was ich ihm sagte, und so musste ich einiges mehrfach erzählen.« Vier oder fünf unterschiedliche Allgemeinmediziner habe sie in relativ kurzer Zeit kennen gelernt. Bis ihr dann eine Ärztin verriet, dass sie auch verlangen könne, immer von dem- oder derselben behandelt zu werden – dann aber nur mit festem Termin.

Im Lauf der Zeit hat die Seniorin ihre Scheu abgelegt. Mit der guten alten Hausarztpraxis um die Ecke könne das Medic-Center natürlich nicht mithalten, sagt sie, aber sie hat sich arrangiert. Sie weiß auch den Vorteil zu schätzen, dass es Hausbesuche gibt (»eine Ärztin kam sogar um 22 Uhr«) und dass im selben Haus auch Fachärzte praktizieren, »das erspart mir lange Wege«.

Wie Lena Bergmann geht es vielen Patienten – und es werden immer mehr werden. In der Metropolregion gibt es ein weit gespanntes Netz an Medizinischen Versorgungszentren. Medic-Center deckt nach eigenen Angaben »im gesamten Nürnberger Raum einen enormen Teil der hausärztlichen Versorgung« ab und »stellt durch die große Bandbreite an medizinischen Fachbereichen eine Vielzahl fachärztlicher Leistungen zur Verfügung«. Dem Netz gehören neben dem Medic-Center (mit über 30 Praxen im Raum Nürnberg) zwei weitere MVZ mit insgesamt 16 Praxen an. Eine auf dem flachen Land ist nicht dabei.

Nachfolger der DDR-Polikliniken

Die 2004 eingeführten Versorgungszentren waren eigentlich als Nachfolger der DDR-Polikliniken gedacht, sind aber längst über den Klinikbereich hinausgewachsen, siehe Medic-Center. Bundesweit sind tatsächlich noch in der Mehrzahl Krankenhäuser – genauer: Krankenhaus-Gesellschaften, die selbst einen ökonomisch orientierten Konzentrationsprozess durchmachen – die Träger der MVZ. Die Zentren werden überwiegend als GmbH geführt, auch das Medic-Center. Dort ist allerdings Norbert Schöll, Facharzt für Allgemeinmedizin, alleiniger Inhaber und Leiter. Er beschäftigt ausschließlich angestellte Ärzte. Laufend werden neue gesucht, und »wir wachsen schön schnell«, sagt Geschäftsführer Michael Langer.

Es ist eine Wachstumsbranche, bestätigt die bayerische Ärztekammer, denn »der Trend zum angestellten Arzt nimmt zu«. Oft träten Zentren die Nachfolge von niedergelassenen Ärzten an, die in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig könnten wegen der Bedarfsplanung nicht alle angehenden Mediziner gleich eine eigene Praxis führen oder verzichten von sich aus darauf. Nach Ansicht des Medic-Centers zögen viele das Angestellten-Verhältnis mit festen Arbeitszeiten und der Möglichkeit von Teilzeitarbeit vor. Es gebe auch etliche, die deswegen ihre Praxis aufgeben und im Medic-Center arbeiten, wo, so Langer, »ihre Patienten nicht schlechter versorgt werden«. Im Versorgungszentrum hätten die Mediziner alle Räume und Geräte sowie das Fachpersonal zur Verfügung, und auch mit der komplizierten Abrechnung gegenüber Krankenkassen oder (privat versicherten) Selbstzahlern haben sie nichts zu tun.

Mit herkömmlichen Gemeinschaftspraxen haben MVZ übrigens wenig gemein. Dort praktizieren zumeist viel weniger Mediziner unter einem Dach, die in der Regel Vertragsärzte sind, allerdings Räume, Geräte und Personal teilen und gemeinschaftlich abrechnen.

Niedergelassene Ärzte sehen den Trend zu MVZ mit Sorge. Bislang gibt es in Mittelfranken 92 solcher Zentren, gegenüber 1675 Einzel- und 460 örtlichen und überörtlichen Gemeinschaftspraxen, aber die Zentralisierung nimmt zu. Die Kritik hat mit Konkurrenzdenken zu tun, mehr aber noch mit der Befürchtung, dass das Eindringen von Management- oder Kapitalgesellschaften in den ambulanten Gesundheitsmarkt die freie Arztwahl und selbständige Facharztpraxen gefährde – und damit auch das unerlässliche Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.

Zunehmende Kommerzialisierung

Es bestehe das Risiko, »dass Großkonzerne mit entsprechenden wirtschaftlichen Mitteln und juristischem Know-how reihenweise Zulassungen aufkaufen, um die ambulante Versorgung weiter zu zentralisieren«, heißt es in einer Stellungnahme der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), die im Landesausschuss von Ärzten und Kassen mit über die Zulassung von MVZ entscheidet. Sie befürchtet eine »immer weiter zunehmenden Kommerzialisierung des Gesundheitssystems mit einer Fokussierung auf ambulante Leistungen, die für die internationalen Geldgeber auch lukrativ erscheinen«.

Michael Langer widerspricht dem nicht nur mit Hinweis auf die ganz anders gelagerten Eigentumsverhältnisse des Medic-Centers: Die wachsenden medizinischen, technischen und hygienischen Anforderungen im Facharztbereich seien am besten durch Spezialisierung und Konzentrierung der Kompetenzen zu erfüllen. Die hausärztliche Versorgung solle dagegen in der Fläche bleiben – theoretisch, denn es ist auch ein wichtiger Zweig, in dem sich MVZ breit machen.

Der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands, Dr. Markus Beier, beurteilt diese Entwicklung kritisch. Er leitet in Erlangen selbst eine Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin und Innere Medizin. Er weiß aus eigener praktischer Erfahrung, wie wichtig das Vertrauensverhältnis ist, die emotionale Verbindung zwischen Patienten und »ihrem« Arzt. Sein Verband setzt sich, der Name sagt es schon, deshalb dafür ein, möglichst viele eigenständige Hausarztpraxen zu erhalten. Medizinischen Versorgungszentren könne man sich natürlich nicht komplett entgegenstellen, aber es sollten nicht zu viele werden. Um sie einzudämmen, seien schon ein paar Hürden errichtet worden, etwa, dass nur zugelassene Ärzte ein MVZ leiten dürfen und nicht mehr Vertreter der Anteilseigner. Man könne noch weiter gehen und vorschreiben, nur noch Vertragsärzten die Leitung in die Hand zu geben.

Beier sieht aber auch Hoffnungsschimmer. »Zum Glück«, sagt er, »wollen gerade in meinem Bereich viele junge Ärzte eine eigene Praxis eröffnen oder übernehmen.« Etliche arbeiteten nur in der Startphase in einem Praxisnetz, um sich später selbstständig zu machen oder in eine Gemeinschaftspraxis einzutreten, aber nicht in ein MVZ. Um ihnen den Einstieg in die Selbständigkeit und vor allem zu einer Niederlassung auf dem Land schmackhaft zu machen, gibt es ein Kooperationsprojekt zwischen der Universität Erlangen-Nürnberg und der Gemeinschaftspraxis Dr. Reinhardt in Effeltrich im Landkreis Forchheim, siehe einen weiteren Artikel zum Thema. Dessen Erfolg spricht für sich. 

Text: Herbert Fuehr; Foto: Mile Cindric